Literaturfestival im Netz Thüringer Literaturtage digital: mehr als nur gestreamte Lesungen

Blick auf Burg Ranis
Burg Ranis im Saale-Orla-Kreis ist normalerweise Schauplatz der Thüringer Literaturtage. Bildrechte: Mario Keim

Seit Montag laufen die Thüringer Literaturtage, wegen der Pandemie schon zum zweiten Mal nur online. Doch die Veranstalter haben aus der Not eine Tugend gemacht und neue digitale Formate entwickelt, etwa eine Kinder-Animationsserie. Über das Programm 2021 haben wir mit Ralf Schönfelder gesprochen, dem Geschäftsführer und künstlerischen Leiter der Thüringer Literaturtage.

MDR KULTUR: Schon letztes Jahr haben Sie die Literaturtage ins Netz verlegt. Auch wenn so langsam alles öffnet – eine ziemlich konsequente Entscheidung. Ich vermute, die hat etwas mit den Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr zu tun, die recht gut waren, oder?

Ralf Schönfelder
Ralf Schönfelder ist Geschäftsführer und künstlerischer Leiter der Thüringer Literaturtage. Bildrechte: Thüringer Literaturtage

Ralf Schönfelder: Ja, sie waren recht gut. Es gab im Laufe des letzten Jahres sehr viele Initiativen, digital Kunst und Kultur zu machen. Ganz häufig hatten diese Projekte zwei Makel: Die Produktionsqualität war oft nicht sehr hoch. Also es gab in der Literatur ganz viele Lesungen aus Küchen, mit dem Smartphone abgefilmt, mit schlechtem Ton und so weiter. Und häufig wurden dann diese digitalen Formate einfach als ein Ersatz betrachtet.

Wir haben schon im vergangenen Jahr bei den Literaturtagen gesagt, dass wir das anders machen wollen, dass wir großen Wert auf Produktionsqualität legen, und haben deshalb im letzten Jahr und auch in diesem Jahr die Beiträge für die Literaturtage in HD mit vielen guten Kameras gefilmt, gut ausgeleuchtet, mit gutem Ton. Vor allem haben wir nicht einfach Lesungen abgefilmt, also nicht einfach Veranstaltungen, die sowieso stattfinden würden, abgefilmt, sondern versucht, eigene Formate für das digitale Format zu finden. Das hat sich ausgezahlt. Denn die Beiträge aus dem letzten Jahr werden nach wie vor aufgerufen. Ich gehe auch davon aus, dass die Beiträge aus diesem Jahr noch eine lange Haltbarkeit haben werden.

Das Motto in diesem Jahr lautet: "Der gewohnte Ausnahmezustand" Was steckt dahinter?

Das ist zum einen eine augenzwinkernde Anspielung auf den Zustand, den wir das letzte Jahr über erlebt haben. Während der Corona-Pandemie haben wir eigentlich ein Jahr lang im Ausnahmezustand gelebt, uns am Ende eigentlich schon daran gewöhnt. Jetzt gewöhnen wir uns vielleicht auch etwas zu schnell schon wieder an einen anderen Zustand, wer weiß. Das ist sozusagen der gesellschaftliche Hintergrund davon.

Christian Rätsch
Der Ethnologe Christian Rätsch ist zu Gast bei den Thüringer Literaturtagen 2021 und spricht über Pflanzen für Heilzwecke. Bildrechte: Thüringer Literaturtage

Dann haben wir uns im Festivalprogramm mit dieser Idee auf verschiedene Weise beschäftigt. Es gibt zum Beispiel einen Beitrag des Philosophen Wilhelm Schmid, der über die Corona-Pandemie nachdenkt und überlegt: Hat sie eigentlich die Gesellschaft digitaler gemacht, so wie es immer heißt, oder am Ende doch analoger werden lassen? Oder wir haben einen Beitrag mit dem Ethnologen Christian Rätsch, der sich mit der Nutzung von Pflanzen für Heilzwecke befasst, also mit Pflanzen, die einen in Rauschzustände versetzen können. Das ist ein ganz anderer Blick auf Ausnahmezustände – Ausnahmezustände des Bewusstseins.

Rauschpflanzen und Pandemie-Gedanken. Wen kann man denn noch so erleben im digitalen Ausnahmezustand?

Verena Keßler
Ebenfalls im Program der Thüringer Literaturtage 2021: Die Autorin Verena Keßler Bildrechte: Thüringer Literaturtage

Wir haben unter anderem Verena Keßler da. Wir haben Beiträge mit Thomas Kunst, mit Daniela Danz. Wir haben eine Schattenerzählung, die Sage vom lieben Augustin. Das ist eine Geschichte, die in Wien spielt zu Zeiten der Pest und der Liebe Augustin wird für tot gehalten, weil er betrunken ist, in die Pestgrube geworfen und überlebt, weil er nicht aufhört zu singen. Auch das ist natürlich nicht ganz ohne zeitliche Bezüge. Jaroslav Rudiš ist dabei und noch viele andere.

Sie haben es gerade schon gesagt: Wir haben literarische Lesungen und Gespräche gerade en masse im Netz. Aber Sie haben weitergedreht. Nicht einfach die Kamera bei einer Lesung mitlaufen lassen, sondern extra auch für das Netz produziert. Ausweitung in den digitalen Raum – zum Beispiel auch mit einer Kinderserie.

Wir haben eine Animationsserie für Kinder entwickelt. Der Titel lautet "Kiko und des Fantastier". In der geht es um ein kleines Mädchen, das gemeinsam mit einem befreundeten Eichhörnchen Abenteuer erlebt, die auf verdächtige Weise Geschichten der Weltliteratur wie "Moby Dick" oder der "Reise zum im Mittelpunkt der Erde" ähneln.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juli 2021 | 18:20 Uhr

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Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei