Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung Buchpreisträger Karl-Markus Gauß: "Putin hat Europa geeint"

Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat sich in Essays, Reiseberichten und politischen Glossen immer wieder mit Osteuropa und der Ukraine beschäftigt. Für sein aktuelles Buch "Die unaufhörliche Wanderung" erhält er am 16. März den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Darin spielt die multikulturelle ukrainische Hafenstadt Odessa eine besondere Rolle. Diese sei ein Symbol für Europa, sagt Gauß im Interview – und zwar nicht erst seit dem Krieg. Und Gauß erklärt, was der Krieg für Europa bedeutet.

Karl-Markus Gauß, 2007 23 min
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MDR KULTUR: Wie verändert dieser Krieg den Kontinent?

Karl-Markus Gauß: Ich bin zwar eher ein Nachdenker als ein Vordenker, aber ich glaube doch, dass sich unglaublich Vieles verändern wird. Und dass wir an dem Tag, an dem wir alle in der Frühe erstaunt erwacht sind und gehört haben, dass die Ukraine tatsächlich überfallen wurde, dass wir ab diesem Tag eigentlich schon in einer neuen Weltordnung oder zumindest in der neuen europäischen Ordnung leben.

Sind die Ukrainer ein Vorbild für uns, so wie sie sich wehren gegen diesen übermächtigen Aggressor? Ein Vorbild letztlich für die europäische Idee?

Karl-Markus Gauß: Jedenfalls hat Putin einen Preis verdient dafür, dass er die Europäische Union geeint hat, wie sonst keiner. Aber man kann diesen Widerstand, den sie leisten, nur bewundern. Ich möchte aber jetzt nicht unbedingt – bei aller Sympathie, die ich selbstverständlich für die Ukraine hege – irgendwie nicht eine Militarisierung West- und Mitteleuropas das Wort reden. Da muss es auch andere Wege geben, bevor es so weit kommt, dass ein solcher Krieg vom Zaun gebrochen wird.

Der Preis, den Sie bekommen, heißt Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Nun sehen wir, dass Europa der Ukraine hilft, und wir sehen auch, dass der europäische Geist innerhalb der Europäischen Union, aber auch darüber hinaus offenbar gestärkt wird, weil man einen gemeinsamen Gegner hat. Aber dennoch retten wir die Ukraine nicht.

Karl-Markus Gauß: Wir retten sie nicht. Wissen Sie, ich beginne meine Rede in Leipzig mit den Worten: "Was sind das für Zeiten, in denen wir leben, in denen man eine Dankesrede nicht einmal zwei Wochen im Voraus schreiben kann?" Selbstverständlich – wir helfen der Ukraine. Aber wir helfen nicht in dem Maße, dass wir den Krieg des Aggressors auf dem Schlachtfeld, dem riesengroßen Schlachtfeld der Ukraine, zurückschlagen. Das stimmt.

Sie sind viel unterwegs gewesen in dieser Ukraine, natürlich vor dem Krieg. Das beschreiben Sie auch in vielen Texten und Büchern. Das kann man auch nachlesen in Ihrem aktuellen Buch "Die Jahreszeiten der Ewigkeit", ein Journal von 2014 bis 2019. Was für eine Ukraine haben Sie erlebt, die sie 2019 zuletzt besucht haben?

Karl-Markus Gauß: Eine sehr vielgestaltige. Unser Bild von der Ukraine als einem national verfassten Staat – das habe ich überhaupt nicht gefunden. Die Ukraine ist ein Land, in dem es sehr viele Minderheiten gibt, nicht nur die große, große Minderheit der Russen, sondern auch sehr viele andere. Und die finden dort alle nicht nur ihr Auskommen, sondern identifizieren sich auch mit diesem Staat.

Es ist wirklich eine Fehlmeinung, die Ukraine wäre ein Staat, in dem eine gnadenlose Ukrainisierung stattfände oder Ähnliches. Das ist diesem Staat historisch völlig fremd. Es ist eigentlich ein – auch im europäischen, westeuropäischen Maßstab gesehen – ein Staat vieler verschiedener Nationen, die dort alle ihre Sprachgruppen, Nationalitäten, ihre Heimstatt haben.

Aber was hält die vielen unterschiedlichen Menschen in der Ukraine zusammen?

Karl-Markus Gauß: Ja, ich glaube, dass das jetzt so etwas wird, wie eine Willensnation. Wir dürfen eines nicht vergessen: Es gibt ja Gebiete in der Ukraine, in der die russischstämmige oder russischsprachige Bevölkerung die Mehrheit stellt. Zum Beispiel in der gerade umkämpften Stadt Charkiw oder auch in Mariupol. Da sind die Russen tatsächlich als Bevölkerungsgruppe in der Mehrheit. Aber, was wir hören, ist eben nicht, dass die dann mit wehenden oder weißen Fahnen den russischen Truppen entgegengehen und sagen: "Herzlichen Dank, endlich befreit". Nein, gerade dort ist der Widerstand auch sehr stark oder besonders stark.

Das heißt doch nur, dass mittlerweile auch die russischstämmigen, russischsprachigen Menschen in der Ukraine, zu einem sehr großen Teil, die Ukraine als ihr Land betrachten. Vorher, vielleicht noch vor 30 Jahren, wäre es Russland gewesen. Aber sie sehen, dass die Ukraine, die man jetzt nicht als eine wunderbare Demokratie preisen darf, trotzdem viel eher ihr Land ist, als das autoritär verfasste Russland.

Karl-Markus Gauß
Der preisgekrönte österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß war zuletzt 2019 in der Ukraine und pflegt dort viele Freundschaften. Bildrechte: IMAGO / SKATA

Akut bedroht ist auch die wunderschöne Stadt Odessa am Schwarzen Meer, die Sie auch in Ihrem Buch beschreiben und besucht haben. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Karl-Markus Gauß: Odessa ist ein Name oder ein Symbol für ein Europa, das weit über die Ukraine oder Russland – oder wer auch immer das Sagen hat – hinausweist. Denn das ist eine der ganz wenigen multikulturellen Städte Europas.

Odessa ist eine Stadt, die darauf gründet, dass es hier viele Völkerschaften waren, die von Katharina der Großen dorthin gerufen wurden. Dort gab es noch keine Stadt am Ende des 18. Jahrhunderts. Es wurde ein Aufruf gestartet: Ihr Europäer aller Nationen, kommt her und baut hier eine neue Stadt auf! Was übrigens in kurzer Zeit grandios gelungen ist, denn Odessa war und ist, übrigens heute noch, eine der wesentlichen Hafenstädte von Europa.

Das Interview führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. März 2022 | 08:20 Uhr

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