Freiräume und Kreativität Zukunftsträume für Magdeburg: Stadtschreiberin Katja Hensel sucht Utopien

Katja Hensel ist die neue Stadtschreiberin von Magdeburg. Seit vier Wochen ist sie in der Stadt unterwegs, sammelt Eindrücke und hört den Menschen zu. Besonders interessieren sie die Lehrstellen im Stadtbild, das, was noch unentschieden wirkt oder vorläufig scheint. Die Autorin will diese Orte gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen zum Ausgangspunkt für eine utopische Intervention machen.

Magdeburgs Stadtschreiberin Katja Hensel 4 min
Bildrechte: Ulrich Wittstock/MDR

"Ich finde schon, dass die Magdeburger ein großes Bewusstsein für ihre Stadt haben und dass sie auch sehr gerne Magdeburger sind." Das sagt eine, die in Hamburg aufwuchs und nun Wahlberlinerin ist. Katja Hensel studierte zunächst Schauspiel, fügte später noch einige Semester szenisches Schreiben hinzu. Sie hat inzwischen ein Dutzend Stücke geschrieben – für Erwachsene, aber auch für Kinder und Jugendliche. Derzeit arbeitet sie an ihrem ersten Roman.

Arbeit mit Magdeburger Kindern und Jugendlichen

Doch für ihren Magdeburger Aufenthalt als Stadtschreibern wird Katja Hensel ihren Schreibtisch wohl häufiger verlassen, denn sie will mit Kindern und Jugendlichen ein Projekt für die Stadt entwickeln: "Zu der Zeit, als ich mich beworben hatte, steckten wir noch in der tiefsten Corona-Krise. Und mein Eindruck war, dass vor allem die Kinder hinten runterfallen", sagt die Autorin. "Deshalb fand ich es wichtig, kreative Dinge anzubieten, einfach nur um ihrer selbst willen und nicht, um dafür eine gute Note zu bekommen." Katja Hensel hat mit solchen Projekten einige Erfahrung, denn sie ist Mitbegründerin einer Theatergruppe, für die sie auch eigene Stücke entwickelte. Erste Kontakte zu den Kultureinrichtungen der Stadt bestehen bereits. Allerdings sucht die Autorin auch nach Möglichkeiten jenseits der eingefahrenen Gleise: "Mir geht es nicht nur um kulturaffine Kinder und Jugendliche, sondern auch um solche, die sich erstmal gar nicht vorstellen können, etwas zu schreiben. Da bin ich allerdings auf Hilfe angewiesen. Wer da Ideen hat, der kann sich gerne bei mir melden."

Optimismus statt Dystopie

Was am Ende des Prozesses steht, ist derzeit noch offen, eine Performance, ein Stück oder auch ein Hörspiel. Während also die Form noch nicht feststeht, ist der Inhalt allerdings definiert, zumindest die Erzählrichtung steht fest. Katja Hensel will nämlich nach vorn blicken, und das mit Optimismus: "Derzeit stehen ja Dystopien bei Jugendlichen und Kindern extrem hoch im Kurs. Aber eigentlich wäre es interessant, auch mal Utopien zu beleuchten. Wie könnte diese Stadt im Jahr 2030 aussehen? Das ist eine Frage an die Generation, die dann hier wohnen wird." Die Ausblicke sind ja derzeit durch die realen Umstände erheblich eingetrübt. Die Folgen des Klimawandels, der erneute Krieg in Europa sowie der technologische Wandel sorgen eher für eine eingeengte Sicht auf die Zukunft. Eine Utopie bietet allerdings die Möglichkeit, den Blickwinkel zu erweitern. Und zwar ohne Vorbedingungen. Es gehe schließlich nicht um Machbarkeitsstudien, sondern um das Anstoßen von kreativen Prozessen, erklärt Katja Hensel.

Ruine
Platz für Kreativität? Brache in Magdeburg Bildrechte: MDR/Ulrich Wittstock

Magdeburg als Ort der Möglichkeiten

Magdeburg ist als Bühne für ein solches Projekt durchaus besonders geeignet, denn die Stadt bietet als Kulisse und Denkort auch noch ganz real Räume für Entwicklungen. Es lassen sich noch immer Leerstellen finden, die anderswo längst überbaut sind. Freie Räume, die ein freies Denken ermöglichen. Katja Hensel: "Ich, als Hamburgerin, die in Berlin lebt, habe eine große Sehnsucht nach solchen Orten, fast schon eine Art Phantomschmerz. In den Großstädten gibt es ja nur noch extrem wenig Nischen. Ich finde aber, dass eine Stadt wie ein Organismus funktionieren muss, der auch Orte braucht, die von sich von selber verändern."

Am Mittwochabend wird Katja Hensel sich mit einer Lesung im Magdeburger Forum Gestaltung dem Lesepublikum der Stadt vorstellen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. April 2022 | 07:40 Uhr

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