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ErotikNeue Kunstmagazine aus Jena und Leipzig

"Flut"

Junges Kunstmagazin aus Jena zeigt die Vielfalt der Erotik

von Pia Uffelmann, MDR KULTUR

Stand: 26. Mai 2021, 17:35 Uhr

Das Magazin "Flut" aus Jena erkundet mit Texten und anspurchsvollen Bildern, was Erotik heute bedeuten kannt. Aktuell ist die dritte Ausgabe in Vorbereitung. Für eine gedruckte Ausgabe haben sich die Herausgeberinnen bewusst entschieden – ein Statement für eine andere Auseinandersetzung im Gegensatz zum flüchtigen Internet mit allgegenwärtiger, banaler Nacktheit. MDR KULTUR hat die Frauen getroffen, die hinter dem Magazin stehen.

Die Macherinnen von "Flut", dem Magazin für gegenwärtige Erotik, haben die Qual der Wahl: An einem Samstag im Mai beugen sich die Mittzwanziger über die knapp fünfzig Einsendungen für die dritte Ausgabe ihres künstlerischen Erotik-Magazins. Auf leise, bedachte Art treffen sie eine erste Vorauswahl. Auf ihrem Tisch liegt eine schwarz/weiß-Aktreihe einer Frau mit Dreadlocks im Wasser. Sie schaut direkt fordernd, fröhlich in die Kamera. Später sehen sie Fotos von nackten Körpern in Laken gehüllt, durch die die Haut durchschimmert.

Die einreichenden Künstlerinnen und Künstler erproben ästhetische Strategien. Die Erotik kann dabei explizit oder kaum zu greifen sein – es geht den Macherinnen um einen Gegenentwurf, erklärt Paula Willert.

Ich glaube, es braucht "Flut", denn es gibt viele Erotik-Magazine - aber ich glaube, es kann nicht genug Blickwinkel auf Erotik geben. Und nicht genug Bilder von verschiedener Erotik.

Paula Willert vom Magazin "Flut"

Unterschiedliche Bilder gibt es in den bisherigen Ausgaben von "Flut" zuhauf. Fotos in hellem Licht und weichen pastelligen Tönen, Mann und Frau dabei in zarter Umarmung. Doch zwischen ihren Köpfen ist ein Spiegel, den die Frau küsst – und nicht ihren Partner. Ein Sinnbild unserer narzisstischen Gesellschaft.

Blicke in das alternative Erotik-Kunstmagazin "Flut"

Die Künstlerin Paula Berger hat sich mit möglichen Frisuren für ihre Vulva auseinandergesetzt. Bildrechte: Paula Berger
Nicht nur Bilder, sondern auch Poesie bekommt im "Flut"-Magazin ihren Raum. Bildrechte: Hannah Schlüter/Arnoldas Kubilius
Ein Großteil der Bilder im Magazin sind schwarz/weiß. Bildrechte: Anna Ebert

Fotos und Poesie

Im Magazin sind ein Großteil der Bilder schwarz/weiß. Aber auch Farbfotos sind abgedruckt, surreale Aktbilder mit Reptilienköpfen, Malereien, die gähnende pinkelnde Frauen in naiver Malweise zeigen. Vorrangig publizieren Frauen, aber auch Männer reichen ein. Darunter findet sich auch teils aggressive Poetik.

Kompressionen
Lass mich Heimat schlucken.
Meinen Mund voll Gewürgtem
hinab in meinen Hals zum Stöhnen
Schlucken all unsere guten, tradierten, alten milchig weißen Grenzen.

Gedicht von Paul Helfritzsch

Das Cover zur zweiten Ausgabe des alternativen Erotik-Magazins "Flut" Bildrechte: Flut Magazin/Johanna Brummack

Die Botschaft von "Flut" ist so diffus wie klar: Erotik ist vielfältig. Was zunächst wie eine Binsenweisheit wirkt, birgt eine große Freiheit und die Chance, sexuelle Konventionen infrage zu stellen. So zeigt das Cover der zweiten Ausgabe in schwarz-weiß zwei im Farn hockende Nackte. Die Haare jeweils stoppelkurz, Geschlechter irrelevant. Entscheidend ist die Hand, die der eine Mensch sanft auf den Rücken des anderen legt.

Bewusste Entscheidung für Print

Das gewählte Medium des gedruckten Magazins scheint angesichts der Bilderflut im Internet fast antiquiert – ist aber genauso beabsichtigt, erklärt Willert. Einerseits ist es weniger flüchtig. Denn ein Magazin, das man in der Hand hat, durchblättern kann, auch zwei oder drei Monate später noch. Anderseits finden die Macher, "dass es zum Thema gut passt, weil Erotik durchaus mit Haptik zu tun hat."

Als Magazin mit kleiner Auflage von 300 Stück sieht sich "Flut" auch als Plattform, um Menschen – Künstlerinnen und Künstler genauso wie ihr Publikum – zum Nachdenken über Erotik zu bringen. So wie Laura Theimer, die auch Teil des "Flut"-Teams ist. In der zweiten Magazin-Ausgabe wurde eine von ihr gemalte Vulva abgebildet, anatomisch korrekt, mit Intimbehaarung – und Glitzerfarbe. Theimer geht es um eine Erotik jenseits des gewohnten männlichen Blicks. Sie findet, dass die weibliche Lust, die weibliche Sexualität nicht genug abgebildet wird – gerade in der klassischen Pornografie. Ihre Motivation ist, sich dafür einzusetzen, dass ein diverseres Bild dargestellt wird.

Inspiration aus Leipzig

Das Magazin aus Jena ist in seiner Zielstellung nicht allein. Auch in Leipzig gibt es ein feministisches Kollektiv, das ein künstlerisches Heft, genannt "Das Erotik-Magazin", in loser Reihe publiziert. Dieses Jahr erscheint die vierte Ausgabe. Ein Projekt, das für die "Flut"-Frauen eine Inspiration war und ist.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2021 | 17:10 Uhr