Interview Von der Spraydose zu "Siddhartha": Wie Matthias Jügler zur Literatur fand

Welche Macht Bücher haben können, hat der in Halle geborene Schriftsteller Matthias Jügler selbst erfahren. Wie er als jugendlicher Lesemuffel mit Hermann Hesses "Siddhartha" zur Literatur fand, mit welchen Büchern er heute am liebsten dem Alltagstrott entflieht und wie man Kinder und Jugendliche für Literatur begeistern kann, erzählt der in Leipzig lebende Autor im Interview mit MDR KULTUR.

Matthias Jügler
Matthias Jügler beim Blättern durch seinen erfolgreichen Roman "Die Verlassenen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Von vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern hört man, dass sie schon von klein auf wie verrückt gelesen haben. Matthias, soweit ich weiß, war das bei Dir ganz anders. Magst Du uns davon erzählen?

Matthias Jügler: Gern! Ich war wirklich so eine Art Lese- und Schreib-Spätzünder. Bücher, das waren für mich immer nur schwere Schinken aus dem Deutschunterricht, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Manchmal habe ich diese Bücher auch von vorneherein abgelehnt, einfach weil ich meine Deutschlehrerin so unsympathisch fand. Ich wollte damals unbedingt dazugehören, cool und toll sein – und zu lesen, das war mit 15, 16 und 17 eben nicht gerade cool. Aber eines Tages änderte sich das.

Ich war ja ganz besoffen von diesem Buch und alles, was ich wollte, war: mehr, mehr!

Matthias Jügler, Schriftsteller

Ein Freund kam zu mir und sagte: Hier, da hast du ein Buch. Lies das mal. Wenn du fertig bist, bekommst du eine Sprühdose dafür. Wir haben damals ziemlich exzessiv Graffiti gemacht (...) So eine Dose hat damals fünf Mark gekostet – also irgendwie hat sich das für mich lukrativ angehört.

Das Buch war "Siddhartha" von Hesse und hat 120 Seiten. Ich hab's gelesen, in einem Rutsch und am nächsten Tag kam ich zu meinem Freund, und als der mir die Sprühdose geben wollte, habe ich bloß gesagt: Ach, nö, nö – gib mir mal lieber noch ein Buch. Da ist mir zum ersten Mal in meinem Leben klar geworden, dass Bücher wirklich etwas mit einem machen konnten. Ich war ja ganz besoffen von diesem Buch und alles, was ich wollte, war: mehr, mehr!

Was war das Besondere für Dich an "Siddhartha", das Dich so "besoffen" werden ließ?

Ich war damals wahnsinnig unsicher, so im Sinne von: Alle sind besser als ich, schöner, schneller, klüger als ich. Mit meinen Eltern war es auch nicht gerade leicht; also eigentlich der typische Teenager-Blues. Das einzige, was ich wusste, war, dass ich keine Ahnung hatte, was ich vom Leben wollte, wo ich hingehöre, wie ich es schaffen kann, irgendwie glücklich zu werden – denn dass ich das nicht wahr, das habe ich schon immer wieder gemerkt.

Ein Stapel Bücher von Hermann Hesse liegen auf einem Schwarz-Weiß-Fotos des bekannten Dichters.
Für Matthias Jügler war Hermann Hesse eine wichtige Leseerfahrung in seiner Jugend. Bildrechte: Matthias Jügler

Und dann habe ich "Siddhartha" gelesen und hatte Sätze im Kopf wie: Es ist okay, dass du so bist, wie du bist. Oder: Sag ja zu dir selbst! Wenn ich jetzt mit zwanzig Jahren Abstand wieder daran denke, dann klingt das super kitschig. Aber genau das war, was ich damals als 17-Jähriger brauchte. Dass mal jemand sagt, dass es voll okay ist, nicht der Klügste, Schönste, Beste zu sein. Ich habe dann alles von Hesse gelesen, was zu haben war, das ist sicher mehr als ein Regalmeter. Lesen war dann wirklich so eine Art Flucht für mich, aber auch Ermutigung und Bestärkung.

