Jahresrückblick 2021 Lesenswerte Bücher zur Geschichte in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen

Die Völkerschlacht bei Leipzig, sächsischer Widerstand gegen die Nazis, das Zugunglück von Genthin, Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit: Wer sich für die Geschichte Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens interessiert, wird sich 2021 über viele neu erschienene Bücher gefreut haben. Wir blicken auf die literarischen Neuerscheinungen für Geschichtsinteressierte zurück und stellen Ihnen eine besonders empfehlenswerte Auswahl vor.

Cover-Montage
Vom historischen Roman über die Völkerschlacht bis hin zum schwersten Unfall von Reisezügen in Deutschland: Diese 2021 erschienenen Bücher sind für Geschichtsinteressierte besonders lesenswert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

SACHSEN

Historienroman über die Völkerschlacht bei Leipzig

Als Sabine Ebert 2006 "Das Geheimnis der Hebamme" lüftete, landete sie ihren ersten Coup. Der Mittelalter-Roman, der auch von der Entstehung der Erzgebirgsstadt Freiberg handelt, wurde ein Bestseller. Ins Freiberg des frühen 19. Jahrhunderts und in eine Zeit der Restauration verschlägt es nun die Protagonistin ihres aktuellen Buchs "Die zerbrochene Feder": Henriette hat in ihren Schriften frech Kritik am preußischen König geübt und muss vor politischer Verfolgung dorthin flüchten. Mit dem Roman schließt die gebürtige Aschersleberin, die oft für ihre historische Präzision gelobt wird, die Trilogie zur Leipziger Völkerschlacht ab.

Sachbuch über Leipziger Verleger-Ikone Kurt Wolff

Als Verleger des literarischen Expressionismus machte sich Kurt Wolff einen Namen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Brockhaus, Reclam oder Insel deutschlandweit Geltung hatte. Namen wie Franz Kafka, Franz Werfel oder Walter Hasenclever sind mit der von Wolff herausgegebenen, kleinen, feinen, aber günstigen Buchreihe "Der jüngste Tag" verbunden. Vor den Nazis brachte sich Kurt Wolff im letzten Moment durch Emigration in die USA in Sicherheit. Sein Enkel erzählt im 2021 veröffentlichten Buch "Das Land meiner Väter" von der bewegenden Geschichte der Familie.

Roman über NS-Euthanasie in sächsischer Kleinstadt

Der 1981 geborene Leipziger Autor Francis Nenik hat sich schon mehrfach mit den Verwerfungen in deutschen Biografien beschäftigt. In seinem neuen Roman "E. oder die Insel" erzählt er von einem Arzt, der sich in den letzten Kriegstagen unweit einer sächsischen Kleinstadt versteckt. Was wie der Bericht eines Widerständlers anhebt, entwickelt sich bald schon in eine gänzlich andere Richtung. Als "sprach(aber)witziger Erzähler" und "hellwacher Historiograph" wurde Nenik 2021 mit dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet.

Autobiografischer Roman erzählt Überlebensgeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg

Henriette Roosenburg erzählt die erstaunliche Überlebensgeschichte der Freundinnen Zip, Joke und Nell, die auch ihre eigene ist. In den besetzten Niederlanden in die Fänge der Nazis geraten und im sächsischen Zuchthaus Waldheim gefangen gehalten, erleben die jungen Frauen im Frühling 1945 die Befreiung. Der abenteuerliche Weg zurück in die Heimat führt sie durch ein gespenstisches Sachsen. Das Buch, das auch von der Kraft der Freundschaft erzählt, wurde beim Ersterscheinen in den USA 1957 als eine der berührendsten Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg gefeiert.

Erinnerungsbuch einer DEFA-Drehbuchautorin und Schriftstellerin

Orte der Kindheit bleiben auf ewig im Gedächtnis. Das erfährt die Schriftstellerin Helga Schütz einmal mehr, als sie den 80. Geburtstag ihrer Mutter feiert und die plötzlich in die Runde fragt, wie weit es wohl sei, von Potsdam bis ins Riesengebirge. Schütz, 1937 in Niederschlesien geboren, wuchs in Dresden auf und wurde in der DDR zur renommierten DEFA-Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Mit "Heimliche Reisen" hat sie ein Erinnerungsbuch vorgelegt, mit Stationen in Schlesien, Dresden und in den USA.

Bildband zeigt DDR-Alltag in der "Platte"

Harals Kirschners Bildband "Abenteur Platte" eröffnet eine neue Perspektive auf den Alltag in der "Platte": Kirschner lebte selbst vier Jahrzehnte in Leipzig-Grünau. Seine Fotos zeigen, wie Kinder das Revier erobern, in dem vorne schon gewohnt und hinten noch gebaut wird oder wie Jugendliche ihre erste Liebe erleben. Katja Kirsches begleitender Text über Momente ihres Erwachsenwerdens in Leipzig-Grünau hat dieselbe Lakonie wie Kirschners Schwarz-Weiß-Bilder aus den Jahren von 1981 bis 1990. So zeigt sich eine längst vergangen scheinende Welt in Nahaufnahme.

