Porträt Junger Verlag aus Leipzig: Akono will Vielfalt afrikanischer Literatur zeigen

Schwarze Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten fliehen vor Ausbeutung und Versklavung. Ein zurückgezogener Künstler in Südafrika hinterlässt nach seinem Tod eine große Bibliothek und eine unübersichtliche Menge an Kunstdrucken. Ein nigerianischer Dichter schreibt über die politische Situation und das kulturelle Erbe in seinem Land. Das ist das erste Programm des jungen Leipziger Akono-Verlages. Jona Elisa Krützfeld hat ihn gegründet, um die Vielfalt von Literatur aus Afrika zu zeigen.

Eine Frau mit langen braunen Haaren und langem dunklen Mantel lehnt sich an eine besprühte Ziegelwand. 5 min
Die Leipziger Verlegerin Jona Elisa Krützfeld will für mehr Diversität auf dem Buchmarkt sorgen. Bildrechte: Lilly Paulsen

Ein bisschen Stolz ist in dem Lächeln von Jona Elisa Krützfeld zu erkennen. Immer wieder greift sie nach den Büchern vor ihr: ein schlichter hellgrauer Einband, ein schmaler Band mit Gedichten und ein grünes Buch mit Scherenschnitten. Die Texte stammen aus Nigeria, Südafrika und Liberia.

Die Kategorie afrikanische Literatur ergibt für Jona kaum Sinn und daher gründete sie einen für Verlag für Afrikanische Literaturen – also Mehrzahl. "Leider muss ich die Vorstellungen etwas reproduzieren, um sie wieder kaputtzumachen", erklärt die junge Verlegerin aus Leipzig. "Es geht darum, die Präsentation von Afrika, die in Deutschland vorherrscht, auseinanderzunehmen und die Vielfalt der afrikanischen Lebensrealitäten darzustellen."

Afrika-Studien in Leipzig

Diese Vielfalt hat Jona schon früh erfahren: Ihre Mutter war als Reporterin in afrikanischen Ländern unterwegs. Und weil sie alleinerziehend war, nahm sie ihre Kinder mit. Wenn Jona wieder zurück nach Deutschland kam, bemerkte sie immer eine große Diskrepanz zwischen dem, was sie erlebt hatte, und dem, was andere sich vorstellten. "Ich war damals ein Kind und ich habe mich einfach mit meinen Freunden ausgetauscht, darüber, was die denken, was Afrika ist", erinnert sie sich. 

Eine Frau mit langen braunen Haaren lehnt sich auf einen Tisch voller Bücher und zeigt lächelnd ein Buch in die Kamera.
Bisher konzentriert sich der junge Leipziger Verlag auf französisch- und englischsprachige Bücher. Bildrechte: Marcel Noack

Diese Frage beschäftigte sie später weiter, als sie Staatswissenschaften studierte. Von der Realität der Entwicklungsarbeit war sie allerdings schnell enttäuscht: Es ging ihr zu viel um Zahlen, um gebaute Straßenkilometer und funktionstüchtige Brücken, aber zu wenig um intellektuellen Austausch auf Augenhöhe. Schließlich begann sie in Leipzig Kulturwissenschaften zu studieren. Dabei besuchte sie auch regelmäßig Seminare der Afrikawissenschaften und engagierte sich in der Gruppe Leipzig Postkolonial.
  
Für Jona ist Dekolonisation, also der Versuch, die Nachwirkungen der Kolonialzeit zu bekämpfen, eine der wichtigsten Herausforderungen unserer Zeit. Die Aufgabe bestehe darin, "Gegennarrative zu stärken". Denn Jahrhunderte lang war Europa das Zentrum für Text- und Wissensproduktion. "Alle Archive sind voll, da kommt man gar nicht gegen an“, fasst Jona zusammen. "Das muss man rückwärts wieder abwickeln und ich sehe ich mich als ein Teil davon." 

Netzwerke für die Literatur

Bei einem Tansania-Aufenthalt las sie viele Bücher und fragte sich, ob es diese Geschichten auch auf Deutsch gibt. In Ruanda kam ihr dann die Idee: "Wir saßen zusammen, haben diskutiert und Bier getrunken. Dann habe ich gesagt: 'Wisst ihr was, Leute: Ich mache einfach meinen eigenen Verlag.' Und dann haben alle gesagt: 'Ja, gute Idee, mach das! Wir können uns vorstellen, dass du das kannst.'" Genau diese Unterstützung und diese Netzwerke scheinen Jona Kraft zu geben.  

Blick auf eine dicht bebaute Stadt, im Hintergrund erhebt sich ein Hügel.
In der ruandischen Stadt Kigali fasste die Leipziger Büchermacherin den Entschluss, einen Verlag zu gründen. Bildrechte: imago images/Edwin Remsberg

So entstand schließlich der Verlag mit Namen Akono – ein häufiger Nachname in Zentralafrika. Für die Gründung gab ihr ein Freund einen größeren Kredit. "Wir haben uns darauf geeinigt, dass ich mein ganzes Leben Zeit habe, um das zurückzuzahlen", erklärt Jona die Vereinbarung. Auch während der Pandemie konnte sie ihr Netzwerk immer weiter ausbauen. Ganz begeistert ist sie, wie leicht sie über die sozialen Medien Kontakt mit jungen Kunstschaffenden in Afrika in Kontakt gekommen ist. Eine wichtige Begegnung war das Treffen mit dem erfahrenen Übersetzer Thomas Brückner, der ebenfalls in Leipzig lebt. Die beiden haben sich sofort verstanden und realisierten gemeinsam das erste Herzensprojekt: "Sie wäre König". 

