Neuer Gedichtband Wie Lutz Seiler mit "schrift für blinde riesen" zu seinen Lyrik-Ursprüngen zurückkehrt

Mit "Kruso" und "Stern 111" hat Lutz Seiler zwei der wichtigsten Romane über die Zeit der deutschen Wiedervereinigung, über den politischen Umbruch im Osten Deutschlands und die 1990er Jahre geschrieben. Der in Gera geborene Autor erhielt dafür den Preis der Leipziger Buchmesse und den Deutschen Buchpreis. Mit seinem neuen Gedichtband "schrift für blinde riesen" kehrt er zurück zu jener literarischen Form, mit der er als Schriftsteller in den 1990er Jahren begann.

Das Buchcover Schrift für blinde Riesen von Lutz Seiler
"schrift für blinde riesen" – Lutz Seilers Rückkehr zur Lyrik Bildrechte: Suhrkamp

Mit "schriften für blinde riesen" hat Lutz Seiler nach zwei erfolgreichen Romanen einen Gedichtband veröffentlicht. Für den 1963 in Gera geborenen Schriftsteller sind Gedichte aber nichts Zweitrangiges, im Gegenteil. Seiler hat über die Lyrik das entwickelt, was auch seine Romane auszeichnet: Das Gefühl für den Klang und den Rhythmus, die enge Verschränkung von geschriebener Sprache und gesprochenem Text. Er hat mehrfach in essayistischen Texten geschildert, wie er jeden Satz überprüft, indem er ihn laut vor sich hinspricht. Die Gedichte sind seine Heimat, das hat er nicht zuletzt in seinen Romanen selbst so beschrieben.

Seiler bleibt dem autobiografischen Schreiben treu

Lutz Seiler
Lutz Seiler bleibt auch in seiner Lyrik eng mit seiner eigenen Biografie verhaftet. Bildrechte: imago/VIADATA

Mit "schrift für blinde riesen" knüpft Seiler an frühere Gedichtbände an. In "pech & blende" aus dem Jahr 2000 gibt es zum Auftakt ein Motto von Paul Bowles: "Jeder hat nur ein Lied". Dieses Motto könnte man auch dem neuen Buch voranstellen. Lutz Seiler schreibt auch hier weiter an diesem einen Lied, das vor allem von seinen Kindheitswelten in den vom Uranbergbau geprägten Gebieten Thüringens erzählt.

Es ist verblüffend, wie Seiler immer wieder zu den Vokabeln und den wie halb zerfallenen Bildern dieser versehrten DDR-Industrie-Region zurückgeht – ­auch völlig unbeirrt davon, dass in der Gegenwartslyrik gern das Ende des autobiografischen Schreibens ausgerufen wird. Das scheint ihn überhaupt nicht zu interessieren.

Erlebtes in Poesie verwandeln

Zu lesen ist hier ein Dichter, der eine bestimmte Vorstellung vom abendländischen, ja vielleicht sogar vom romantischen Dichtertum verteidigt: Dichtung als eine Art Auftrag, auf den die ganze eigene Biografie zuläuft. So wird das Erinnern an das bisher gelebte Leben zugleich immer zur Suche nach dem, was sich aus diesem Leben in Poesie verwandeln lässt.

Lutz Seiler bleibt – wie in seinen Romanen – aufs engste mit seiner eigenen Biografie verhaftet –  wenngleich er immer mal angelesene oder einfach erdachte Szenen und Stoffe aufnimmt. Viele Texte aber gründen in der eigenen Kindheit in Thüringen, in der Geschichte seiner Familie, auch in Reiseerlebnissen. Nicht zuletzt lauscht er immer wieder den "Geheimbotschaften" seiner jetzigen Lebens-Orte.

Lutz Seiler lebt abwechselnd in Stockholm in Schweden und in Wilhelmshorst in Brandenburg. Besonders die Waldgebiete, die er bei Wilhelmshorst durchstreift, tauchen immer wieder in seinen Gedichten auf – und das in vielen Bildvarianten, dass ein geradezu familiäres und auch mitleidendes Verhältnis zu einer Natur entsteht, die auch da offensichtlich vom Menschen gefährdet ist.

Gedicht "mann in der mark" von Lutz Seiler

mann in der mark 

du wolltest nur schritte, schweigen, doch das
war die mark. wo lichtflecken zart
durchs waldgras streichen
die scheinschwangerschaften des monds ansteigen ... wo schiffe verrosten & ihre gezeiten 

liegt die mark. die mark
an diesem ufer, diesem wald
aus sechsuhrabendlicht, der das gedicht
erfindet, voller masten, stolz, die leuchten, takelage &
ihr leises schlagen & reiben im wind, der oben geht & unten 

du dort tauchst du ab. das ist dein ort, dort bist du tiefer noch verkrochen, eingesunken, ach
in diesem fell aus laub zu schlurfen, abzusacken
im geflüster der moränen, raschelwort & knisterwort 

Seiler-hafte Figuren, Worte und Rhythmen

Es sind typische Lutz-Seiler-Figuren, die in der "schrift für blinde riesen" auftauchen: die sanften Verwandlungen, der Wald wird zum Mastenwald, zur Takelage, dazwischen der Mensch, der dort hinein abtaucht. Die Gedichte haben auch diesen Rhythmus, in dem immer auch etwas Erzählendes mitschwingt, manchmal einen verkappten Reim und die Freude am schönen gefundenen oder erfundenen Wort oder Bild, wie beispielsweise die "scheinschwangerschaften des mondes" oder das "sechsuhrabendlicht" oder das "raschelwort & knisterwort" – das ist alles sehr seiler-haft.

Informationen zum Buch Lutz Seiler: "schrift für blinde riesen– Gedichte"
Erschienen im Suhrkamp Verlag
112 Seiten

ISBN: 978-3-518-43000-2
Preis: 24 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. August 2021 | 08:40 Uhr

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