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Ronya Othmann, Martina Hefter und Lutz Seiler haben 2021 neue Lyrik veröffentlicht. Bildrechte: Ronya Othmann - Sascha Kokot - imago/VIADATA

Welttag der PoesieDie schönsten aktuellen Lyrik-Bände aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Stand: 22. März 2022, 14:24 Uhr

Die Leipziger Autorin Ronya Othmann hat 2021 ihren ersten Lyrik-Band veröffentlicht, Lutz Seiler ("Kruso") kehrte nach zwei Romanen zu Versen zurück, und die Leipziger Literatur-Professorin Ulrike Draesner hat erst im Januar eine faszinierende Sammlung mit Gedichten veröffentlicht. Zum Welttag der Poesie empfehlen wir Ihnen besonders diese acht Bücher aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen von Autorinnen und Autoren aus Aschersleben, Gera, Halle, Leipzig und Rudolstadt.

 "hell & hörig": Ulrike Draesner liefert Einblicke in ihr Leben

Ulrike Draesner leitet seit 2018 das Deutsche Literaturinstitut Leipzig. Ihr im Januar 2022 erschienener Gedichtband "hell & hörig" fasziniert durch sprachliche Experimente. Draesner meidet reguläre Formen und hat sich für ihre Texte etwa von den Dadaisten Hans Arp und Kurt Schwitters inspirieren lassen oder von der Wiener Gruppe um Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Sie jongliert mit Silben und verwirbelt Vokabeln zu wahren Wortsymphonien. Dabei reflektiert sie auch über konkrete Momente ihres Lebens. Der Band enthält sowohl bereits veröffentlichte als auch bislang ungedruckte Texte aus den Jahren 1995 bis 2020.

"Die Verbrechen": Verse aufgeladen wie Hochspannungstransformatoren

Rund 200.000 Mitglieder der jesidischen Religionsgemeinschaft leben heute im Exil in Deutschland. Denn in ihrer Heimat, die sich zwischen der Osttürkei und dem nördlichen Irak erstreckt, werden sie von militanten Islamisten bedroht. Die Leipziger Autorin Ronya Othmann stammt aus dieser unterdrückten Minderheit und behandelt dies in ihrem ersten Lyrikband "Die Verbrechen". In ihren Gedichten thematisiert Othmann ihre jesidisch-kurdische Herkunft und die Verbrechen an diesen Minderheiten, formal zeigt sie sich experimentierfreudig. Zum Beispiel mit einer Hymne auf die Stadt Afrin, in der trotz ständiger Verfolgungsaktionen noch immer Jesiden ausharren. Mit faszinierenden Naturbildern und Metaphern, die an Günter Eich oder Johannes Bobrowski erinnern, entfalten ihre Gedichte jede Menge Suchtpotential.   

"Der Hund ist immer hungrig": Liebesgedichte und falsche Fährten

Für Anja Kampmann bedeuten Flashbacks eine Quelle enormer Produktivität. Ihre jüngsten Gedichte aus "Der Hund ist immer hungrig" strotzen nur so von Rückblenden in die Vergangenheit, entbehren dabei aber jeglicher Melancholie. Vielmehr verkörpern sie einen berauschenden Bilderteppich, in dem sich Erlebnisse ihrer Jugend wie in einem Prisma brechen. Es mutet verführerisch an, ihre Strophen 1:1 als Momente aus Anja Kampmanns privatem Dasein zu interpretieren. Aber die Künstlerin beherrscht die Methode der Verfremdung. Sie legt falsche Fährten und praktiziert diese Technik grandios. Bei aller Sachlichkeit der Perspektive gönnt Anja Kampmann sich ab und an Momente tiefer Emotionalität. Da gibt es auch schon mal ein ausladendes Liebesgedicht, das ihren Band abrundet.

"schrift für blinde riesen": Gedichte als Heimat

Mit "schrift für blinde riesen" knüpft Autor Lutz Seiler nach zwei Romanveröffentlichungen an frühere Gedichtbände an. In "pech & blende" aus dem Jahr 2000 gibt es zum Auftakt ein Motto von Paul Bowles: "Jeder hat nur ein Lied". Dieses Motto könnte man auch dem neuen Buch voranstellen. Lutz Seiler schreibt auch hier weiter an diesem einen Lied, das vor allem von seinen Kindheitswelten in den vom Uranbergbau geprägten Gebieten Thüringens erzählt. Die Gedichte sind von einem Rhythmus getragen, in dem immer auch etwas Erzählendes mitschwingt. Manchmal ein verkappter Reim und die Freude am schönen gefundenen oder erfundenen Wort oder Bild, wie beispielsweise die "scheinschwangerschaften des mondes" oder das "sechsuhrabendlicht" – das ist alles sehr seiler-haft.

