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Die Leipziger Schriftstellerin und Performerin Martina Hefter Bildrechte: Sascha Kokot

"In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen"

Neue Lyrik der Leipziger Autorin Martina Hefter: Luftig, albern, tiefsinnig

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stand: 06. August 2021, 04:00 Uhr

Die in Leipzig lebende Künstlerin Martina Hefter hat zuletzt immer wieder mit ihren gattungsübergreifenden Arbeiten von sich reden gemacht. Die 1965 im Ostallgäu geborene Schriftstellerin verbindet poetische Texte mit Tanz und Performance. Für ihre Gedichtbände "Nach den Diskotheken", "Vom Gehen und Stehen" sowie "Es könnte auch schön werden" wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Nun ist ihr neuer Band unter dem Titel "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" erschienen.

Womöglich beschreibt der Band "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" den Prozess einer Verwandlung – im Sinne der Evolution sogar einer Rückverwandlung: Ein Mensch, genauer: eine Erzählerin, wird – zumindest an äußerlichem Volumen – immer weniger. Die Leipziger Autorin kehrt zurück in den Zustand des Elementaren, zurück zu den Bausteinen allen Lebens: Wasser, Luft und Chlorophyll.

Sie ernährt sich sozusagen von Pflanzlichem, um selbst zur Pflanze zu werden. Das lässt sich auch als Akt der Solidarität lesen. Denn nun kann sie mit den Pflanzen kommunizieren, sie womöglich beschützen: "Verhalt dich wie eine Pflanze, balz wie eine Pflanze", schreibt Martina Hefter. An anderer Stelle heißt es: "Ein Tütchen Samen in der Hand, streu ich Inhalt aus dem Fenster. Er geht mit dem Tag, geht dahin, versinkt im Licht. Die Pflanzen schwinden irgendwann, treten woanders wieder hervor, vorerst hier, reichen sie mir an die Stirn."

Martina Hefter schreibt über die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Bildrechte: MDR/Markus Kloth

Gedichte über ökologisches Bewusstein

Es ist – wie immer bei Martina Hefter – ein lyrisches Sprechen, das weniger auf knallige Bilder setzt, sondern auf ein unaufhörliches Verrrücken und Weiterdrehen feinster Wahrnehmungen. Auf dem Buch steht zwar Gedichte, doch in den Texten fließen Gedicht, Essay und Erzählung ineinander. Letztlich folgen die hier versammelten Textblöcke alle der einen, kühnen Bewegung: der Abkehr vom Zustand der Siegens, zu der meist Orgien von Fleisch, Leistung und Überlegenheit gehören: "Ich versuch, Splitter von mir zu entfernen aus den Bäumen ringsum." 

Auszug aus "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen"Wie säh sie aus, nützliche Askese?
Also mehr als: Den Streifen Himmel, im Fenster sichtbar von meinem Bett aus, über den Häusern als noch dünner ansehen.
Nur noch Haferflocken essen.
Kapitalismus aufessen, Hunger abschaffen, Wälder reparieren, Bäume schützen. Kein neues Bett kaufen, auf dem Fußboden schlafen.
Bett als unbestimmte Menge, wie Gras.

Im titelgebenden Text führt Martina Hefter vor, wie sich so etwas wie ökologisches Bewusstsein heutzutage entwickeln könnte – und in welche Fallen es geraten kann: Kann man sich heute mit gutem Gewissen ein Bett bei Ikea kaufen? Oder soll man sich besser selbst eines bauen? Oder überhaupt nur auf einem Haufen Laub schlafen? Aber wird, wer immer nur die Ressourcen bedenkt, nicht selbst zur Ressource?

Immer luftiger und alberner

Regelmäßig tritt Martina Hefter unter anderem in der Leipziger Schaubühne auf. Bildrechte: Helene Claussen

So nüchtern moralisch allerdings, wie es hier in der Zusammenfassung klingt, klingt es bei Martina Hefter selbstverständlich nicht. Es ist auffällig, wie Martina Hefter von Buch zu Buch immer luftiger und auch alberner wird. So wird ein eigentlich sehr trauriger Text (ein langer Nachruf auf eine im Jahr 2019 gestorbene Freundin) wird gerade durch die der Biografie der Verstorbenen abgelauschten komischen Details zu anrührender Literatur.

Auszug aus "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen"Einmal Luft mit einem Glas Licht bitte
Für mich der Halluzinationen Halloumi
Einmal Aminosäuredrink mit einem Schuss Kräuterblut plus
Für wen war die Nährlösung?
Hallo, wer hat die Nährlösung bestellt?
Ok niemand
Wer hat nichts bestellt, ah, Linn Meier
Nicht mal einen Teller Gurke mit Salz
Nicht mal eine Schüssel Heu mit Stroh
Nicht mal ein halbes Eiweiß ohne Gelb
Wie immer, Linn Meier hat nichts bestellt

Ein Buch, das bleibt

Jene Linn Meier ist eine Außenseiterfigur, die nun, aus dem Off, noch einmal die eigene, verwundete Biografie gegen die der anderen hält. Es ist ein seltsamer Trost, eine seltsame Kraft, die, wie so oft in der Literatur, von den körperlich untergewichtigen, seelisch aber überwachen Einzelschicksalen ausgeht: 

Auszug aus "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen"Morgen im Schlaf sterben, übermorgen im Schlaf sterben
an Herzstillstand sterben, an Nierenversagen sterben
nicht zur Party gehen oder doch zur Party gehen
aber nach einer Stunde heimgehen
fühlt mal, mein schwacher, flatternder Puls
wie der heillos überforderte Vogel
der durchs offene Fenster in mein Zimmer geplumpst ist

"In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" ist, von der ersten bis zur letzten Zeile, eine eigensinnig und zugleich fest im Hier und Jetzt verankerte Literatur. Außer, mit vielen dezent gesetzten, dem Fluss dieser Texte angepassten grafischen Details. Ein schönes Buch, ein gutes Buch, ein Buch für mehr als nur eine Saison.

Weitere InformationenMartina Hefter: "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen"
Erschienen bei kookbooks
96 Seiten
ISBN: 978-3-94833-610-3

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 04. August 2021 | 18:10 Uhr