Gespräch Zu Gast in Leipzig: Wie Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah über die DDR, Flucht und Migration nachdenkt

Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah war der prominenteste Gast in Leipzig, wo trotz Absage der Buchmesse binnen kurzer Zeit ein Alternativprogramm unter dem Motto "Leipzig liest trotzdem" auf die Beine gestellt wurde. Im Gepäck hatte Gurnah einen mehr als 20 Jahre alten Roman, der vom Leben eines tansanischen Studenten in der DDR erzählt; von Kolonialismus, Flucht und Rassismus, aber auch von Menschlichkeit: "Ferne Gestade" heißt das Buch, das in den Tagen des Krieges gegen die Ukraine, der Millionen außer Landes treibt, unerwartet aktuell erscheint.

MDR KULTUR: Sie haben einmal gesagt, ein Schriftsteller habe keine gleichbleibende Stimme. Denn jedes Buch erfordere eine andere Herangehensweise, eine andere Perspektive. Welche nehmen sie ein in "Ferne Gestade"?

Abdulrazak Gurnah: In dem Buch erklingen zwei Stimmen: Die eines älteren Mannes in Sansibar, der sich entschlossen hat, in England um Asyl zu bitten. Ich sage "entschlossen", weil es viele Asylsuchende gibt, die sich nicht entschließen, sondern vielmehr durch die Umstände ins Asyl gezwungen werden; durch Krieg, Gewalt und Elend. Die andere Stimme gehört einem deutlich jüngeren Mann, der Sansibar als Student verlassen hat und mit einem Stipendium in die damalige DDR kommt und über diesen Umweg später dann nach England geht, wo sich die beiden eines Tages treffen und sich ihre Geschichte erzählen.

Es sind zwei Stimmen, die es ermöglichen, Leben einer Revision zu unterziehen. Und es sind zwei Geschichten, aus denen sich eine Spannung gibt: Die Perspektive des einen entspricht überhaupt nicht der des anderen, obwohl die Episoden, über die sich streiten, genau dieselben sind.

Zur Person: Abdulrazak Gurnah

Abdulrazak Gurnah, geboren 1948 im Sultanat Sansibar, wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter "Das verlorene Paradies", "Donnernde Stille", "Ferne Gestade", "Die Abtrünnigen" und "Afterlive", das demnächst auf Deutsch unter dem Titel "Nachleben" erscheint.

Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury.

Was ist der Konflikt?

Der Jüngere wirft dem Älteren vor, daran Schuld zu tragen, dass sein Vater verfolgt worden ist. Er ist geradezu besessen davon. Es stellt sich natürlich heraus, dass die Sache weit komplizierter ist. Der Roman zeigt, wie Menschen, wie Familien alten Hass aufeinander immer wieder aufs Neue nähren und so den Kampf gegeneinander auf nachfolgende Generationen übertragen. Und hier geht es darum, ob solche lang anhaltenden Konflikte nicht doch eines Tages beigelegt werden können. Und wenn ja, wie?

Wie kommt Ihr jüngerer Held, Latif, in die DDR, in einen ziemlich öden Ort bei Dresden, den Sie Neustadt nennen?

Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Razak in Leipzig
Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah in Leipzig Bildrechte: dpa

Es gab 1963/1964 eine Revolution in Sansibar, kurz nach Erlangung der Unabhängigkeit. Die Aufständischen übernahmen die Regierung, verdrängten alte Beamte, verfolgten Gegner, töteten viele Menschen. Zumindest ein Teil beschrieb sich als sozialistisch: Männer und Frauen, die etwa ausgebildet worden waren in Kuba oder kurz nach dieser Revolution in sozialistischen Ländern Europas wie der DDR. Es gab Berater aus der DDR, etwa für Sicherheitsfragen. Damit gingen manche Phänomene einher, die auch DDR-Bürger kannten: keine Reisefreiheit, Überwachung. Es wurden Plattenbauten in Sansibar errichtet. Die Vergabe von Stipendien war Teil der Unterstützung.

Doch die schöne Idee von sozialistischer Hilfe scheitert: Latif lebt in einem Studentenwohnheim, das Sie als eckigen Kasten aus Beton, Glas und Asbest mit winzigen, unbeheizten Zimmern beschreiben. Er kann dort kaum atmen. Er hat nicht mal anständige Schuhe für den Winter, leidet unter Heimweh, unter mehr oder weniger offener Feindseligkeit und auch Rassismus ...

