Kultur im Lockdown Literaturhäuser: Wie weiter in der Corona-Krise?

In mancher Hinsicht hat Corona der Literatur gut getan – die Menschen lesen wieder mehr. Doch an anderen Stellen leidet die Branche: In den Literaturhäusern wurden reihenweise Veranstaltungen abgesagt. Manches findet nun im Netz statt – eine bereichernde Erfahrung, aber nicht komplett befriedigend. Lydia Jakobi hat für MDR KULTUR recherchiert.

Das Improvisieren hat Thorsten Ahrend in den letzten zwölf Monaten fast zur Perfektion getrieben. Als die Leipziger Buchmesse 2020 bereits abgeblasen war, saßen im Literaturhaus Leipzig, dessen Geschäftsführer Thorsten Ahrend ist, zwar noch 300 Gäste und applaudierten dem Schriftsteller Ingo Schulze. Doch seitdem ist das Absagen und Verschieben zu einer der Hauptaufgaben Ahrends geworden. Das zermürbe ihn, sagt er:

Thorsten Ahrend
Thorsten Ahrend Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Es ist trostlos und öde, andauernd Veranstaltungen umplanen zu müssen. Manche mussten wir bereits zum dritten Mal ausfallen lassen. Das macht viel mehr Arbeit, als einen Abend mit Engagement und Lust durchzuziehen.

Thorsten Ahrend, Geschäftsführer Literaturhaus Leipzig

Rechtefrage bremst Onlinelesungen

Auch in diesem Jahr wird die Buchmesse nicht in gewohnter Form stattfinden – obwohl die Organisatoren das Literaturereignis bereits auf Mai 2021 verschoben hatten. Am Begleitprogramm im Haus des Buches will Thorsten Ahrend aber festhalten. Judith Hermann soll zum Beispiel aus ihrem bald erscheinenden Roman "Daheim" lesen – hoffentlich im Garten vor Publikum, vielleicht auch virtuell.

Ganz so einfach ist das Online-Geschäft für die Literaturhäuser allerdings nicht. Lesungen bei Youtube hochzuladen, sei rechtlich mitunter nicht möglich, erklärt Ahrend. "Da hebt der Verlag den Finger und sagt: Das dürft ihr live, und bezahlt dem Autor ein Honorar – aber wenn ihr es im Netz länger als 24 Stunden stehen lassen wollt, müsst ihr Gebühren zahlen."

Die Krise als Katalysator für das digitale Literaturerlebnis

Trotzdem ist das Internet zum einzigen Ort geworden, an dem Literaturvermittlung unter Pandemie-Bedingungen stattfinden kann. So sitze man zumindest nicht wartend in einer Wattekugel, sagt Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses in Halberstadt. "Wir tun was. Und das ist etwas ganz Anderes als immer nur zu kommunizieren: Fällt aus, fällt aus, fällt aus." Mit den Online-Projekten erreichen Ute Pott und ihr Team sogar Menschen, denen das Digitale vorher eher fremd war. So habe sich zuletzt etwa ein 93-jähriger Stammgast zur Videokonferenz eingewählt, freut sich Pott.

Ähnliche Erfahrungen macht das Literaturhaus Halle. Literatur im Netz sei zwar ein Nischenprogramm, erzählt Leiter Alexander Suckel. Doch die Zuhörerschaft sei über die eigene Region hinaus gewachsen. Nicht zuletzt dank prominenter Namen. Dieser Tage zeichnet Suckel zum Beispiel Videos mit den Autoren Christoph Hein und Lutz Seiler auf.

Das ist eine wichtige Erfahrung, denn die Gespräche sind teilweise auch intensiver und intimer. Man vergisst einfach, dass die Kamera läuft.

Alexander Suckel, (Literaturhaus Halle) über Online-Gesprächsformate

Technikaufrüstung durch Förderprogramm "Neustart Kultur"

Monika Rettig, Programmleiterin Erfurter Herbstlese
Monika Rettig, Programmleiterin Erfurter Herbstlese Bildrechte: MDR/Holger John viadata

Viele der mitteldeutschen Häuser haben sich für ihre Online-Projekte über das "Neustart Kultur"-Programm des Bundes extra Videotechnik zugelegt. Denn gar nichts zu machen, sei keine Option, erklärt Monika Rettig, Programmleiterin der Erfurter Herbstlese und im Kulturhaus Dacheröden für die Literatursparte verantwortlich. Jetzt habe man einen Youtube-Kanal und veröffentliche eigene Podcasts.

Die Krise als Katalysator für das digitale Literaturerlebnis, davon kann auch Odile Vassas berichten. Sie ist Veranstaltungsmanagerin bei den Städtischen Bibliotheken Dresden und eine der Gründerinnen des Literaturnetzes, das Buchhandlungen, Kulturhäuser, Museen und Vereine der Stadt bündelt. Die Plattform verfüge über eine Mediathek, die man in den letzten Monaten rasch ausgebaut habe. Jetzt versammelt sie im Film festgehaltene Gedichte, Erzählungen, Diskussionsrunden oder Ratespiele. Das komme der Dresdner Literaturszene zu Gute, so Vassas.

Die Hoffnung: Räume voller Leben

Andere Akteure hatten auch vor der Pandemie bereits digitale Angebote im Programm. Die Klassik Stiftung Weimar etwa, die unter anderem Goethes und Schillers Wirkungsstätten betreut. Die 360 Grad-Rundgänge durch die Wohnhäuser der Literaten oder die Ausstellung "Du bist Faust" habe man jetzt besonders prominent platziert, sagt Folker Metzger, der bei der Stiftung für kulturelle Bildung zuständig ist. Besonders gefragt seien aber interaktive Angebote. Zum Beispiel die Silhouetten-Werkstatt, bei der Kinder nach dem Vorbild der berühmten Dichter Schattenrisse von sich anfertigen können.

Transparente informieren vor dem Literaturhaus in Halle über das Programm
Vor Corona hatte das Literaturhaus in Halle ein volles Programm – jetzt ist es durch den Lockdown ausgebremst. Bildrechte: dpa

Internet bietet nur Übergangslösungen

Für viele Häuser bleibt das virtuelle Literaturerlebnis aber eine Übergangslösung – und nach der Pandemie nur eine Ergänzung. Hauptgebiet und Herzensangelegenheit sind die Veranstaltungen vor Ort.

Unser Kerngeschäft ist es, unsere Räume mit Leben und Leuten zu füllen. Das vermissen wir sehr.

Alexander Suckel, Literaturhaus Halle

Wann Veranstaltungen in den Häusern wieder vor Ort möglich sein werden, weiß momentan niemand. Vielleicht im Frühjahr, womöglich im Sommer, heißt es. Momentan fahren alle auf Sicht – wie man in der Krise so schön zu sagen gelernt hat.

Literatur erleben

Alexander Suckel 1 min
Bildrechte: Alexander Suckel

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2021 | 12:10 Uhr

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