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Das Literaturinstitut hatte ab den 50er-Jahren sein Domizil in der Leipziger Karl-Tauchnitz-Straße 8, es trug zu DDR-Zeiten den Namen "Johannes R. Becher" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erich Loest, Sarah Kirsch …

Literaturinstitut Leipzig macht frühe Arbeiten bedeutender Autoren zugänglich

Stand: 22. Januar 2021, 21:16 Uhr

Über 470 Abschlussarbeiten aus früheren Jahren beherbergt das Leipziger Literaturinstitut. Darunter sind zahlreiche Werke von Autoren, die später Geschichte schrieben. Dieser literarische Schatz wird nun gehoben. Was dabei an Entdeckungen und Erkenntnissen zu erwarten ist, berichtet die Literaturwissenschaftlerin Isabelle Lehn.

Das Leipziger Literaturinstitut beherbergt einen Fundus von über 470 Abschlussarbeiten aus früheren Jahren, darunter Texte von Sarah Kirsch oder Erich Loest.

Dieses literarische Material soll gesichert, qualitativ eingeordnet und öffentlich zugänglich gemacht werden – auch digital. Ausgewählte Abschlussarbeiten werden in einer Buchausgabe vorgestellt und kommentiert. Ein weiterer Baustein für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte, meint Sachsens Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow. Im Gespräch dazu ist die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Isabelle Lehn. Sie hat selbst am 1995 neugegründeten Literaturinstitut studiert, war dort Dozentin und hat sich in einem Forschungsprojekt mit der Geschichte des alten DDR-Literaturinstituts beschäftigt, daraus entstand das Buch "Schreiben lernen im Sozialismus".

MDR KULTUR: Wie kann man sich das denn jetzt vorstellen, dieses Auffinden einer alten Abschlussarbeit. Zum Beispiel von Sarah Kirsch – gibt es da im Keller des heutigen Literaturinstituts irgendwo einen Schrank, wo unter dicken Staubschichten dicke Bündel liegen und damit dann Manuskript zum Beispiel von Erich Loest oder Sarah Kirsch?

Isabelle Lehn: Ja, das klingt jetzt verrückt – aber ziemlich genau so war das damals, als ich am Literaturinstitut studiert hab. Der Legende nach sollen dieser Arbeiten eine ganze Weile lang in Kisten im Keller verstaut gewesen sein und dann erst bei einem Wasserrohrbruch wortwörtlich an die Oberfläche gespült worden sein.

Isabelle Lehn Bildrechte: imago images / Christian Grube

Vielleicht ist das auch nur eine Geschichte, weil es ja auch ein Ort der Geschichten ist. Aber als ich dort studiert habe, gab es auf jeden Fall diesen sagenumwobenen Schrank in einem der Seminarräume, der immer verschlossen war. Wo wir auch nicht dran durften und wo es hieß: da sind jetzt eben die Schätze drin, diese Abschlussarbeiten. Und irgendwann haben wir dann doch mal reingeguckt.

Und dann ging es natürlich auch ein bisschen ernsthafter darum, dieses Forschungsprojekt zu konzipieren. Und da herrschte aber erstmal großes Chaos in dem Schrank und wir wussten überhaupt nicht, was da drin ist, weil das alles völlig unsortiert war. Und das war also dann mal die erste Amtshandlung, die Arbeiten alphabetisch zu sortieren, sich einen Überblick zu verschaffen, eine Datenbank anzulegen. Und dann haben wir tatsächlich auch einige Schätze gefunden. Und Sie haben eben Sarah Kirsch erwähnt, das war tatsächlich die erste Arbeit, die wir auch veröffentlicht haben. Ein poetologischer Essay von Sarah Kirsch, also eine ganz frühe Arbeit aus ihrem Studium damals: "Im Spiegel". Und ganz gut programmatisch, nach diesem Titel, stellt sie ihr Schreiben in den Spiegel und guckt sich an, was sie eigentlich tut, wenn sie schreibt und worum es ihr geht. Wer ihre Vorbilder sind. Das haben wir dann in "Sinn und Form" veröffentlicht. Und so ging das nach und nach mit den Arbeiten dann weiter.

