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Cecilia Joyce Röski, Jahrgang 1994, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL). Für ihren Debütroman "Poussi" wurde sie bereits vor der Veröffentlichung ausgezeichnet. Bildrechte: Hoffmann und Campe

DLL-Absolventin"Poussi": Leipziger Autorin veröffentlicht Bordell-Roman jenseits der Klischees

14. März 2023, 10:35 Uhr

Seit ihrer Kindheit lebt Ibli im "Palast", mit Anfang 20 schafft sie dort als Sexarbeiterin an. Das Etablissement mit dem glanzvollen Namen ist ein Bordell, das einst ihrem Vater gehörte. Klingt stumpf, ist aber Ausgangspunkt für einen spannenden Roman, der sich einer bemerkenswerten Sprache bedient. Cecilia Joyce Röski, Absolventin des Leipziger Literaturinstituts (DLL), nimmt die Leser*innen in "Poussi" mit ins Milieu und in ein dunkles Märchen. Und das jenseits der Klischees, findet unsere Kritikerin, die darin ein Beispiel für weibliche Ermächtigung sieht.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Ihr Name ist noch recht unbekannt. Die 1994 geborene und in Schleswig-Holstein aufgewachsene Autorin hat in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut studiert und bereits vor der Veröffentlichung ihres Debüts "Poussi" dafür einen Preis und ein Arbeitsstipendium bekommen.

Mit Anfang 20 Sexarbeiterin im Bordell des Vaters

Worum geht es? Die junge Ibli, Anfang 20, lebt in einem Bordell. Der "Palast" hat einst ihrem Vater gehört, der allerdings verarmt und spielsüchtig in der Gegenwartsebene des Romans bereits gestorben ist. Mit Lackschuh, wie er heißt, an der Hand begegnen wir der kleinen Ibli, die mit dem Klassismus in der Schule und mit der verwahrlosenden Behandlung durch ihre Eltern zu tun hat. Mittlerweile ist sie Sexarbeiterin.

Zitat aus "Poussi""Er steht da in der Tür und ist ein richtiger, wie sagt man, Adoinis. Jung, ganz reinliche Haut, mit geröteten Wangen, so schaut er mich an. Geh nicht weg. Er steht da und schaut mich an, ich sehe sein Hirn knisteln und knubbeln, er fragt sich: Will ich sie, oder will ich eine andere? Wie lange soll ich noch warten, hätte ich fast gefragt. Seine Augen fallen auf die Köstlichkeiten, die ich vorbereitet habe. Er dreht sich zu mir, der Poi kommt zu mir. Jackpot, juhu, so ein Adoinis; und er ist so zart. Ich sage es immer wieder: Kekse. Kein durchtrainierter Bodi kann es mit herrlichen Vanillekipfeln aufnehmen. Der Poi schließt die Tür, kommt auf mich zu, wellt so zu mir rüber. Es ist eine fließende Bewegung, wie er sich zu mir runterbeugt und mir den Venushügel küsst.

Er sagt: 'Süß.'“, (Zitat S. 8)

Iblis Freier heißen Pois und Adoinis

Bemerkenswert ist die Sprache, mit der Cecilia Joyce Röski arbeitet und die von Verschiebungen bestimmt ist. Freier heißen hier etwa Pois, was ein Fantasiewort ist, an das sich beim Lesen immer wieder andere Wörter anlagern: etwa Boy, Potenz, Polizei, Poussi, ein herrliches Spiel. Natürlich heißen die schönen Männer nicht Adonis, sondern Adoinis, und wenn Ibli sagen will, dass sie eine Waise ist, sagt sie: "Ich bin auch Schnuppel" – wie schnuppe, egal, allein.

Bermerkenswerte Fantasiesprache

Dieser Roman funktioniert wie ein Whirlpool mitten in einem See. So unmöglich wie erstaunlich. Und er zeigt, dass eine Erzählung auch mit einer Minimalhandlung auskommt, wenn die Sprache die Bewegung übernimmt. Natürlich passiert etwas; mit der Gegenwarts-Ibli lernen wir das Bordell kennen und die anderen Frauen, Zola etwa oder Noa. Wir lernen eine Gemeinschaft kennen, aus der sich Ibli nach einer Schlägerei löst, weil sie "der Adoinis" für 4.000 Euro mit nach Hause nimmt. Bloß, dass dann keine klassische "Pretty Woman"-Geschichte folgt, sondern Befremdliches, das hier nicht verraten werden soll. Doch die Handlung ist nicht das Wesentliche dieses Buches – sondern die Beobachtungen, die Beschreibungen.

Über Sex schreiben gelingt Cecilia Joyce Röski ohne Klischees

Über Sex zu schreiben ist das Anspruchsvollste, was sich eine Autorin vornehmen kann – und es gibt unendlich viele schlechte Beispiele selbst in der kanonisierten Literatur. Doch Cecilia Joyce Röski schafft es, kein einziges Klischee zu bedienen. Sie hat für alles, auch für den Sex, eine neue wunderliche wunderbare Sprache.

Cecilia Joyce Röski hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) studiert. Bildrechte: Jelena Ilić

Auch wenn der Roman ins Milieu führt: Er löst sich von den ersten Zeilen an von einer beschreibenden Ebene in ein dunkles Märchen, das die Hauptfigur nicht zuletzt sich selbst erzählt. Natürlich lässt es sich decodieren, und dabei wird klar, was wirklich passiert, wie die Machtverhältnisse aussehen, wie Gewalt eine Rolle spielt und auch Armut.

Weibliche Ermächtigung durch Sprache

Dieses Buch erinnert keinesfalls an die Reeperbahn-Literatur à la Heinz Strunk oder die Sexarbeitsbeschreibungen von Michel Houellebecq oder Henry Miller. Es erinnert eher an so starke Stimmen wie Fran Ross mit "Oreo" oder an das gerade mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete "Blutbuch" von Kim de l'Horizon.

"Poussi" zeigt eine weibliche Ermächtigung in einer an männlichen Bedürfnissen ausgerichteten Struktur – und das durch Sprache.

Mehr über Cecilia Joyce Röski

Für das Romanprojekt "Poussi" wurde Cecilia Joyce Röski mit dem Retzhofpreis für junge Literatur 2020 ausgezeichnet und mit einem Arbeitsstipendium des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt gefördert.

Cecilia Joyce Röski, Jahrgang 1994, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL). Sie veröffentlichte in Literaturzeitschriften, u.a. in Edit, Bella Triste, Honich und Metamorphosen. Cecilia Joyce Röski schrieb das Drehbuch der historischen Webserie "Haus Kummerveldt", die 2023 in der arte-Mediathek zu sehen sein wird. 

Quelle: Hoffmann und Campe

Angaben zum BuchCecilia Joyce Röski: "Poussi"
Hoffmann und Campe Verlag, 2023
264 Seiten
ISBN: 978-3-455-01550-8
24,- Euro

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 14. März 2023 | 08:40 Uhr