"Weltbetrachter" Neue Anthologie versammelt zehn Jahre Lyrik aus Sachsen

Wie geht des der Lyrik in Sachsen? Was beschäftigt die Dichterinnen und Dichter zwischen Plauen und Görlitz, zwischen dem Erzgebirge und der Leipziger Tieflandsbucht? Eine vielstimmige Antwort gibt die Anthologie "Weltbetrachter", die nun im Poetenladen erschienen ist, mit Gedichten u. a. von Elke Erb, Andreas Altmann, Uwe Tellkamp, Thilo Krause und Kerstin Hensel.

Cover "Weltbetrachter"
Der Lyrikband "Weltbetrachter" enthält sorgsam ausgewählte sächsische Gedichte der letzten zehn Jahre. Bildrechte: Poetenladen

Einen 'Weltbetrachter' nennt sich der Lyriker Wulf Kirsten. In seinem gleichnamigen Gedicht blickt er zurück auf ein Leben zwischen harter körperlicher Arbeit und künstlerischem Schaffen. In den lakonischen Ton mischt sich leise Verwunderung: War man nicht gestern noch ein Kind? Nun, achtzigjährig, begegnet sich der Dichter auf einmal als

Irrläufer meiner selbst, der
von verflossenen jahrhunderten
zu berichten weiß, zeitzeuge
wider willen nolens volens

Aus dem Gedicht "Weltbetrachter" von Wulf Kirsten

Worte, mit einer gewissen Allgemeingültigkeit, findet die Autorin Róža Domašcyna. Diese Verbindung zum Gedichtschreiben, dieses Dichtersein, dieses Ich und die Welt, das habe sie auch in den Einsendungen anderer Dichterinnen und Dichter entdeckt, die sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Axel Helbig in den vergangenen Monaten für eine Anthologie sächsischer Lyrik zusammengestellt hat. Weltbetrachter heißt deshalb auch das Buch. Wulf Kirsten fungiert als eine Art Pate, desgleichen die 2017 verstorbene Anne Dorn. Ihre Gedichte, die das gleiche Thema auf eine ganz eigene Weise behandeln, eröffnen und beschließen das Buch. Dazwischen versammelt der Band 154 sächsische Autorinnen und Autoren mit Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren. Dichter, die in Sachsen geboren wurden, wie der Leipziger Andreas Reimann, solche, die in die Welt gingen, wie Ulrich Zieger, und solche, für die Sachsen eine neue Heimat geworden ist, wie der in Damaskus geborene Adel Karasholi.

Katrin Schumacher posiert für ein Foto. 57 min
Bildrechte: MDR Kultur/Hagen Wolf

Gedichte von Elke Erb bis Thomas Rosenlöcher

Ein beachtliches Line-Up der Lyrikszene kam auf diese Weise zustande. Das seien große Namen wie Thomas Rosenlöcher, Andreas Altmann, Elke Erb, Kito Lorenc oder Kerstin Hensel dabei, erzählt Domašcyna. Man habe außerdem Dichterinnen und Dichter gewählt, die in den letzten zehn Jahren gestorben sind und neue Talente entdeckt, z.B. "Sebastian Weirauch, der seinen ersten Lyrikband jetzt hat oder Christin Herrmann, die auch singt und Lara Rüter oder Sarah Rehm, die ich für sehr begabt halte."

Wie im Botanischen Garten blühen hier also die unterschiedlichsten Blumen nebeneinander. Helbig und Domašcyna haben jedoch gärtnernd eingegriffen und Beete angelegt. So sind die Gedichte in neun Kapitel gegliedert – und zwar nach deren Inhalt. Die Kapitel offenbaren, was Lyrikerinnen und Lyriker aus und in Sachsen so umtreibt. Kaum überraschend: Die Liebe mit all ihren Schattierungen. Das künstlerische Schaffen. Das eigene, aber auch das von anderen, namentlich bildenden Künstlerinnen und Künstlern. Und in einem Kapitel, das unter Verwendung einer Gedichtzeile von Kerstin Becker mit "Wir sind aus solchem Zeug" überschrieben ist, finden sich poetische Auseinandersetzungen mit der Vergänglichkeit, dem Älterwerden, dem Tod. Große Themen also.

Lyrik als Spiegel der Zeit

"Ein Spiegel der Zeit", habe sich aus den eingesandten Gedichten geformt, schreiben die Herausgeber im Vorwort. Dazu passt, dass einige Dichter die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Blick nehmen. Andreas Paul in seinem dunkel betörenden Singsang "PEGIDA Armada" zum Beispiel oder, dezenter, Jan Kuhlbrodt mit seinem Gedicht "Nach Chemnitz".

Auch stilistisch herrscht Vielfalt: Vom Vierzeiler zum Langgedicht, von der anarchisch wilden Wortcollage bis zum anmutig strengen Sonett reicht das Spektrum. Bei so vielen unterschiedlichen Stimmen wird das Blättern zur Schatzsuche. Eine schöne Formulierung hier, ein treffender Gedanke da. Manches erschließt sich sofort, anderes braucht eine Weile. "Gedichte sind konzentrierte Erfahrung, ein Stück Leben und natürlich auch ein Stück Welt", sagt Domašcyna. Die nun erschienene Lyrikanthologie zeigt, wieviel Welt doch in Sachsen steckt.

Mehr Infos zum Buch "Weltbetrachter. Neue Lyrik. Eine Anthologie aus Sachsen"
Róža Domašcyna, Axel Helbig (Hg.)
u.d. Sächsischen Literaturrat
Hardcover
288 Seiten
21,80 Euro
ISBN: 978-3-948305-07-9
Erschienen im Verlag Poetenladen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2020 | 18:40 Uhr