Sachbuch zum Plattenbausystem "WBS 70" der DDR

Anfang der 70er-Jahre legte die DDR ein gigantisches Wohnungsbauprogramm auf. Die Wohnungsbauserie 70, kurz WBS 70, war der meistverbaute Platten-Typ. Von der nach der Wende oft beklagten "Platten-Tristesse" will Christoph Liepach, Jahrgang 1990, studierter Grafik-Designer und aufgewachsen im Plattenbau-Viertel Gera-Lusan, nichts wissen. Für eine neue Perspektive aufs standardisierte Bauen mobilisiert er ein ganzes Autorenkollektiv. Grafisch ansprechend gestaltet, nimmt das Buch "WBS 70. Fünfzig Jahre danach" teils die Ästhetik von Bauplänen auf, spielt mit Typografie, mit Farb-und Schwarz-Weiß-Fotos sowie WBS70-Grundrissen, die durchaus variantenreich sein konnten.

Recherchebuch über politische Morde der Staatssicherheit

"Du sollst dich erinnern" – so lautet das 11. Gebot für Freya Klier. Als Bürgerrechtlerin wurde sie zu DDR-Zeiten drangsaliert. Schon damals begann sie zu recherchieren und zu dokumentieren, was anderen widerfuhr. In ihrem jüngsten Buch mit dem Titel "Unter mysteriösen Umständen" legt die 71-Jährige Publizistin und Dokumentarfilmerin ihre Recherchen zu Vernichtungsstrategien bis hin zu politischen Morden durch die Staatssicherheit offen.

Dokumentarischer Roman über die rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda 1991

1991 kam es im sächsischen Hoyerswerda zu massiven rassistischen Ausschreitungen. In ihrem Buch "Kinder von Hoy" kehrt die Autorin und "Gundermann Revier"-Regisseurin Grit Lemke an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. Sie bricht mit Klischees wie dem von der "DDR-Plattenbauwüste". Sie erinnert sich an die neue Freiheit nach der Wende – und den extremen, biografischen Bruch, den der Fall der Mauer für viele bedeutete. "Kinder von Hoy" ist persönliche Erinnerung und gelungenes Generationenporträt zugleich. Das Buch steckt voller Bezüge aus der Literatur- und Kulturgeschichte und versucht, eine Entgrenzung zu erklären, die heute noch schockiert.

SACHSEN-ANHALT

Roman über das Zugunglück 1939 in Genthin

Am 22. Dezember 1939 kracht im Genthiner Bahnhof ein D-Zug mit 100 km/h auf einen anderen D-Zug. Es kommt zum bis dato schwersten deutschen Eisenbahnunglück im Norden von Sachsen-Anhalt, dort also, wo der Autor Gert Loschütz geboren ist. In seinem Roman "Besichtigung eines Unglücks" nimmt er den Unfall zum Anlass und Ausgangspunkt für Nachforschungen, die noch ganz andere dramatische Geschichten zu Tage fördern.

THÜRINGEN

Porträt von Goethes Schwiegertochter Ottilie

Lange galt Sigrid Damm als populärste Autorin, die zu Goethe und seinen nahen Anverwandten publizierte. Jetzt gibt es mit Dagmar von Gersdorffs Buch "Das Leben der Ottilie von Goethe" harte Konkurrenz. Brillant erzählt sie darin die Biografie einer starken jungen Frau nach, die sich ganz anders als Johann Wolfgang von Goethes Gattin Christiane Vulpius nicht nur als Anhängsel ihres berühmten Ehemanns definierte.

Familienroman über die Sonneberger Spielzeugindustrie

Ging es in ihrem Buch "Was uns erinnern lässt" von 2019 um ein ehemaliges Hotel an der innerdeutschen Grenze, rückt Kati Naumann jetzt mit "Wo wir Kinder waren" die Sonneberger Spielzeugindustrie in den Fokus. Die Autorin erzählt davon anschaulich in einem Familienroman, der ihr wohl auch deshalb so gut gelingt, weil sie selber in der thüringischen Kleinstadt aufgewachsen ist.

Mehr Literatur-Empfehlungen

Jahresrückblicke 2021

Kultur

Buchcover von "Alphabet der Tiere", Christian Kreis: "Halle Alphabet" und Matthias Jügler: "Die Verlassenen"
Das sind drei unserer Buchtipps aus Sachsen-Anhalt 2021: Das "Alphabet der Tiere", "Halle Alphabet" von Christian Kreis und "Die Verlassenen" von Matthias Jügler Bildrechte: Collage: Galerie Erik Bausmann / parasitenpresse / Penguin Verlag / Colourbox.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2021 | 12:40 Uhr