Filmpreview in Leipzig "Lieber Thomas": Film über Thomas Brasch jetzt im Kino

20 Jahre nach dem Tod von Thomas Brasch kommt mit "Lieber Thomas" ein Schwarz-Weiß-Biopic ins Kino – angelehnt an das wilde Leben des Schriftstellers, Drehbuchautoren, Übersetzers und Regisseurs. Albrecht Schuch, der jüngst in "Fabian" und "Schachnovelle" glänzte, spielt den Dichter als heftigen Rebellen, der weder in der DDR noch nach seiner Ausreise 1976 in die BRD bereit war, sich anzupassen. Braschs Geliebte Katharina Thalbach wird von Jella Haase ("Fack ju Göhte") gespielt. Regisseur Andreas Kleinert ("Tatort") zeige kein klischeehaftes Bild der DDR-Diktatur-, sondern ein facettenreiches Lebens- und Geschichtsbild, lobt Andreas Kötzing, freier Filmjournalist und Historiker im Interview. "Lieber Thomas" feierte am 8. November 2021 im Leipziger Passage Kino in Anwesenheit des Regisseurs und der Hauptdarstellerinnen Premiere.

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach 2 min
Bildrechte: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)
2 min

Ab 11. November im Kino, Leipzig-Premiere am 8. November im Passage Kino.

So 07.11.2021 11:10Uhr 01:52 min

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MDR KULTUR: "Lieber Thomas" behandelt das Leben des Schriftstellers, Dramatikers und Regisseurs Thomas Brasch. Es war sehr bewegt – schafft es der Film, dem gerecht zu werden?

Andreas Kötzing, freier Filmjournalist und Historiker: Sicher nicht in allen Facetten, aber der Film ist auch kein klassisches Biopic. Er orientiert sich an der Biografie von Thomas Brasch, ohne sein Leben vollständig nachzuerzählen.

Andreas Kötzing 6 min
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Das wäre auch ein hoffnungsloses Unterfangen, wenn man an die ganzen Umbrüche denkt: Die jüdische Herkunft seiner Familie, das widersprüchliche Verhältnis zum Sozialismus in der DDR, die Konflikte mit dem Vater, der Rauswurf von der Filmhochschule, die Stasi-Haft, schließlich sein Weggang in den Westen – wo er auch nicht wirklich heimisch wurde.

All diese Aspekte greift der Film auf, widersteht aber der Versuchung, daraus eine geschlossene Geschichte machen zu wollen. Es geht nicht um eine "endgültige" Wahrheit über Thomas Brasch, sondern um eine Annäherung mit künstlerischen Mitteln. Das fand ich sehr spannend. 

Große Dramen: Mehr über die "Familie Brasch"

In der Familiengeschichte der Braschs spiegeln sich die Konflikte des 20. Jahrhunderts am Küchentisch: Horst Brasch, Antifaschist und jüdischer Katholik, kehrt nach dem Krieg aus dem Exil in England zurück und gründet mit Erich Honecker die FDJ.

Sein ältester Sohn wird ein Literaturstar, er träumt wie sein Vater von einer gerechteren Welt, steht aber wie seine jüngeren Brüder Peter und Klaus dem real existierenden Sozialismus kritisch gegenüber. Vater Brasch liefert den rebellierenden Sohn Thomas an die Behörden aus, leitet damit auch das Ende seiner Laufbahn ein. 1976 geht Thomas Brasch mit Katharina Thalbach in den Westen und passt sich auch dort nicht an.

Klaus wird Schauspieler stirbt 1981 nach einem Medikamentencocktail. Peter, der Gedichte schreibt und Hörspiele für Kinder überlebt 2001 eine Alkoholvergiftung nicht. Und dem alten SED-Funktionär, der nach der Verurteilung des Sohnes auch in Ungnade fällt und seiner Posten enthoben wird. Er versucht daraufhin, sich das Leben zu nehmen. Er stirbt im Sommer 1989, als DDR-Bürger dem Land massenhaft den Rücken kehren.

Letzte Überlebende ist Schwester Marion, die bekannte Autorin und Moderatorin, die in der Dokumentation "Familie Brasch" von Annekatrin Hendel Auskunft gibt und auch selber eine Autobiografie unter dem Titel "Ab jetzt ist Ruhe" herausgegeben hat.

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach 54 min
Bildrechte: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)
54 min

Zum Start des Kinofilms über den Schriftsteller Thomas Brasch spricht Filmkritiker Knut Elstermann mit den Schauspielern Jella Haase und Albrecht Schuch sowie Regisseur Andreas Kleinert und Drehbuchautor Thomas Wendrich.

