"Melek + Ich" Leipziger Comiczeichnerin überzeugt mit queerem Liebesabenteuer

Lina Ehrentraut gehört zu einer neuen Generation von erfolgreichen Leipziger Comiczeichnerinnen und wurde gerade mit dem e.o. plauen Preis ausgezeichnet. Die 1993 geborene Künstlerin ist damit die Jüngste, die den mit 5.000 Euro dotierten Preis bisher erhalten hat. Mit "Melek und Ich" legt sie einen queeren Science-Fiction-Comic vor, der die Grenze zur bildenden Kunst öffnet.

Comic Melek + Ich 4 min
Bildrechte: Lina Ehrentraut/Edition Moderne

Neben dem Sofa liegt eine einsame Socke, Szenemagazine stapeln sich neben dem Tisch, eine Kaffeetasse liegt umgefallen zwischen Blumen. Nach einer geschniegelt, technisierten Science-Fiction-Welt sieht das Interieur in "Melek + Ich" nicht gerade aus – eher wie das Klischee einer zeitgenössischen Studierenden-WG: Science Fiction bedeutet für Lina Ehrentraut vor allem, dass queeres Leben zur Normalität gehört.

"Ich glaub halt, dass durch SciFi so eine Möglichkeit entsteht, Geschichten zu erzählen, die abseits von heteronormativen Welten spielen", sagt die Illustratorin. "Wenn Du so übernatürliche oder technisch krasse Welten hast, ist es ja eigentlich die perfekte Möglichkeit, da andere Lebensumstände als in klassischen heteronormativen Welten zu erzählen, weil halt eh nicht alles ist, wie es erwartet wird."

Ich glaub halt, dass durch SciFi so eine Möglichkeit entsteht, Geschichten zu erzählen, die abseits von heteronormativen Welten spielen.

Lina Ehrentraut, Illustratorin und Comiczeichnerin

Comic Melek + Ich
Die Protagonistin der Geschichte trifft in einem Paralleluniversum auf ihr Alter Ego und beginnt eine lesbische Liebesgeschichte. Bildrechte: Lina Ehrentraut/Edition Moderne

Spiel mit alternativen Lebensentwürfen

Die Leipziger Comiczeichnerin Lina Ehrentraut wurde 1993 geboren und wäre in einem Paralleluniversum vielleicht Naturwissenschaftlerin geworden.
Die Leipziger Comiczeichnerin Lina Ehrentraut wurde 1993 geboren und wäre in einem Paralleluniversum vielleicht Naturwissenschaftlerin geworden. Bildrechte: Cihan Cakmak

Eine Maschine, die Menschen in verschiedene Dimensionen beamen kann, gibt es trotzdem in der Geschichte. Die hat die Wissenschaftlerin Nici gebaut – und einen Körper, mit dessen Hilfe sie durch die Dimensionen reisen will. Melek heißt der Körper. Und die erste Reise führt die Wissenschaftlerin zu ihrem Alter Ego: Melek trifft Nici – die im Paralleluniversum das komplette Gegenteil der ursprünglichen Nici ist: nämlich unordentlich, verpeilt und sie arbeitet als Barkeeperin.

Für Lina Ehrentraut ist das ein autobiografisches Spiel mit den eigenen Potentialen. Sie sei in der Schule immer sehr gut in Naturwissenschaften gewesen, aber in ihrer Familie habe damit keiner etwas anfangen können, sodass sie in dieser Richtung nicht gefördert wurde. "Und manchmal denke ich schon so: Vielleicht hätte das auch etwas sein können, was ich hätte werden können. Und aus so einer Fantasie ist das auch so ein bisschen entstanden – vielleicht – wäre ich in dem Punkt gefördert worden, wäre ich jetzt wirklich Naturwissenschaftlerin."

Wie auf einem Endorphin-Trip

Die Seiten, die farblich sind, spiegeln wider, was für mich höchste Glücksgefühle auslöst, die so etwas Überirdisches haben. Und das sind für mich Sex oder Küssen und Singen und Schwimmen.

Lina Ehrentraut, Illustratorin und Comiczeichnerin
Comic Melek + Ich
Singen, Schwimmen, Küssen und Sex sind die liebsten Motive in Lina Ehrentrauts Comic "Melek + Ich". Bildrechte: Lina Ehrentraut/Edition Moderne

Nun ist Lina Ehrentraut eine Comiczeichnerin, Künstlerin und Modedesignerin geworden, die zum Leipziger Künstlerinnenkollektiv Squash Leipzig gehört und ihre Leidenschaften verbindet. Die Kleider, die die Protagonistinnen tragen, hat Lina Ehrentraut als Prototypen geschneidert. Und dann tauchen zwischen den schwarz-weiß gezeichneten Comicbildern knallbunte, meist abstrakte Malereien auf, die wirken, als wären die Protagonistinnen auf einem Endorphin-Trip.

Sex, küssen, singen und schwimmen ist auch das, was Melek und Nici im Comic machen. Denn die Wissenschaftlerin geht eine Affäre mit ihrem Alter Ego ein – mit allen Höhen und Tiefen, von der ungebrochenen Begeisterung bis es knallt, weil die eine immer rumlaviert, während die andere klare Ansagen macht. Die Emotionen zeichnet Lina Ehrentraut mit ihren rüden schwarzen Strichen so klar, dass Melek und Nici wie offene Bücher wirken. Und den Sex der beiden zeichnet sie so explizit, dass einzelne Seiten wie ein Porno wirken.

Vielfältige Bilder von Sex

Lina Ehrentraut: Comic "Melek + Ich"
Der queere SciFi-Comic "Melek + Ich" ist bei Edition Moderne erschienen. Bildrechte: Edition Moderne

"Ich denke, dass jeglicher, nicht penisfixierter Sex zu kurz kommt in den Darstellungen, die es so in der Popkultur gibt", sagt die Leipziger Künstlerin. "Und wenn es lesbischen Sex gibt, zum Beispiel in Pornos, dann ist das ja auch sehr für Cis-männliche Betrachter. Und ich denke, dass es auch für mich sehr wichtig als Teenie gewesen wäre, solche Lebenswelten zu sehen. Ich wünsche mir, dass es eine Vielfalt von Darstellungen gibt, von verschiedensten Leuten, die Sex haben und dass es normalisiert wird, dass sehr viele Leute gerne Sex haben."

Lina Ehrentraut zeichnet "Melek + Ich" als ausdrucksstarkes queeres Liebesabenteuer, dass wie ein rüder Independent-Comic daherkommt – und interpretiert das Science Fiction-Genre damit neu.

Mehr Informationen Lina Ehrentraut: "Melek + Ich"
erschienen bei Edition Moderne
ISBN 978-3-03731-215-5
240 Seiten, farbig
Hardcover
1. Auflage: 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 31. März 2021 | 18:50 Uhr

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