"In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen": Luftig, albern, tiefsinnig

Die in Leipzig lebende Autorin Martina Hefter erzählt in ihrem neuen Gedichtband "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" so etwas wie den Prozess einer Verwandlung – im Sinne der Evolution sogar einer Rückverwandlung. Ein Mensch, oder besser eine Erzählerin, wird – zumindest an äußerlichem Volumen – immer weniger. Hefter kehrt zurück in den Zustand des Elementaren, zurück zu den Bausteinen allen Lebens: Wasser, Luft und Chlorophyll. Es ist, wie immer bei Martina Hefter, ein lyrisches Sprechen, das weniger auf knallige Bilder setzt, sondern auf ein unaufhörliches Verrücken und Weiterdrehen feinster Wahrnehmungen. Auf dem Buch steht zwar Gedichte, doch in den Texten fließen Gedicht, Essay und Erzählung ineinander.

"Cinderella räumt auf": Von Abschieden und der Huldigung besonderer Orte

Die Lyrikerin und Schriftstellerin Kerstin Hensel ist für ihren Humor bekannt, brilliert seit drei Jahrzehnten durch tiefsinnigen Humor, wie man ihn von Eugen Roth oder Joachim Ringelnatz kennt. In ihrem neuen Lyrikband schlägt die Absolventin des Leipziger Literaturinstitutes auch melancholische Töne an. Hensel befindet sich in einem Alter, in dem es in puncto Familie ständig darum geht, Abschied zu nehmen. Daher verwundert es kaum, dass eines der berührendsten und feinfühligsten Gedichte ihrer Lyriksammlung um ein sensibles Thema kreist, nämlich um den Tod des Vaters, den sie zu verarbeiten sucht. Manchmal kippt ihre Diktion ins Melancholische, etwa dann, wenn sie sich an ihre Geburtsstadt Chemnitz erinnert. In ihrem Gedicht "Gruß vom Kaßberg" schwärmt Hensel von einem der größten Gründerzeitviertel Sachsens. Daraus entwickelt sich ein ganzer Zyklus von Huldigungen an Orte, deren Atmosphäre sich ihr einprägte.

"Junge Lyrik" aus Sachsen und Sachsen-Anhalt

Die Anthologie "Denkzettelareale" will die Entwicklung der Dichtung der letzten zehn Jahre dokumentieren. Der Anthologie-Untertitel "Junge Lyrik" ist dabei eher ein Synonym für Zeitgenossenschaft: Thomas Böhme, der älteste Beiträger, ist 1955 geboren, Yevgeniy Breyger, der jüngste, ist Jahrgang 1989. Kerstin Preiwuß gehört auch zu den 33 Stimmen der Zusammenstellung. Das Spektrum der Themen und formalen Entwürfe ist immens: Ganz gleich, ob lakonisch oder pathetisch, laut oder leise gesprochen wird. Bis auf wenige Ausnahmen sind es Lyrikerinnen und Lyriker, die ihre Dichter-Kollegen vorstellen: Nach einführenden Essays kommen diese selbst zu Wort: zunächst mit einer Auswahl von Gedichten, dann in Interviews oder poetologischen Selbstbekenntnissen, die Schreibhaltungen und Schreibstrategien offenlegen. Die Verschränkung von Dichtung und Reflexion, Blicken in die Werkstatt und Diskurs macht die Lektüre der Anthologie spannend.

"In der Brandung des Traums": Leid, Hoffnung und Politik

Der in Rudolstadt lebende Künstler Steffen Mensching erweist sich in seinem neuen Gedichtband "In der Brandung des Traums" als Virtuose des Ratespiels und der Scharade. Dunkelheit und Helligkeit mischen sich in seinen Strophen zu einer Art Quiz, das den Leser zur Entschlüsselung verleitet. Nebenbei offenbart der Verfasser noch eine ganz andere Seite, nämlich die des Realisten in der Tradition von Bertolt Brecht oder Bernhard Klaus Tragelehn. Etwa dann, wenn er aus der Perspektive des Theaterintendanten auf sein Personal blickt. Dabei entpuppt sich Steffen Mensching in seinen Versen außerdem als Heißsporn. Der Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Armut und Ausgrenzung schwor er nie ab. Er sympathisiert mit sozialistischen Ideen, weiß jedoch um die Gefahren einer linken Diktatur, die er lange genug durchlitt. Ähnlich wie Erich Fried erweist er sich als durch und durch politischer Mensch.

Mehr Literatur

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 24. Mai 2021 | 11:45 Uhr