Porträt Portugal von Leipzig aus entdeckt: Der Leipziger Literaturverlag

Oft sind es die unabhängigen Verlage, die das Wagnis eingehen, fremdsprachige Werke von unbekannten Autorinnen und Autoren ins Deutsche zu übersetzen. Der Leipziger Literaturverlag schreitet mit gutem Beispiel voran: Bereits für die Buchmesse 2021 bot der Verlag ein Programm mit acht portugiesischsprachigen Büchern, darunter vor allem Romane und Gedichtbände. Nun ist Portugal mit Absage der Leipziger Buchmesse erneut um seinen großen Auftritt gebracht worden. Doch die Bücher des Leipziger Literaturverlags sind geblieben – und es lohnt sich, sie zu entdecken.

Buchcover: Helia Correia: Tänzer im Taumel; Cristina Carvalho: Der Kater aus Uppasala; Helia Correia: Das dritte Elend; Maria Gabriela Llansol: Lissabonleipzig 6 min
Bildrechte: Collage: Leipziger Literaturverlag / MDR
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Rebekka Adler mit einem Porträt über den Leipziger Literaturverlag, der seit 2004 unter anderem portugiesischsprachige Bücher verlegt. Warum es sich lohnt, die Vielfalt lusophoner Literatur zu entdecken.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 18.03.2022 18:00Uhr 05:44 min

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Möchte man sich von Leipzig aus auf eine literarische Exkursion nach Portugal begeben, führt der Weg in den Stadtteil Schleußig. In der Brockhausstraße 56 hat der Leipziger Literaturverlag seinen Sitz. Von hier aus beobachtet Verleger Viktor Kalinke seit nun mehr 20 Jahren, was an den literarischen Rändern Europas gedacht und vor allem geschrieben wird.

Seine Faszination für die Prosa und Lyrik Portugals weckte der Roman "Im Garten der Nussbäume", geschrieben von der 1940 in Lissabon geborenen Schriftstellerin Yvette Centeno. Das Buch schildert die neue portugiesische Realität nach der Nelkenrevolution 1974, die das Land nach mehr als 40 Jahren von der Salazar-Diktatur befreite. Das kuratorische Prinzip der portugiesischen Reihe des Leipziger Literaturverlags fußte damit zunächst auf regimekritischer Literatur, die oftmals im Exil verfasst wurde.

Viktor Kalinke
Viktor Kalinke gründete 1998 zusammen mit Marion Quitz den Verlag Edition Erata, später umbenannt in Leipziger Literaturverlag. Bildrechte: Viktor Kalinke

Die portugiesische Reihe des Leipziger Literaturverlags

Doch nicht nur die zwischen den Zeilen versteckten subversiven Botschaften überzeugten Viktor Kalinke, sondern natürlich auch die literarische Qualität des Geschriebenen. Zu den portugiesischsprachigen Autorinnen im Programm des Leipziger Literaturverlags gehört auch Hélia Correia, deren Vater im Widerstand gegen die Salazar-Diktatur inhaftiert wurde.

In ihrem Roman "Tänzer im Taumel", übersetzt von Dania Schüürmann, erzählt Correia von einer Gruppe Flüchtender mit dem Ziel, das Meer zu erreichen. Die Frauen der Gruppe werden dabei zu Anführerinnen und Kämpferinnen. Europa werden sie jedoch niemals erreichen. Für Kalinke zeichnet diese Autorin neben ihrer hochpoetischen Sprache auch ihr visionärer Blick aus: "Sie hat eine ganz tiefe Begabung, die Zukunft zu fühlen. Das ist etwas, was ich in der deutschen Literatur gar nicht so finde."

Nelkenrevolution
Die Nelkenrevolution am 25. April 1974 verdankt ihren Namen den roten Nelken, die sich Soldaten beim Militärputsch gegen die autoritäre Diktatur des Estado Novo in die Gewehrläufe gesteckt hatten. Bildrechte: IMAGO / Xinhua

Kollektives Gedächtnis der einstigen Seefahrernation

Heute hat der Leipziger Literaturverlag sein literarisches Spektrum deutlich erweitert. So findet sich im aktuellen Programm ein Buch mit dem Titel "Der Kater aus Uppsala". Ein Jugendroman der Autorin Cristina Carvalho, der vom Untergang der schwedischen Galeone Vasa im 18. Jahrhundert erzählt. Ein Thema, das auf den ersten Blick nichts mit der portugiesischen Realität zu tun hat, sich letztlich aber doch aus dem kulturellen Gedächtnis der einstigen Seefahrernation speist.