MDR KULTUR - Das Radio Do 11.11.2021 18:00Uhr 53:55 min

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Was für Mittel sind das konkret?

Der Film erzählt episodisch aus Braschs Leben, er mischt die Handlung aber immer wieder mit Szenen, die Braschs künstlerische Arbeit nachempfinden. Den experimentellen und unfertigen Charakter seiner Gedichte greift der Film mit Traumsequenzen auf, bei denen man erst später realisiert, dass sie sich im Kopf der Hauptfigur abspielen und nicht in der eigentlichen Handlung. Auch Motive aus Braschs Filmen werden integriert, ohne dass sich der Bezug immer gleich erschließt. Das ist manchmal irritierend, aber auf eine angenehme Art.

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach
Filmszene: Brasch (Albrecht Schuch) blick zurück nach Ost-Berlin. Bildrechte: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Ich finde das Konzept sehr gelungen, weil der Film Brasch als Künstler sehr nahekommt, ohne ihn zu vereinnahmen. Dabei sprüht der Film regelrecht vor Ideen, etwa wenn sich Brasch in einer der Traumsequenzen einen Schusswechsel mit der West-Berliner Polizei liefert, der an das Ende von "Bonnie und Clyde" erinnert – das ist ziemlich virtuos inszeniert.

Wie geht Regisseur Andreas Kleinert mit Braschs Lebensabschnitten in Ost- und West-Deutschland um?

Der Schwerpunkt des Films liegt auf der Zeit in der DDR und dem Ankommen im Westen. Ob als Künstler oder im permanenten Konflikt mit seinem Vater, der ein hochrangiger SED-Funktionär war und den rebellischen Sohn mutmaßlich an die Stasi ausgeliefert hat: Brasch saß immer zwischen allen Stühlen. Das zeigt der Film sehr deutlich.

Franz Josef Strauß überreicht Thomas Brasch den Bayrischen Filmpreis.
Franz Josef Strauß überreicht Thomas Brasch 1981 den Bayrischen Filmpreis für "Engel aus Eisen". Er dankt der DDR-Filmhochschule für seine Ausbildung und der Jury für den Preis. Bildrechte: dpa

Brasch verteufelt die Zeit im Osten nicht, obwohl recht schnell klar ist, dass so ein freigeistiger Mensch in diesem engen System permanent an Grenzen stoßen musste. Umgekehrt ist der Westen für Brasch aber auch keine leuchtende Idylle. Er bleibt als Künstler ein Außenseiter.

Sein Erzählungsband "Vor den Vätern sterben die Söhne", der 1977 kurz nach seiner Ausreise erschienen ist, machte ihn zwar schlagartig bekannt. Man wollte ihn im Westen dann gern in die Schublade des "DDR-Dissidenten" stecken, aber die Rolle als Opfer hat Brasch immer abgelehnt.  

Jella Haase und Albrecht Schuch sind ja zwei Schauspieler, die kein bewusstes DDR-Erleben mehr haben. Inwieweit trägt der Film der Tatsache Rechnung, dass das heute ja auch ein DDR-Thema für eine junge Generation ist – wird die DDR dann anders erzählt als noch vor 10, 20 Jahren?

Möglicherweise weil die beiden Schauspieler unbefangener mit dem Thema umgehen können. Wobei ich denke, dass das eher eine Frage des schauspielerischen Talents ist, denn Schauspieler müssen sich ja permanent Rollen aneignen, die nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Albrecht Schuch und Jella Haase sind ein großer Glücksfall für diesen Film, weil sie genau die eigenwillige Präsenz mitbringen, die Künstler wie Thomas Brasch oder Katharina Thalbach ausmachen.

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach
Ein Stück nur für sie: Jella Haase als Katharina Thalbach und Albrecht Schuch als Brasch in "Lieber Thomas" Bildrechte: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Ob mit dem Film eine andere Erzählung über die DDR einhergeht, ist meines Erachtens eher eine Frage der Regie und des Drehbuchs. Andreas Kleinert und Thomas Wendrich haben ja eigene DDR-Erfahrungen und diese haben für den Film sicher eine wichtige Rolle gespielt. Kleinert gehört zur letzten Regie-Generation, die noch vor 1990 in Babelsberg ausgebildet wurde.

Inwiefern unterscheidet sich denn "Lieber Thomas" von früheren filmischen Verarbeitungen der DDR-Zeit?