Künden solche Abschlussarbeiten eher von subversiven Energien oder von politischer Anpassung oder von literarischer Nischenexistenz? Lässt sich da überhaupt eine einheitliche Linie erkennen?

Sie sagen es schon: das lässt sich nicht eindeutig beantworten. Wir mussten da auch immer auf den historischen Kontext gucken. Und das wäre unmöglich gewesen, wenn ich das alleine gemacht hätte. Und ich habe zusammengearbeitet, damals, in den ersten zwei Phasen dieses Projekts, mit der Berliner Literaturwissenschaftlerin Katja Stopka und dem Leipziger Autor Sascha Macht. Und wir haben die Abschlussarbeiten tatsächlich dann aufgeteilt in die Dekaden ihrer Entstehungszeiten, weil es da doch große Unterschiede gab.

Der Schriftsteller Erich Loest war in den 50er-Jahren Student am Leipziger Literaturinstitut Bildrechte: MDR/Heribert Schneiders

Also in den 50er- und 60er-Jahren war das schon alles noch eher linientreu, im Stil des sozialistischen Realismus verfasst. Also da spürt man richtig noch den Aufbaugeist und auch den Einfluss des Bitterfelder Weges. In den 60er-Jahren merkt man dann aber wiederum, da wird alles so ein bisschen entspannter. Bis zum berühmten Kahlschlag-Plenum des ZK der SED, wo dann sehr viel genauer geguckt wurde: Was gilt denn als subversiv oder als westlich beeinflusst, was nicht? Und da wurde auch heftig über einige Zeit Texte gestritten. Und einige Studierende wurden tatsächlich dann auch exmatrikuliert am Institut. Also, man war immer eingebettet in größere kulturpolitische Zusammenhänge auch. Und in den 80ern war es dann wohl tatsächlich relativ frei. Dass man eigentlich machen konnte, was man wollte, solange nichts nach Außen drang. Nach Außen gab man sich zwar Linientreue – nach innen gab es dann aber auch hochexperimentelle Texte: Ronald M. Schernikau oder Kurzgeschichten über die Stasi-Zentrale in der Runden Ecke von Holger Jackisch. Da schien dann doch einiges möglich zu sein.

Nun hat ja Wissenschaftsminister Gemkow angekündigt, dass diese nun geborgenen Texte aus DDR-Zeiten, dass die zugänglich gemacht werden sollen. Sie haben ja selber schon ein Buch zum Thema vorgelegt: "Schreiben lernen im Sozialismus". Wie sind Ihre Erfahrungen? Gibt es an dieser Aufarbeitung, also an der Sichtung solcher Texte, überhaupt ein Interesse? Und wenn ja, von wem?

Es gibt natürlich ein großes literaturwissenschaftliches Interesse. Wenn man jetzt zu bestimmten Autoren forscht, dass man da eben Quellen und Texte aus dem Frühwerk findet. Dafür ist es ein sehr interessantes Archiv. Generell zur vergleichenden DDR-Literaturgeschichte oder Institutionengeschichte – das Institut war eine ganz zentrale Institution in der literarischen Nachwuchsförderung der DDR.

Auch Sarah Kirsch gehört zu den Absolventen des Institutes Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv/Fernsehen der DDR

Und dann ist es eben auch interessant, weil sich der Blick auf Lehr- und Lernprozesse eröffnet. Und das war für mich ganz spannend, als ich dazu gearbeitet hab. Es gibt eben diese poetischen Konfessionen, diese Essays, in denen, wie Sarah Kirsch das auch getan hat, Studierende auf ihr Studium zurückgeblickt haben und sich nach den eigenen Entwicklungsprozessen gefragt haben. Und da war für mich wirklich interessant, zu sehen, dass mich das doch sehr an meine eigenen Studienerfahrungen auch erinnert hat. Also dass das, obwohl das in zwei sehr unterschiedlichen politischen Systemen ablief, manchmal gar nicht so weit voneinander entfernt lag.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2021 | 16:10 Uhr