Anthologie "Wir gestern heute hier" – Matthias Jügler versucht, den Wandel der Werte zu fassen

Nachdem Matthias Jügler bereits mit seinem Roman "Die Verlassenen" überzeugt hatte, legt der 1984 in Halle geborene Autor nun ein Buch als Herausgeber vor. Bei "Wir gestern heute hier" handelt es sich um eine Anthologie, die "Texte zum Wandel unserer politischen Werte" versammelt, wie der Untertitel verrät. MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt hat das Buch gelesen.

MDR KULTUR: Wir leben in politisch und gesellschaftlich bewegten Zeiten, so viel ist klar, aber worauf genau zielt dieses Buch?

Matthias Schmidt: Matthias Jügler schildert in seinem Vorwort, wie sehr es ihn und viele Schriftsteller bewegt, dass sich im Wertesystem des Landes ein Wandel vollzogen hat, den er als Umbruch empfindet. Er nennt die Achtung der Menschenwürde, Toleranz und einen respektvollen Umgang miteinander - Dinge, die wir für selbstverständlich hielten, die aber vor allem am rechten politischen Rand immer weniger zu gelten scheinen. Viele Positionen stehen sich zudem unversöhnlich gegenüber. Im Spektrum zwischen Fridays for Future und den Grünen auf der einen und der AfD oder Pegida auf der anderen Seite. In der Anthologie blicken 19 Autoren und Autorinnen zurück in die jüngere gesamtdeutsche Vergangenheit, mit dem Ziel, damit den Blick auf das Heute zu schärfen. Das meint der Titel "Wir gestern heute hier".

MDR KULTUR: Welche Autorinnen und Autoren, welche Stimmen sind denn in der Anthologie versammelt und wie gehen sie das Thema an?

Der Schriftsteller Matthias Jügler
Schriftsteller und Herausgeber Matthias Jügler Bildrechte: Franziska Hauser

Das Spektrum ist breit, und es sind viele bekannte Namen aus West und Ost vertreten. Man müsste sie hier eigentlich alle nennen, denn die Diversität ist Programm – in Herkunft, Alter und Geschlecht. Das ist eine sehr spannende Mischung, von Ulrike Draesner, Professorin am Literaturinstitut in Leipzig, bis zu der mehr als 30 Jahre jüngeren Lara Hampe, einer Studentin an eben diesem Institut. Mehrere Preisträgerinnen und Preisträger des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs, Julia Schoch etwa mit einer sehr berührenden Erzählung über die Erinnerungen einer 15-Jährigen an die Nachwendejahre, oder Peter Wawerzinek, der schildert, wie er Anfang der 90er-Jahre von Neonazis aus Schwedt gejagt wurde. Es gibt bekannte Namen aus unserer Region, Lukas Rietzschel zum Beispiel. David Wagner, Antje Rávik-Strubel, Deniz Utlu – tolle Auswahl. Die Texte reichen von essayistischen Erinnerungen bis zu auch formal experimenteller Kurz-Prosa. Sie sind teils kämpferische, nachdenkliche, nachdenkende, aber auch sehr künstlerische Annäherungen an die Aufgewühltheit unserer Gegenwart.

Die Texte reichen von essayistischen Erinnerungen bis zu formal experimenteller Kurz-Prosa. Sie sind teils kämpferische, nachdenkliche, nachdenkende, aber auch sehr künstlerische Annäherungen an die Aufgewühltheit unserer Gegenwart.

Matthias Jügler, Autor und Herausgeber

MDR KULTUR: Um es mal konkreter zu machen – welche der Texte haben Sie besonders beeindruckt?

Auch hier gilt: Sie sind alle reizvoll, für mich vor allem die, die sich mit der DDR auseinandersetzen. Lukas Rietzschel schreibt großartig darüber, wie er als Nachgeborener quasi unfreiwillig zum Verteidiger der Ostdeutschen wurde – allein das ist das Buch wert. Aber hier vielleicht ein anderes Beispiel, weil ich das bereichernd finde. Mal abgesehen von der völlig zu Recht spürbaren Empörung einiger Texte über rechtes Gedankengut und rechte Gewalt: Stefan Thomes Beschäftigung mit einem alten Volksbrauch in seiner alten Heimat Oberhessen. Da gibt es den sogenannten Biedenkopfer Grenzgang, und die zentrale Figur ist der "Mohr von Biedenkopf". Ein weißer Mann wird schwarz geschminkt und spielt dann diese Rolle, seit Jahrhunderten. 2019 tauchte die Frage auf, ob man das noch so machen sollte. Von den Theaterbühnen ist das "Blackfacing" längst verschwunden, da herrscht mittlerweile Konsens. Was wird also aus dem alten Volksbrauch? Das gilt ja auch für die Mohren-Apotheke oder die Mohrenstraße. Also macht sich Thome auf nach Biedenkopf und schaut sich das Spektakel noch einmal an. Und diesen suchenden Ansatz finde ich toll, ehrlich gesagt besser, als den ideologischen, der einfach nur aktivistisch vorgeht und nur eine Antwort zulässt: Nein, kann man nicht mehr machen!

MDR KULTUR: Wie geht Thome mit dem Streit um den Mohren von Biedenkopf um?

Er beschreibt an diesem Beispiel ein Phänomen, um das es beispielsweise auch in Lukas Rietzschels Stück "Widerstand" ging, das gerade in Leipzig uraufgeführt wurde. Es gibt offenbar eine Spaltung der Gesellschaft. Verschiedene Lebenswelten – verschiedene Wahrnehmungen ein und desselben Vorgangs. Für die Biedenkopfer ist der Mohr eine positiv besetzte Figur. Es bringt Glück, ihn zu berühren. Er ist eine Tradition, er ist Heimat. Für Anti-Rassismus-Aktivisten ist er eine Zumutung. Thome beschreibt diese Spaltung anhand einer Theorie, die sagt, es gibt die "Anywheres", die Kosmopoliten, die sind mobil und weltgewandt und Veränderungen gegenüber deutlich aufgeschlossener als die "Somewheres", die heimatverbunden sind und sich vor allem ihren Wurzeln verpflichtet fühlen. Zwei Welten: Stadt und Land, Metropole und Provinz, Biedenkopf und Berlin. Da driftet etwas auseinander, weil die Anywheres zwar die kleinere Gruppe sind, aber die Diskurse bestimmen, die Themen. Die Somewheres – Thome nennt sie "Wurzelbürger" – finden sich darin oft nicht wieder, sind aber eine Mehrheit. Deshalb passieren dann eben Dinge wie der Brexit oder die Trump-Wahl, und wir sind überrascht. Ich finde, solche Denk-Wege sind extrem wichtig und aufschlussreich, und in diesem Buch gibt es einige davon zu lesen. Nicht nur deshalb – es lohnt sich!

Informationen zum Buch Titel: Wir gestern heute hier. Texte zum Wandel unsere politischen Werte
Herausgeber: Matthias Jügler
ISBN: 978-3492070348
Das Buch ist bei Piper erschienen, hat 256 Seiten und kostet 22 Euro.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 17. Mai 2021 | 17:40 Uhr

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