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach
Filmszene: Ohne Aussicht auf Veröffentlichung seiner Texte verlässt Brasch die DDR. Bildrechte: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

Ein deutlicher Unterschied ist, dass es im Film nicht vordergründig um eine didaktische oder moralische Perspektive auf die DDR geht. "Lieber Thomas" bricht bewusst mit einigen klischeehaften Formen der filmischen DDR-Inszenierung, indem er bestimmte Symbole oder spezifische Ostprodukte komplett meidet.

Auch in thematischer Hinsicht gibt es einige neue Akzente. Politischer Druck, Stasi-Kontrolle oder Repression und Unterdrückung – Themen, die in Filmen über die DDR häufig eine wichtige Rolle spielen – greift der Film zwar auf, aber er überhöht sie nicht zu einem eindimensionalen Diktaturbild.

Die DDR ist hier kein trister, grauer Ort, aus dem eigentlich alle nur wegwollen, sondern ein Raum voller Widersprüche.

Andreas Kötzing Freier Filmjournalist und Historiker

Wie unterscheidet sich "Lieber Thomas" denn konkret von Filmen wie "Sonnenallee", "Good Bye, Lenin!" oder "Das Leben der Anderen"?

Filmszene aus "SONNENALLEE"
Filmszene aus "Sonnenallee von Leander Haußmann Bildrechte: imago images / Prod.DB

Diese großen Publikumserfolge haben ja sehr unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, um an die DDR-Vergangenheit anzuknüpfen. "Sonnenallee" hat vor allem als unterhaltsame und vielschichtige Komödie funktioniert, die – auch jenseits des DDR-Kontextes – sehr universell von jugendlichen Problemen erzählt. "Good Bye, Lenin!" ist es gelungen, einen gemeinsamen Erinnerungsraum für Menschen in Ost und West zu eröffnen, wenngleich wir es hier eher mit einer symbolischen Spreewaldgurken-DDR zu tun haben. "Das Leben der Anderen" hat die DDR dann als Hollywood-Drama inszeniert, dabei aber massiv zu einer thematischen Verengung der DDR-Geschichte als Stasi-Geschichte beigetragen.

Alexander Scheer als Gerhard Gundermann in einer Szene des Films ''Gundermann''.
Alexander Scheer in ''Gundermann'' Bildrechte: Peter Hartwig/Pandora Filmverleih/dpa

Danach gab es jedenfalls kaum noch Filme über die DDR, in denen die Stasi nicht vorkommt. Seit ein paar Jahren werden die starren DDR-Bilder aber zunehmend aufgebrochen. Individuelle Biografien stehen stärker im Mittelpunkt, was ich sehr gut finde. Ähnlich wie Andreas Dresen mit "Gundermann" beleuchtet auch Andreas Kleinert mit "Lieber Thomas" eine ambivalente Künstlerfigur, die sicher nicht repräsentativ für das alltägliche Leben in der DDR ist, aber trotzdem zeigt, wie vielfältig die ostdeutsche Gesellschaft war.

Thomas Brasch und Katharina Thalbach
Thomas Brasch und Katharina Thalbach bei ihrer Ausreise 1976 Bildrechte: dpa

Man stößt hier zum Beispiel auf eine wilde, unangepasste Jugendkultur in Ost-Berlin im Kontext der 68er-Bewegung, die sich nicht mit dem landläufigen Bild von FDJ und uniformer Staatskultur deckt. Diese Art der DDR-Erinnerung ist natürlich auch eine subjektive, zugespitzte Form der Inszenierung, die nicht jeder teilen muss, aber sie erweitert die filmische Darstellung der DDR in jedem Fall um einige wichtige Facetten.

Andreas Kötzing ist freier Filmjournalist und Historiker. Er forscht am Hannah-Arendt-Institut in Dresden u.a. zu filmischer Erinnerungskultur und zur deutsch-deutschen Kulturgeschichte.

Szene aus dem Biopic "Lieber Thomas" mit Albrecht Schuch als Thomas Brasch und Jella Haase als Katharina Thalbach
Jörg Schüttauf und Anja Schneider (v.l.) spielen Braschs Eltern, Regisseur Andreas Kleinert (r.) mit den Hauptdarstellerinnen Bildrechte: Wild Bunch / Eventpress

Angaben zum Film: Preview am 8. November Lieber Thomas
150 Minuten, Schwarz-Weiß
Regie: Andreas Kleinert
Mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Jörg Schüttauf

Kinostart: 11. November

Preview am 8. November, 19 Uhr
im Passage Kino Leipzig

Mit Regisseur Andreas Kleinert, Drehbuchautor Thomas Wendrich und den HauptdarstellerInnen Albrecht Schuch und Jella Haase

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. November 2021 | 08:40 Uhr

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