Literarisches Debüt Wie Linn Penelope Micklitz ihre Thüringer Heimat wiederentdeckt

Thüringen beindruckt durch eine vielfältige Natur, aber auch durch seine Kultur- und Industriegeschichte. Diese Aspekte verbindet die Autorin Linn Penelope Micklitz in ihrem literarischen Debüt. In "Abraum, schilfern" schreibt sie von ihrer Kindheit im Thüringer Wald und verbindet dabei moderne Erzählformen wie Nature Writing und biographisches Schreiben in der Tradition von Annie Ernaux.

Eine junge Frau mit Brille in winterlicher Kleidung blickt zur Seite. 4 min
Bildrechte: Johannes Rieger
4 min

In ihrem literarischen Debüt "Abraum, schilfern" setzt sich Autorin Linn Penelope Micklitz mit ihrer Heimat Thüringen auseinander.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 07.12.2022 18:00Uhr 03:45 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Am Anfang steht die Ilm: Der Fluss prägt die Landschaft des Thüringer Waldes und wird seit Jahrhunderten vom Menschen geprägt. Die Ilm wird zum Ausgangspunkt der literarischen Erkundung, die Linn Penelope Micklitz in ihrem Buch "Abraum, schilfern" unternimmt. Das Schreiben bedeutete für sie auch eine Rückkehr in die Landschaft ihrer Kindheit: Micklitz wurde 1992 in Thüringen geboren.

Ihr Großvater war Obersteiger und Sprengmeister im Schobsetal bei Ilmenau - und doch hat sie das Erzählen schnell weg von der eigenen Geschichte geführt: "Die Landschaft, die ich beschreibe, existiert“, erzählt Micklitz. "Und gleichzeitig kann es sie so nicht geben, weil ich gemerkt habe, die größten Inspirationen sind mir auf einer Zugstrecke entgegengekommen, die dort gar nicht langführt.“

Auf den Spuren der Natur und von Annie Ernaux

Linn Penelope Micklitz kombiniert beherzt verschiedene Erzählformen: Mal erkundet sie die Landschaft aus einem historischen Blickwinkel und beschreibt, wie Ilmenau anfangs nur aus einer Reihe von Holzhäusern besteht, die an einem Berg errichtet wurden. Dann schreibt sie entlang der eigenen Biografie und denkt sich, beinahe in der Tradition der französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux, in ihre Kindheit zurück. Und mal erkundet sie auf eigene Faust die Natur und entdeckt sie als durch und durch vom Menschen geformt – sei es durch den Bergbau oder durch den Klimawandel.

Wald
Schwarz-Weiß-Fotografien der Autorin ergänzen den literarischen Text in "Abraum, schilfern". Bildrechte: Linn Penelope Micklitz

Geglücktes Spiel mit Wahrheit, Fiktion und Sprache

Die Trennlinie zwischen Wahrheit und Fiktion ist dabei nicht immer klar zu ziehen. Die Bergbaulandschaft wird zum Ausgangspunkt fürs Imaginieren. So beschreibt Linn Penelope Micklitz ein Bergbauunglück, das es so nie gegeben hat. Ihre Erkundung umfasst aber auch die Sprachräume, die sich der Mensch mit der Landschaft erschlossen hat. Zu finden sind sie in den Büchern des Großvaters, mit denen er seine Mineralien ordnete: Am Anfang der Sammlung stehen die Worte Abraum, schilfern, abschilfung, Alaun und Amiant.

Beziehung von Menschen und der Natur im Fokus

Das schmale Buch wirkt mit seinen kurzen Texten und Schwarz-Weiß-Fotos wie ein Skizzenbuch. Es lädt so ein, eigene Erkundungen zu unternehmen und wie Linn Penelope Micklitz Landschaften und ihre Geschichten zu entdecken. "Abraum schilfern" ist ein Buch, das formal etwas wagt und gerade dadurch überzeugt. Auf einfühlsame wie kluge Weise erzählt Linn Penelope Micklitz von der wechselvollen Beziehung von Mensch und Natur, die auch das Leben des Großvaters bestimmt hat. Er konnte bei Steinen romantisch werden, wusste aber auch von den Gefahren, die vom Berg ausgehen. Selbst der Lungenkrebs, der viele Bergleute heimsucht, hat in seinen Erzählungen einen Namen, in dem Verlangen und Wehmut mitschwingen: Bergsucht.

Angaben zum Buch: Linn Penelope Micklitz: „Abraum, schilfern“
Verlag: Trottoir Noir
152 Seiten, Broschur
Preis: 12 Euro
ISBN 978-3-945849-24-8

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Literaturtipps

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Dezember 2022 | 18:00 Uhr

Mehr MDR KULTUR