Viele schwarze Studenten haben das genauso erfahren. Zugleich gab es das Narrativ der brüderlichen Hilfe. Tatsächlich haben viele auch das Angebot angenommen, um sich Fähigkeiten anzueignen. Wenn sich eine Möglichkeit bot, Richtung Westen zu ziehen, haben viele von ihnen sie aber genutzt. (...) In meiner Geschichte sind übrigens nicht so sehr die schwarzen Studenten die Unterdrückten, sondern vielmehr die DDR-Bürger selbst.

Die DDR gibt es nicht mehr, die Sowjetunion auch nicht. Dafür haben wir einen Krieg in Europa, den sich kaum einer hat vorstellen können. Mit der Folge, dass viele Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer ins Ausland flüchten. Viele Menschen auch in Deutschland helfen. Umso bemerkenswerter ist der Versuch der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin, also der Stadt, die in Deutschland die meisten Flüchtlinge aufnimmt, für noch mehr Unterstützung zu werben, in dem sie sagt: Migranten sind wichtig für uns. Wir brauchen Arbeitskräfte. Ein gutes Argument?

Groߟes Publikumsinteresse an der Lesung mit Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah im Paulinum, Aula und Universitätskirche St. Pauli am 18. März 2022
Großes Publikumsinteresse an der Lesung mit Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah im Paulinum, Aula und Universitätskirche St. Pauli am 18. März 2022 Bildrechte: dpa

Wir müssen ja feststellen: Flüchtlinge und Migranten sind in Europa nicht immer gleichermaßen willkommen. Deutschland etwa war beispielgebend im Umgang mit flüchtenden Menschen aus Syrien, in gewisser Weise auch Spanien, Portugal, Italien. Es gab aber auch Europäer, die sich schrecklich verhalten haben. Die Griechen steckten Menschen in elendige Lager, und bis vor kurzem haben auch Ungarn und Polen die kalte Schulter gezeigt. Da ist etwas durcheinander geraten in dem Verständnis, was ein menschliches Wesen ausmacht, das Gastfreundschaft immer verdient.

Die Frage ist nun, was das zu tun hat mit den Fähigkeiten, die Menschen mitbringen. Migration hat auch eine soziologische oder wirtschaftliche Dimension. Nun aber einen denkbaren sozioökonomischen Nutzen mit Blick auf ukrainische Flüchtlinge zu beschwören, das lässt es beinahe so aussehen, als sollten wir von einem Krieg profitieren wollen.

Wahrscheinlich wollte die Bürgermeisterin jene erreichen, die für das vordringlich menschliche Argument erstmal nicht so empfänglich sind. Und in gewisser Weise funktioniert der Hinweis auf die Fähigkeiten auch. Tatsächlich kommen ja viele dieser Menschen eben nicht mit leeren, ausgestreckten Händen, sondern mit ihren Fähigkeiten, Talenten, Ressourcen, die sie unter Beweis stellen, wenn man ihnen die Möglichkeit dazu gibt.

Was bedeutet Integration aus Ihrer Sicht?

Es bedeutet das, was Sie und die Ankömmlinge miteinander aushandeln. Natürlich werden die meisten Menschen erstmal sagen: "Wir wollen nicht, dass Fremde zu uns kommen und uns dann sagen, wie wir leben sollen." Das muss aber nicht gesagt werden mit Feindseligkeit und Gewalt. In Wirklichkeit ist es doch immer so, dass sich Verdrängung nicht etwa einstellt, weil Fremde kommen und von uns verlangen, dass wir uns und unser Leben ändern sollten. Veränderung entsteht, weil wir lernen. Denken Sie doch bitte einfach an die vielen kulinarischen Einflüsse, die es in Folge von Migration in Europa gibt. Niemand wird gezwungen, Curry oder Falafel zu essen. Wir tun es, weil wir gelernt haben, dass es bereichert. Und das ist nur ein kleines, ziemlich triviales Beispiel dafür, wie Menschen voneinander lernen und dabei Gewohnheiten, Gepflogenheiten, aber auch Wissen, praktische Fähigkeiten von anderen übernehmen.

Das Gespräch führte Bernd Schekauski für MDR KULTUR.

Buchtipp Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade
Aus dem Englischen von Thomas Brückner
Originaltitel: By the Sea
Penguin Verlag
416 Seiten
ISBN: 978-3-328-60260-6
Erschienen am 14. März 2022

Mehr zur Leipziger Buchmesse

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2022 | 19:00 Uhr

Mehr MDR KULTUR