Über Matthias Jügler

Matthias Jügler wurde 1984 in Halle geboren. Er studierte Skandinavistik und Kunstgeschichte in Greifswald und Oslo sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er ist Autor der Romane "Raubfischen" (2015) und "Die Verlassenen" (2021) sowie Herausgeber der Anthologie "Wir gestern heute hier" (2020). Jügler lebt und schreibt in Leipzig. Dort arbeitet er auch als Lektor und Übersetzer aus dem Norwegischen.

Heute lebst Du vom Schreiben und vom Lektorieren – kann denn Lesen heute noch eine Art Flucht vom Alltag für Dich sein, so ganz ohne Teenager-Blues?

Ja, total! Bei einer Flucht denke ich ja nicht immer an die ultimative Lebenskrise. Ich flüchte ja gern mal aus dem Trott meines Alltags, so wie jeder andere auch. Entweder gehe ich abends, wenn die Kinder schlafen, an den Fluss, um zu angeln. Oder ich lese. Beides schafft mir Erleichterung. Und obwohl ich gar nicht traurig oder deprimiert bin, tröstet mich das – gar nicht so einfach, das so genau zu erklären.

Mein Fluchtfahrzeug ist die Sprache.

Matthias Jügler, Schriftsteller
Der Schriftsteller Matthias Jügler
Schriftsteller Matthias Jügler Bildrechte: Melina Mörsdorf

Jedenfalls: es ist einfach so fantastisch, wenn man einen bestimmten Sound hört, eine bestimmte Sprache, die klingt und tönt und vibriert in den Ohren und man verliebt sich sofort, ohne genau zu wissen, warum. Ich denke da an W. G. Sebald oder Per Petterson, oder manche Bücher von Judith Hermann. Viele nutzen ja Fantasybücher, um der normalen Welt zu entfliehen. Ich brauche das gar nicht. Mein Fluchtfahrzeug ist die Sprache. Ein Satz kann ausreichen, um mich ganz weit weg zu führen und ich denke mir während des Lesens: Mein Gott, nur noch 250 Seiten! Da passiert so viel in einem (…) ja, ja, das Lesen (…) da kann man schon ins Schwärmen kommen.

Dieser Glückszustand der Flucht ins Lesen, dieses Berauschen an einem Satz – das ist etwas, über das man sich mit denen, die das auch kennen, kaum austauschen muss, man weiß es einfach. Aber was ist mit denen, von denen man denkt, sie bräuchten das mal? Wie kann man andere Menschen überzeugen – ob das jetzt Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sind – dass sich das Lesen so unheimlich lohnt?

Zu Liebe und Leidenschaft kannst Du leider niemanden zwingen. Aber: Man kann ja trotzdem ein bisschen tricksen und hier und da mal einen Köder auslegen in Form eines Buchs und schauen, ob der Nicht-Leser anbeißt. Erzwingen kann man das leider nicht, sonst endet's wie bei mir in der Schule, da wurde mir ja die ganze Zeit gesagt, der Herr Goethe und der Herr Schiller, ich war da 15, 16 Jahre alt, das sei jetzt das große Ding für mich – war's natürlich nicht.

Eigentlich gibt es ja zu jeder Lebenslage den passenden Roman.

Matthias Jügler, Schriftsteller

Aber wenn ich mir vorstelle, ich habe ein Kind in dem Alter, das gerade in so einer Null-Bock-Stimmung ist, was die Schule angeht, dann leg ich ihm "Unterm Rad" von Hesse nebens Bett und weiß, das könnte Funken schlagen. Im Buch geht's ja genau darum: Schule, Überforderung, Talent, etc. Eigentlich gibt es ja zu jeder Lebenslage den passenden Roman, den zu finden und im richtigen Moment anzubieten, das kann dann schnell mal ein Lese-Leidenschafts-Erzeuger sein. Ein bisschen Glück gehört dann halt auch dazu.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR. Für die schriftliche Fassung wurde es redigiert und leicht gekürzt.

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Dezember 2021 | 18:05 Uhr