"die verbrechen" Erster Gedichtband von Ronya Othmann: Verse, die fesseln

Mit der Kurzgeschichte "Bleigießen" gewann Ronya Othmann 2015 den MDR-Literaturpreis. Damals studierte sie noch am renommierten Leipziger Literaturinstitut. Inzwischen gilt die 1993 geborene Münchnerin als Shootingstar der Erzählkunst. Ihr 2020 erschienener Roman "Die Sommer" wurde von den Kritikern nahezu einhellig gefeiert. Doch die Autorin beschränkt sich nicht nur auf Prosa: Unter dem Titel "die verbrechen" ist vor kurzem ihr erster Lyrikband erschienen.

"Die Verbrechen" von Ronja Othmann
"Die Verbrechen": Der erste Gedichtband von Ronja Othmann Bildrechte: Hanser Verlag

Rund 200.000 Mitglieder der jesidischen Religionsgemeinschaft leben heute im Exil in Deutschland. Denn in ihrer Heimat, die sich zwischen der Osttürkei und dem nördlichen Irak erstreckt, werden sie von militanten Islamisten bedroht. Ronya Othmann zählt zu dieser unterdrückten Minderheit und bekennt sich in ihrem Lyrikband "Die Verbrechen" klar dazu. Zum Beispiel mit einer Hymne auf die Stadt Afrin, in der trotz ständiger Verfolgungsaktionen noch immer Jesiden ausharren.

"in dieser Stadt liegen nur die Wände richtig. alles andere hast du gesehen. die mauern brechen den schatten am licht. alles kommt auf dich zurück, egal wie sehr du den kopf einziehst. der abdruck der landschaft am himmel, der abdruck des himmels auf deinem kissen."

Die Autorin Ronya Othmann sitzt auf einer Fensterbank und liest.
Ronya Othmann wurde in München als Tochter eines kurdischen Jesiden geboren. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Zwischen Leipzig und Nordsyrien

Regelmäßig verbrachte Ronya Othmann jedes Jahr einige Wochen bei ihrer jesidischen Familie in Nordsyrien. Aus den intensiven Eindrücken, die sie dort sammelte, speiste sich ihr Erfolgsroman "Die Sommer". Ihre Gedichtkollektion wirkt wie eine Fortführung dieses epischen Geniestreiches mit ebenso brillanten Stilmitteln. Etwa dann, wenn die Verfasserin einer Verwandten ein Denkmal setzt, die vor marodierenden Truppen floh, die ihren Wohnort terrorisierten.

Das Buchcover ist ein violett eingefärbtes Foto einer Wüstenlandschaft.
In ihrem erfolgreichen Roman-Debüt "Die Sommer" schrieb Othmann über das Dasein zwischen zwei Welten. Bildrechte: Hanser Verlag

"wenn die soldaten kommen, wohin rennst du, wenn der mais schon abgeerntet ist in die leeren felder, in die ackerfurchen, in den hühnerstall, unters stroh, in die aprikosenbäume, in die äste, in die blätter, zu den vögeln in den taubenschlag. was du wie einen film erzählst, den du gesehen hast, bloß niemand filmte. was dir abhanden kam, an diesem vormittag im september. was seine spuren hinterließ, wie das profil der reifen in der erde, die stiefel der soldaten, die deinen bruder mitnahmen, deinen vater, an diesem tag, so unverändert blau und an den rändern eingestaubt."

Jesidische und kurdische Wurzeln

Was ihre Herkunft anbetrifft, ist Ronya Othmann doppelt gebeutelt, denn sie besitzt nicht nur jesidische, sondern auch kurdische Wurzeln. Ihr Volk unterliegt einem schleichenden Genozid und wird von Politikern verschiedener Staaten im Nahen Osten schamlos instrumentalisiert. Kein Wunder, dass die Künstlerin diesen Zustand permanenter Gefährdung in verstörenden Zeilen thematisiert, deren innerer Rhythmus der weltberühmten "Todesfuge" von Paul Celan ähnelt.

"die angst ist immer ein mann, der unter deinem fenster auf und ab geht. die angst kennt keine grammatik, die angst stolpert nicht. die angst ist das stolpern zwischen zwei schritten. ein mann geht unter deinem fenster auf und ab."

Naturvisionen à la Günter Eich, Johannes Bobrowski oder Wulf Kirsten

Ronya Othmann erweist sich in ihren Strophen ungeachtet der tragischen und dramatischen Inhalte als ungemein experimentierfreudig. Sie fügt Wörter zu gewagten Klangteppichen zusammen, deren Zauber sich kaum jemand zu entziehen vermag. Vor allem ihre Naturbilder faszinieren. Darin verschmelzen Visionen, die zuweilen an Günter Eich, Johannes Bobrowski oder Wulf Kirsten erinnern. Aber Ronya Othmann ahmt nie nach, sondern wahrt ihren Tenor.

"du hast eine abmachung mit den disteln, du hast den ackerwinden versprochen, dem klatschmohn, den kletten. du wirst die holzwolle nicht verraten, nicht die tauben auf dem dach. die hunde, die heiser bellen. was sie gesehen haben, wird ihnen keiner glauben. nur du trägst ihren blick in den fremden staub, in die ränder großer städte.

abends ist die luft aus glas. die stromkabel von hausdach zu hausdach, als hätte jemand das dorf zusammen genäht, damit es nicht auseinanderbricht wie deine losen sätze, wenn du das fenster öffnest und sich die gardine aufbauscht, als würde sie etwas verbergen, doch es ist nur wind."

Die Autorin Ronya Othmann im Porträt
Ronya Othmann hat ihr Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig absolviert. Bildrechte: Cihan Camak

Verse aufgeladen wie Hochspannungstransformatoren

Die Verse Ronya Othmanns sind von turbulenten emotionalen Schwingungen geprägt. Sie pendeln auf der Stimmungsskala zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Nicht selten muten sie aufgeladen wie Hochspannungstransformatoren an. Die Energieströmungen in den Texten fesseln dermaßen, dass man bei der Lektüre bisweilen in einen regelrechten Rausch gerät. Daher entfalten die Poeme dieser Meisterin der Metapher jede Menge Suchtpotential.   

Das Buchcover von "die verbrechen" zeigt ein verschwommenes Foto.
Buchcover des Lyrikbands "die verbrechen" Bildrechte: Hanser Verlag

Angaben zum Buch Ronya Othmann: "die verbrechen"
Erschienen am 25. Oktober 2021 im Hanser Verlag
112 Seiten
20 Euro
ISBN: 978-3-446-27083-1

Literatur aus Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2021 | 18:40 Uhr