Die Hinwendung zum Meer als wiederkehrendes sujet, findet Viktor Kalinke auch im Werk der Schriftstellerin Maria Gabriela Llansol: "Es ist ein anderer, ein atlantischer und vom Meer geprägter Zugang zu Europa. Wir sind doch eher kontinental geprägt, das Decartsche Bild hat sich sozusagen bei uns durchgesetzt. Und das finde ich bei Llansol und anderen Autorinnen von uns wieder: Es geht eher um eine Lebensweise des Entdeckens und des auf der Suche Seins. Nicht um das abschließende Beweisen und Rechthaben, sondern um die Unsicherheit und das sich in Frage Stellen."

Buchcover: Helia Correia: Tänzer im Taumel; Cristina Carvalho: Der Kater aus Uppasala; Helia Correia: Das dritte Elend; Maria Gabriela Llansol: Lissabonleipzig
Das aktuelle Programm des Leipziger Literaturverlags umfasst acht portugiesischsprachige Titel, u.a. von Hélia Correia, Cristina Carvalho und Maria Gabriela Llansol. Bildrechte: Collage: Leipziger Literaturverlag / MDR

Fernando Pessoa trifft auf Johann Sebastian Bach

Die europäische Idee der Gewissensfreiheit, über die Viktor Kalinke spricht, schlägt sich in Maria Gabriela Llansols Opus Magnum mit dem Titel "Lisboa Leipzig" nieder, ins Deutsche übersetzt von Markus Sahr. Im Buch folgt der portugiesische Nationaldichter Fernando Pessoa aus Lissabon einer fiktiven Einladung von Johann Sebastian Bach nach Leipzig. Zwei Konzepte von europäischer Kultur prallen aufeinander:

"Der Verwandlungskünstler Pessoa, der sich in seiner Identität nicht festlegt, der in seinem Denken so fließend und schwimmend ist. Und auf der anderen Seite Bach mit seinen fast mathematisch präzisen Fugen und Kompositionen, stellt dazu den Gegenpol dar. So zeigen sich verschiedene Konzeptionen von dem, was Europa ist und was es eigentlich sein könnte."

Fernando Pessoa
Die Statue des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa ist ein beliebtes Wahrzeichen in Lissabon. Bildrechte: IMAGO / HMB-Media

Portugiesischer Blick auf Europa

Der Blick auf die mythische Heimat dieses Europas beschäftigt auch Hélia Correia. Ihr von Michael Kegler übersetzter Gedichtband "Das dritte Elend" stellt eine Reaktion auf die strikten Sparpläne dar, die Griechenland im Zuge der Finanzkrise von der EU auferlegt wurden. Hochpoetisch kritisiert die Dichterin allem voran die Selbstvergessenheit europäischer Demokratien:

A terceira miséria é esta, a de hoje.
A de quem já não ouve nem pergunta.
A de quem não recorda.

Das dritte Elend ist dieses von heute.
Das derer, die nicht mehr hören, nicht fragen,
Derer, die nicht erinnern.

Hélia Correia "Das dritte Elend"

So wie Griechenland auch war Portugal prägend für die europäische Kultur. Das Bewusstsein hierfür schärft der Leipziger Literaturverlag: Mit seinem sorgfältig kuratierten Programm, bestehend aus hochkarätigen literarischen Übersetzungen und spannenden Ausflügen in die lusophone Welt, rückt der kleine Verlag Portugals vielfältige Literatur vom westlichsten Rand Europas ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit.

Leipziger Literaturverlag
Der Leipziger Literaturverlag hat seinen Sitz in der Brockhausstraße 56. Bildrechte: Viktor Kalinke

Veranstaltungshinweis 19. März ab 18 Uhr:
Portugiesischer Salon mit Maria Gabriela Llansol, Yvette Centeno, Cristina Carvalho, Hélia Correia und den Übersetzern Markus Sahr und Michael Kegler

Veranstaltungsort:
Kulturgenussladen I Leipziger Literaturverlag
Brockhausstraße 56, 04229 Leipzig

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2022 | 18:30 Uhr

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