100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt Warum es sich lohnt, Dürrenmatts "Mondfinsternis" neu zu entdecken

Am 5. Januar 2021 wäre der Schriftsteller und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass hat MDR KULTUR die eher unbekannte Erzählung "Mondfinsternis" wiederentdeckt und für die "Lesezeit" neu produziert. Gelesen wird sie vom Schweizer Schauspieler Stefan Merki. MDR KULTUR-Redakteur Steffen Moratz erklärt im Interview, was diese Erzählung besonders macht.

Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Durrenmatt,  Paris 1985
Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Dürrenmatt Bildrechte: imago/Leemage

MDR KULTUR: Warum haben Sie gerade diese doch eher unbekannte Erzählung ausgewählt? 

Steffen Moratz: Gleich mehrere Gründe haben uns zu dieser Entscheidung bewogen: Zunächst, eher ein schöner Zufall als ein Grund vielleicht ist, dass diese Geschichte "Kurz vor Neujahr" spielt, wie es gleich im ersten Satz heißt. Aber viel wichtiger ist, dass es sich hierbei zwar um ein eher unbekanntes Prosastück handelt, das jedoch in seiner Reichweite – nicht zuletzt für Dürrenmatt selbst – kaum zu unterschätzen ist. Denn diese Erzählung ist gewissermaßen eine Vorstufe in Prosa zu seinem wohl berühmtesten Theaterstück, das auch seinen Weltruhm begründete und noch heute viel gespielt wird: "Der Besuch der alten Dame". Der Plot und die Hauptmotive des Dramas sind hier bei Dürrenmatt schon vorhanden, wenngleich das Personal noch ein anderes ist – inklusive der Hauptfigur, die in der "Mondfinsternis" ein Mann ist und Walt Lotcher bzw. Walti Locher heißt. Und hinzu kam außerdem, dass Dürrenmatt mit dieser Erzählung gleichsam auch ein Stück Autobiografie liefert.

Wie sehr ist Dürrenmatts Autobiografie Teil dieser Erzählung?

In seinem großen Spätwerk, das als "Stoffe-Projekt" herausgegeben wird, verwebt Friedrich Dürrenmatt immer wieder autobiografische Erinnerungen mit teils philosophischen, teils fiktionalen Texten und schafft so eigentlich eine ganz eigene Form der Prosa. Einer dieser "Stoffe" trägt den Titel "Mondfinsternis". Und auch hier ist es so, dass Dürrenmatt Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend nachspürt, um zu sehen, woher bestimmte Ideen und Motive, die in seinen Geschichten vorkommen, herrühren. Das ist in vielerlei Hinsicht sehr interessant, sind es doch oft aus dem damaligen Erleben Belanglosigkeiten oder Ereignisse, die für ihn zunächst keine wichtige Rolle gespielt haben. In diesem Fall sind es seine Erinnerungen an einen Aufenthalt in einem Schweizer Bergdorf im Jahr 1941 vor Beginn seines Studiums.

Sie haben für diese Lesung den Theater- und Film-Schauspieler Stefan Merki ausgewählt und ins Hallenser Studio zu den Aufnahmen gebeten. Wie kam es zu dieser Besetzung?

Der Schauspieler Stefan Merki
Der Schauspieler Stefan Merki Bildrechte: Luis Zeno Kuhn

Gleich beim ersten Lesen der Erzählung war mir klar, dass das unbedingt ein Schweizer Schauspieler lesen sollte. Der Grund hierfür ist nicht allein in den für uns geradezu zungenbrecherischen Personen- und Ortsnamen zu suchen – wenngleich das allein schon so eine Besetzung rechtfertigen würde. Aber man spürt eben in der ganzen stilistischen Art, insbesondere natürlich in der wörtlichen Rede, im Dialog, dass hier sehr viel Lokalkolorit eingeflossen ist. Und wenn sich das dann in der Dialektfärbung und im Rhythmus der Sprache niederschlägt, ist das ganz klar ein Gewinn für diese Umsetzung und Interpretation von Literatur.

Hinzu kommt noch: Das ist schon ein teilweise recht derber und grotesker und manchmal sogar etwas zotiger Text. Gerade dafür ist der Dialekt hilfreich, den Dürrenmatt ja selbst auch gesprochen hat, wie wir in einer kleinen Autorenlesung in der Lesezeit an seinem 100. Geburtstag dann auch hören können.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Durrenmatt,  Paris 1985 6 min
Bildrechte: imago/Leemage

MDR KULTUR - Das Radio So 27.12.2020 13:00Uhr 06:27 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Schweizer Autor und Dramatiker Friedrich Durrenmatt,  Paris 1985 6 min
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