Rezension Tragikomisch und beängstigend aktuell: "Die rote Herzogin" von der Leipziger Schriftstellerin Svetlana Lavochkina

Svetlana Lavochkina ist im südostukainischen Saporischschja geboren und aufgewachsen. Dort spielt auch ihr neuer Roman "Die rote Herzogin", der zwei Tage vor Beginn des russischen Angriffskrieges beim Verlag Voland & Quist in Leipzig erschien, wo die Autorin mittlerweile lebt. Ihre adlige Heldin wirkt mit an einem Prestigeprojekt Stalins, dem Bau des Dnjepr-Staudamms. Als Frau des Bauleiters und Propagandachefin hofft sie, den drohenden Säuberungen zu entgehen. Wie sie strauchelt, das erzählt Lavochkina in einem tragikomischen Roman voll groteskem Sprachwitz und beängstigend aktuell. Unser Kritiker ist begeistert.

Porträt der ukrainischen Schriftstellerin Svetlana Lavochkina
Svetlana Lavochkina lebt seit mehr als 20 Jahren in Leipzig. Bildrechte: Pavel Gitin

Juden erlebten in der Sowjetunion üble Diskriminierungen. Auch nach dem Zusammenbruch des Regimes sahen sie sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Viele kamen als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. So wie Svetlana Lavochkina.

Zeitreise ins Saporischja zur Stalin-Zeit

Die 1973 in der Ostukraine geborene Schriftstellerin wohnt mittlerweile in Leipzig und brilliert jetzt mit einem Prosatext, in dem sie von einem Prestigeobjekt des Diktators Stalin berichtet, nämlich von der Errichtung des Dnjepr-Staudamms nahe der ukrainischen Metropole Saporischschja.

Dnjepr-Staudamm
Stalins Prestigeobjekt: Bau des Dnjepr-Staudamms für das einst drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt nahe der ukrainischen Metropole Saporischschja, 1931 Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS

Kolossales Staudamm-Projekt und pikante Affäre am Dnjepr

Das einst drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt zählte zu den Filetstücken des GOELRO-Plans und diente der Energieversorgung des Agrarlandes. Der amerikanische Konzern General Electric lieferte die nötigen Generatoren. Deshalb lässt Lavochkina einen fiktiven US-Architekten namens Hugh Winter das kolossale Projekt betreuen. Der schlittert in eine wilde Affäre mit der Gattin des Bauleiters hinein, die von der Autorin bizarr geschildert wird:    

Auszug aus "Die rote Herzogin Mister Winter, ein später Vierziger, ist in hervorragendem hydraulischem Zustand. Sein Bett ist für ihn ein Wattesee, geschwängert mit Strom. Wie ein Nonstop-Kraftwerk spindelt er Liebesbäche in die Turbinenschaufeln seiner Finger. Er inspiziert die feuchte Kavität, errichtet einen Schotterschutz, stoppt Lecks und prüft den Flutendruck mit vorbildlicher Sachlichkeit. Nach jeder hydraulischen Siesta fühlt sich Darja Katz wie ein Überlaufkanal, der mit Beton verfüllt wurde, doch das heiße Nachspiel-Bad verflüssigt die klotzige Schwere.

Rote Herzogin strauchelt in Sowjet-Despotie

Svetlana Lavochkina: Die rote Herzogin
Erschienen im Verlag Voland & Quist in Leipzig: "Die rote Herzogin", die Handlung des Romans spielt zur Stalin-Zeit in der Ukraine. Bildrechte: Verlag Voland & Quist

Darja Katz entpuppt sich als ungewöhnliche Frau. Bis zur Machtergreifung der Bolschewisten gehörte sie als Herzogin Woronchina dem Adel an, der sofort in Ungnade fiel. Um in ihrer Heimat den Säuberungswellen der Tyrannei zu entrinnen, heiratet sie den einfachen Techniker Chaim Katz. Klug versucht sie, sich den Bedingungen im proletarischen Staat anzupassen, aber es glückt ihr nur eingeschränkt. Insgeheim träumt sie unentwegt von der Ära unter Zar Nikolaus II. Am Ende strauchelt sie und landet wegen der Planung eines antikommunistischen Komplotts auf der Anklagebank.

Keine andere Epikerin fabuliert gegenwärtig dermaßen fesselnd über die Bitterkeit der Despotie.

Ulf Heise Literaturkritiker über Lavochkinas Roman "Die Rote Herzogin"

Kühn konstruierter, tragikomischer Roman voll groteskem Sprachwitz

Svetlana Lavochkina knüpft mit dieser Geschichte über eine ebenso sinnliche wie mutige Frau inhaltlich an ihren populären Roman "Puschkins Erben" an, der ebenfalls beim Verlag Voland & Quist in Leipzig erschien. Bereits darin zeigte sich die Künstlerin fasziniert von exotischen Metaphern und groteskem Sprachwitz. Bis heute speist sich ihr Stil aus kühnen Wortkreationen und grammatischem Risiko. Diese Eigenheiten schlagen sich zum Beispiel in einer Passage nieder, die von Vorbereitungen handelt, die es für den Bau der gigantischen Talsperre unbedingt braucht:  

Auszug aus "Die rote Herzogin  Nur noch Stunden sind es, bis die Schienenstränge sich treffen, bereit zum Transport endloser Schotterwaggons für den größten Wasserfresser im Arbeiterstaat. Glänzend und stramm rattern die Muskelgetriebe. In den zifferblättrigen Brustkästen klicken die Knochenrädchen. In Hämmer mündende Männerarme rotieren wild um die Schulterachsen, schlagen im Sekundentakt Bolzen in die eiserne Trasse. Aus den Steinbrüchen spritzen Schotterfontänen zum Himmel. Arbeitermienen erstarren in frenetischem Grinsen.

Keine andere Epikerin fabuliert gegenwärtig dermaßen fesselnd über die Bitterkeit der Despotie wie Svetlana Lavochkina. Die wirblige und tragikomische Form ihres Erzählens erinnert an Edgar Hilsenrath und Jakov Lind. Unter dem Strich bleibt ihr galliger und schmerzlicher Tonfall jedoch unverwechselbar.  

Angaben zum Buch Svetlana Lavochkina: "Die rote Herzogin"
Übersetzt aus dem Englischen von Diana Feuerbach,
Verlag Voland & Quist
128 Seiten,
20 Euro
   

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2022 | 18:50 Uhr

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