Vielfältige Bücher aus Afrika

Die junge Autorin Wayétu Moore erzählt von der Gründungsgeschichte Liberias als eine Geschichte von übernatürlich begabten Menschen, die Widerstand leisten und Unterdrückung bekämpfen.

Blick auf ein Buchcover mit einer Montage aus Mondbildern, Kreisformen und Pflanzen.
Band mit Gedichten des nigerianischen Dichters Samuel Osaze gehört zu den ersten Veröffentlichungen des Leipziger Verlages. Bildrechte: akono Verlag

Ergänzt wird das erste Verlagsprogramm von "Der Nachlass des Grafikers" der südafrikanischen Autorin Bronwyn Law-Viljoen. Sie zeigt einen zurückgezogen lebenden Künstler, der Rätsel, eine große Bibliothek und zahlreiche Kunstdrucke hinterlässt. Mit ihrem guten Freund und Dichter Samuel Osaze entwickelte Jona den Band "Der falsche Mond von Yenagoa" voller Gedichte über das Leben, die Probleme und die Kultur in Nigeria.  

Porträt von Wayétu Moore: Frau mit mehreren schwarzen Zöpfen und in einem weißen Hemd blickt in die Kamera.
Wayétu Moore erzählt in ihrem Roman von der spannenden Gründungsgeschichte Liberias. Bildrechte: Yoni Levy

Es hatte begonnen. In jener Nacht verweilte ich bei den dreien in ihrem Versteck. Wie sehr der Hort der Einsamkeit im Leben jedes Einzelnen auch gegenwärtig gewesen sein mochte, hier weilte eine Hoffnung, dass sie eines Tages vielleicht anderen begegnen würden. In diesem Augenblick schmolz die Hülle der Hoffnung und die Hoffnung streckte ihre Glieder und atmete und wurde Wirklichkeit.

aus: "Sie wäre König" von Wayétu Moore

Die Liste mit Titeln für künftige Buchprojekte bleibt lange. Perspektivisch möchte Jona jedes Jahr ein oder zwei Romane und im jährlichen Wechsel Bände mit Gedichten und Erzählungen veröffentlichen. Etwas zeitversetzt zum Buchverlag hat Jona auch ein Online-Magazin auf der Verlagsseite gestartet. "Das hat mir einfach nicht gereicht. Weil ein Buchprojekt lange dauert und dann nur eine begrenzte Reichweite hat", erklärt sie ihre Motivation. Das Ziel ist aber ähnlich: Sichtbarkeit schaffen. Dabei ist der Rahmen weiter: Jona übernimmt und übersetzt Artikel über Mode, Musik und auch Literatur aus afrikanischen Ländern. 

Mehr zu den Büchern

Wayétu Moore: Sie wäre König
448 Seiten
Gebunden, Softcover
ISBN: 978-3-949554-01-8

Bronwyn Law-Viljoen: Der Nachlass des Grafikers
330 Seiten
Gebunden, Hardcover
ISBN: 978-3-949554-03-2

Samuel Osaze: Der falsche Mond von Yenagoa
125 Seiten
Geklebt, Softcover
ISBN: 978-3-949554-00-1

Zukunft des jungen Verlags

Auch wenn die Verlegerin gute und ermutigende Erfahrungen in der Buchbranche gesammelt hat, gab es immer wieder auch "desillusionierende Momente", erzählt sie. Die Menge der Veröffentlichungen und Verlage wirkt manchmal einschüchternd auf die Neueinsteigerin. Noch anstrengender ist für sie "die Taktung im Literaturbetrieb, das Tempo", denn die Titel und Cover müssen lange vor der Veröffentlichung bekanntgegeben werden. "Das kann entmutigend sein, dass man wie ein Hamster im Laufrad versucht mitzurennen." 

Das alles fordert Jona besonders: Sie betreibt ihren Verlag bewusst alleine – auch weil sie sich gar keine Mitarbeitenden leisten könnte: "Ich habe noch nicht einen einzigen Cent verdient mit diesem Projekt." Neben ihrer Arbeit im Verlag muss sie derzeit noch "Lohnarbeit" leisten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. "Natürlich wäre es ein Traum von mir, dass ich irgendwann davon leben kann."  

Ob das gelingt, bleibt unklar. Doch für Jona hängt gute Arbeit auch gar nicht mit Geld zusammen: "Selbst wenn ich finanziell komplett crashe – was passieren kann – würde ich trotzdem nicht sagen, dass das Ganze gescheitert ist. Weil es ein paar Bücher gibt, die wir anfassen können, die in Läden ausliegen, die für Unterhaltungen sorgen, die Autorinnen und Autoren Sichtbarkeit geschafft haben und Geschichten, die Menschen berühren – das ist ja schon Erfolg."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2022 | 18:50 Uhr

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