Lese-Empfehlung Matthias Jüglers Stasi-Roman: Ein Meisterwerk der Täuschung

In seinem hochgelobten Roman "Die Verlassenen" setzt sich Matthias Jügler mit der DDR auseinander. Eine Zeit in seiner frühen Kindheit, an die der 1984 in Halle geborene Schriftsteller kaum mehr eigene Erinnerungen hat. Um die Geschichte über Romanfigur Johannes, der sich auf Spurensuche in seine ostdeutsche Vergangenheit begibt, dennoch so authentisch wie nur möglich erzählen zu können, führten ihn seine Recherchen in die Online-Mediathek des Stasi-Unterlagen-Archivs, zum Halleschen Maler Moritz Götze und auf Ebay. Das Resultat: eine täuschend echte Dokufiktion in Buchform.

Unterlagen liegen auf einer Schreibmaschine 4 min
Bildrechte: Matthias Jügler

Unter einer verstaubten Kofferhaube, die Matthias Jügler aus seinem Keller hervorkramt, kommt eine beigefarbene Schreibmaschine der Ost-Marke "Erika" zum Vorschein. Diese hat der Autor über Ebay erworben, als er 2017 mit dem Schreiben seines Romans "Die Verlassenen" begann. Johannes Wagner, der Protagonist des Buchs, verliert im Alter von fünf Jahren seine Mutter, nach der Wende verschwindet der Vater auf rätselhafte Weise. Hat die Stasi etwas damit zu tun?

Stasi-Geschichte authentisch dargestellt

Porträt des Schriftstellers Matthias Jügler
Matthias Jügler wurde 1984 in Halle geboren und lebt heute in Leipzig. Bildrechte: Franziska Hauser

Die Geschichte seines Romans hat mit der Biografie des 1984 in Halle geborenen Autors nichts gemein. Und genau das wurde für Matthias Jügler beim Schreiben zur Herausforderung: "Ich kam im Buch etwa nach 130 Seiten an den Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich mich davor drücke, zu erzählen, was mit den Eltern eigentlich passiert ist. Ich konnte mir das als Roman erzählt die ganze Zeit nicht vorstellen: 'Dann macht er dies, dann macht er das …' – das klang für mich immer falsch."

Um die vergangene, ihm weitestgehend fremde Welt zu vergegenwärtigen, beschließt Jügler die Akteure von damals, die Stasi, selbst mitschreiben zu lassen. Kurzerhand beantragt er dafür bei der Online-Mediathek des Stasi-Unterlagen-Archivs Original-Stasi-Akten. Entlang der historischen Vorlage beginnt Jügler, eigens für seinen Roman, Stasi-Beobachtungsberichte zu fingieren. Sein Werkzeug ist die alte Erika: "Mit der Schreibmaschine ist es tatsächlich ziemlich tricky: Denn wenn man sich vertippt hat, kann man nicht einfach auf 'entfernen' drücken."

Der Schriftsteller Matthias Jügler 19 min
Bildrechte: Melina Mörsdorf

"Erika"-Schreibmaschine und DDR-Papier

Um die Original-Akten so originalgetreu wie nur möglich zu imitieren, bestellt sich Matthias Jügler 50 Blatt Original-DDR-Papier, wohlgemerkt für ein Euro pro Blatt. Die Fallhöhe, sich auf dem teuren Papier zu vertippen, sei mit zunehmender Seitenlänge gewachsen, erinnert sich Jügler: "Druck ist mir beim Schreiben eigentlich völlig fremd, weil ich weiß, ich habe tausend Versuche. Und auf einmal war da so ein begrenzter anderer Raum, der einem zur Verfügung stand, nämlich dieses Original-DDR-Papier, von dem ich nicht unbedingt nochmal so viel neu bestellen wollte."

Die auf dem vergilbten DDR-Papier getippten Dokumente wirken täuschend echt. Hin und wieder finden sich orthografische und grammatikalische Fehler, die der Autor absichtlich eingebaut hat, denn Komma- und Rechtschreibfehler seien auch in den Original-Akten Gang und Gebe gewesen, erzählt Jügler. Seinem Roman hat er außerdem, ganz getreu den Original-Stasi-Akten, zahlreiche Beweismittel beigefügt: "Nimm den Lenker in die Hand, freie Meinung, freies Land" – so entpuppt sich etwa die Schrift des handgeschriebenen Flyers im Roman im Gespräch mit dem Autor als die Handschrift seiner Frau.

Fotos aus dem Archiv eines bekannten Malers aus Halle

Um die vermeintliche Authentizität des Erzählten weiter zu verbürgen, darf im Buch die stasigetreue Fotodokumentation zur Beobachtung der Romanfiguren nicht fehlen. So finden sich im Roman zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien, die aus dem Archiv des Halleschen Malers Moritz Götze stammen, der Jügler übrigens die Grundidee zum Buch lieferte.

Unterlagen und Fotos liegen auf einer Schreibmaschine
Der Roman enthält zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Archiv des Halleschen Künstlers Moritz Götze – Cameoauftritte inklusive. Bildrechte: Matthias Jügler

Eine der Aufnahmen zeigt eine Gruppe junger Leute bei einer Lesung auf alten DDR-Liegestühlen sitzend. Als wäre es eigens dafür geschossen worden, fügt sich das Bild perfekt in die Handlung des Romans ein. In der linken Bildhälfte ist übrigens Grita Götze, die Frau von Moritz Götze und in der Mitte ein Freund von Wolf Biermann zu sehen – doch diesen Cameoauftritt löst Matthias Jügler in seinem Roman nicht auf: "Viele Leute nehmen das für bare Münze. Als meine Agentur auf Verlagssuche gegangen ist hat ein Verlag abgesagt, mit der Begründung, dass das echte Akten seien und dass das denen zu heiß sei. Zuerst war ich deprimiert und dann dachte ich mir: Cool, die haben mir das abgekauft."

Täuschend echte Dokufiktion

Matthias Jüglers Roman "Die Verlassenen" gibt sich letztlich an keiner Stelle als Fiktion zu erkennen. Der trügerische Schein des vermeintlich Authentischen ist nicht zuletzt dem Einsatz der alten Erika-Schreibmaschine zu verdanken, die das Eigenleben der Dokufiktion befördert hat.

Buchcover von Matthias Jüglers Roman "Die Verlassenen"
Buchcover von Matthias Jüglers Roman "Die Verlassenen" Bildrechte: Penguin Verlag

Angaben zum Buch Matthias Jügler: "Die Verlassenen"
Erschienen am 1. März 2021 bei Penguin
ISBN: 978-3-328-60161-6

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2021 | 18:50 Uhr