Gedichtband "Dämonenräumdienst": Marcel Beyer über Geister der Popkultur

Ein neuer Gedichtband von Büchner-Preisträger Marcel Beyer – das ist ein Ereignis in der deutschen Literaturlandschaft. "Dämonenräumdienst", schon dieser Titel klingt so verspielt wie vieldeutig. Beyer zerlegt Sprach- und Denkschablonen, und er trifft die ewigen Gespenster der Popkultur sowie seine ganz persönlichen Dämonen. Der in Dresden lebende Dichter hat sich dafür selbst Beschränkungen auferlegt.

Der Schriftsteller Marcel Beyer
Marcel Beyer ist Jahrgang 1965 und lebt in Dresden. Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Der Dämon, der in Marcel Beyers Gedichtband "Dämonenräumdienst" am deutlichsten auszumachen ist und deshalb auch zunächst mal am einfachsten zu stellen ist, das ist die Dummheit. Die Bereitschaft, auf öffentlich ausgestellte Posen und schlichte ideologische Muster reinzufallen. Wenn sich Menschen darin genügen, ihren Affekten zu folgen, anstatt es auf sich zu nehmen, auch die Kompliziertheit der Verhältnisse anzunehmen. Darauf antwortet Marcel Beyer als Dichter, indem er alles mit allem verschaltet und eben zeigt, wie alles im Fluss ist, sich verwandelt und nur so, in Bewegung, auch zu verstehen ist.

Ewige Gespenster der Popkultur

Das Buchcover von "Dämonenräumdienst" ist schlicht rot gehalten.
173 Seiten umfasst Meyers Gedichtband. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Eine nächste Gruppe von Dämonen, die Marcel Beyer immer wieder aufruft, um sie zu vertreiben – das sind die ewigen Gespenster der Popkultur. Der Tod spielt Oldies, schreibt er einmal, und dann kommt die "Lady in Red" (ein Song von Chris de Burgh) oder "Dancing Queen" oder "Hotel California" – also dieses Oldie-Partys-Inventar, das ja auch so einen gewissen Gemütszustand zeichnet. Diese Seligkeit, sich im Früher, im Es-war-einmal zu feiern und eben das Neue nicht mehr an sich ranzulassen. Und dann gibt es auch noch die ganz persönlichen Dämonen, die den Dichter Beyer genauso heimsuchen, wie jeden anderen Menschen auch: die Angst vor dem Tod, die Erinnerungen, vor denen keiner fliehen kann.

Das Buchcover von "Dämonenräumdienst" ist schlicht rot gehalten. 10 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Ein neuer Gedichtband von Marcel Beyer ist ein Ereignis in der deutschen Literaturlandschaft. In "Dämonenräumdienst" geht es etwa um die Bereitschaft, auf schlichte ideologische Muster reinzufallen, sagt unser Kritiker.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 17.08.2020 06:00Uhr 10:23 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Buchcover von "Dämonenräumdienst" ist schlicht rot gehalten. 10 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Selbstauferlegte Beschränkungen

Alle Gedichte haben 40 Zeilen, zehn Strophen à vier Zeilen. Das ist, so hat er mir bei der Vorbereitung für diesen Artikel erzählt, eher aus einem Zufall heraus gewachsen. Er habe eben so einen Text in dieser Form geschrieben und dann herausfinden wollen, wohin ihn diese formale Beschränkung führen könnte. Ein weiteres typisches Marcel-Beyer-Merkmal ist, dass er sehr verschiedene Bildwelten gegeneinander setzt, neue Vokabeln erfindet – "Dämonenräumdienst" etwa –, es aber zugleich in fast allen Texten auch einen episodischen Kern gibt.

Vita Marcel Beyer, der seit 1996 in Dresden lebt, ist in den letzten Jahren mit wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet worden – und 2016 mit dem wichtigsten, der in Deutschland überhaupt vergeben wird: dem Büchner-Preis. Das Werk des 1965 geborenen Beyer umfasst Romane (zum Beispiel "Flughunde" und "Kaltenburg"), Essays, Opernlibretti und natürlich immer wieder Gedichte. Am 17. August ist der neue Gedichtband "Dämonenräumdienst" erschienen.

Mehr zum Gedichtband Marcel Beyer: "Dämonenräumdienst"
Erschienen am 17. August 2020
173 Seiten, Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-42945-7

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Der Schriftsteller Marcel Beyer 24 min
Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2020 | 08:10 Uhr

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