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"Unter Büchern" in der Alten HandelsbörseLeipziger Literaturgespräch: Kann man Schreiben lernen?

Stand: 22. März 2022, 04:00 Uhr

Sind Schriftsteller von der Muse geküsste Genies – oder kann man das Schreiben lernen wie ein Handwerk? Dieser Frage sind am 18. März in der Leipziger Alten Handelsbörse die Schriftsteller Kerstin Preiwuß und Tobias Hülswitt sowie die Lektorin Meike Rötzer im Literaturgespräch mit Carsten Tesch nachgegangen. Mit interessanten Ergebnissen, die Ihren Blick auf literarische Texte verändern könnten.

Lässt sich literarisches Schreiben erlernen – diese Frage hat beim Podiumsgespräch in der Alten Handelsbörse in Leipzig am 18. März zu interessanten Erkenntnissen geführt. Im Gespräch mit Moderator Carsten Tesch haben die Lektorin Meike Rötzer, der Schriftseller Tobias Hülswitt und die Schriftstellerin Kerstin Preiwuß Einblicke in ihre Erfahrungswelt gegeben und sind der Frage der Kreativität grundsätzlich nachgegangen.

Eine überkommene Frage?

So befand Schriftstellerin Kerstin Preiwuß, dass sie diese Debatte für sich selbst gar nicht führe. In Leipzig gäbe es ja das Deutsche Literaturinstitut, aus dem seit vielen Jahrzehnten Jahrgänge von Studierenden und Absolventinnen und Absolventen hervorgingen, sagte sie, mittlerweile seien es "auch Preisträgerinnen und Preisträger. Und immer wieder kommt diese Frage auf – und ich frage mich, wann hört sie mal auf?"

Der sogenannte Geniekult, der ist, glaube ich, mittlerweile Teil der Geschichte des Schreibens.

Kerstin Preiwuß, Schriftstellerin

Kerstin Preiwuß hat in Leipzig und Aix-en-Provence Germanistik, Psychologie und Philosophie studiert Bildrechte: IMAGO

Der Drang, weiterlesen zu wollen

Die Lektorin Meike Rötzer verwies aus Ihrer Erfahrung mit vielen Manuskripten in Verlagen, wo es immer wieder Texte gäbe, bei denen Einigkeit herrsche, dass hier jemand wirklich schreiben könne. Das sei so, wenn alle diesen Text weiterlesen wollen, weil er "eine ganz eigene Haltung ist, auf die Welt zu schauen, die Welt zu beschreiben – und das mit der Sprache so zu vermitteln, dass alle von uns weiterlesen möchten."

Meike Rötzer arbeitet seit vielen Jahren als Lektorin beim Verlag Matthes & Seitz Berlin Bildrechte: Julia von Vietinghoff

Preiwuß nahm den Faden des Lesedranges auf und brachte dabei die Sprache ins Spiel. Ist sie fähig, uns zu faszinieren, fragte sie. Es könne auch eine Sprache sein, die in dem jeweiligen Text gebraucht würde, die beispielsweise dazu fähig sei, uns vor den Kopf zu stoßen, so Preiwuß, oder uns zu zwingen, die Sprache noch einmal so wahrzunehmen wie beim ersten Mal, weil irgendetwas in der Zusammensetzung neu und anders sei. "Und dann werden Sie weiterlesen, weil es ungewohnt ist", betonte die Schriftstellerin und verwies auf das Gegenteil: "Wenn Sie hingegen nach drei Seiten Text das gewohnheitsmäßige Muster erkennen, weil Sie das schon so oft und oft und oft gelesen haben, werden Sie nicht mehr weiterlesen wollen."

Die Relevanz der Texte und des Schreibens

Hülswitt hingegen meinte, dass es nicht nur die Sprache sei, die in uns den Drang zum Weiterlesen wecke, sondern eine Relevanz, die diesen Effekt auslöse. Dazu habe er einen Unterschied zwischen literarischen und journalistischen Texten gefunden, den er als These beziehungsweise Gefühl formuliert wissen möchte: "Der Journalist, als Prototyp, schaut auf das Leben vom Leben her – und der Literat oder die Literatin, stereotyp oder vom Idealtypus her, schaut vom Tod her auf das Leben." Das sei für ihn ein fundamentaler Unterschied, sagte Hülswitt, und das mache, glaubt er, die Relevanz aus.

So kann man Schreiben unterrichten

Hülswitt führte zum Thema "Kann man Schreiben lernen?" seine Erfahrungen am Leipziger Literaturinstitut an – sowohl im Studium, wie auch beim Unterrichten, beispielsweise beim Entwickeln von Schreibseminaren. Zunächst betonte er, dass man am Institut keinen "Werkzeugkasten in die Hand" bekäme, allenfalls Regeln wie "Probiere es mal ohne Adjektive!". Es sei eher wie eine Psychoanalyse des Schreibens, jeder Text sei ein Patient, den man so lange bespricht, bis man ihn komplett zerlegt habe "und vielleicht auch noch irgendetwas drin findet, was funktioniert – aber noch viel mehr findet, was nicht funktioniert." Das sei für die Studierenden teilweise ziemlich hart.

Tobias Hülswitt bei einer Veranstaltung im Jahr 2006, ein Jahr zuvor hatte er schon eine Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig inne Bildrechte: IMAGO / Rau

Er selbst habe irgendwann bei der Lektüre von Karl Ove Knausgård festgestellt, dass man das Schreiben und Texte in relativ klar benennbare Elemente zerlegen könne: Wie entwickelt man eine Figur? Wie funktioniert ein Dialog? Wie entsteht Handlung? Wie verhält sich eine Figur? Welche Interaktion hat sie mit anderen Figuren? Was sind Ihre Wünsche? Und so weiter. Das könne man alles lernen – und auch unterrichten und beibringen, so Hülswitt.

Literatur trotz Buchmesse-Absage

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2022 | 20:00 Uhr