"Parallel" Leipziger Comic erzählt Coming-Out-Story eines schwulen Familienvaters

In seinem fulminanten Debüt "Parallel" erzählt der Leipziger Comickünstler Matthias Lehmann vom zerrissenen Leben eines schwulen Familienvaters, der in den 50er-Jahren erst in der BRD und später in der DDR eine Parallellexistenz führt. Dabei zeichnet Lehmann das Panorama einer deutschen Gesellschaft, in der Homosexualität geächtet wird und bis 1994 unter Strafe gestellt ist.

Comickünstler Matthias Lehmann
Matthias Lehmann, geboren 1983 in Dresden, absolvierte sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Bildrechte: Andrea Heinze

Karls Leben scheint dem Ideal der 50er-Jahre zu entsprechen: Er hat eine schöne Frau und ein Kind, nimmt an rauschenden Partys teil und sein reicher Schwiegervater fördert ihn. Doch dann bricht alles zusammen. Weil Karl tut, was damals nicht einmal gesagt werden darf: Er liebt Männer – und wird dafür verprügelt. Er trifft sich weiter mit Männern und seine Frau trennt sich von ihm. Dafür sorgt auch der Schwiegervater, der um den guten Ruf der Familie besorgt ist.

Solche Konflikte gebe es vielleicht nicht mehr eins zu eins, meint der Leipziger Comic-Autor Matthias Lehmann, aber er konnte sich trotzdem gut damit identifizieren. "Weil das Gefühl, dass man sich als etwas verkauft, was man gar nicht ist, das kenne ich auch und das kennen vielleicht auch viele. Und das war dann mein Einstieg in die Geschichte und da habe ich weiter geforscht."

"Parallel": Comic von Matthias Lehmann
Vor seiner Familie flieht Karl nach Ostdeutschland. Bildrechte: Matthias Lehmann, Reprodukt

Comic-Buch über verstckte Homosexualität

Mit flirrenden Pinselstrichen zeichnet Matthias Lehmann die Geschichte von Karl nach. Geradezu verheißungsvoll sieht so die Ankunft von Karl in Leipzig aus, nachdem er aus der westdeutschen Provinz vor seiner alten Familie geflohen ist. Lichtdurchflutet wirken die Hallen des Hauptbahnhofs. Und wenn Karl zusammen mit Trümmerfrauen den Schutt der zerstörten Häuser wegräumt und Ziegel abklopft, dann ist in den Bildern eine Dynamik, als könnte er wirklich etwas Neues anfangen.

Doch Karl wird seine Homosexualität nicht offen leben. Er wird noch eine traditionelle Kleinfamilie gründen und weiter heimlich Sex mit Männern haben. Zu sehr hat er verinnerlicht, dass es falsch ist, Männer zu lieben. Zu oft wenden sich Menschen von ihm ab, wenn herauskommt, dass er schwul ist.

"Parallel": Comic von Matthias Lehmann
Karl bei Aufräumarbeiten im zerbombten Leipzig Bildrechte: Matthias Lehmann, Reprodukt

Wahre Geschichte aus der DDR

Matthias Lehmann hat für den Comic die Geschichte des Großvaters seiner Freundin rekonstruiert. Dafür hat er lange mit deren Mutter, der Tochter von Karl gesprochen. Die alten Dokumente und Fotos von der Familie und Karls Freunden, die Karls Tochter herausgesucht hat, sind zum Teil im Comic nachgezeichnet.

Comickünstler Matthias Lehmann
Matthias Lehmann beim Zeichnen auf seinem iPad. Bildrechte: Andrea Heinze

In kunstvoll verschachtelten Rückblenden erzählt Matthias Lehmann die Geschichte von Karl und seinen Beziehungen. Da ist die Tochter, die sich von ihm abwendet, weil er nie für sie da ist. Seine zweite Frau, die versucht, seine heimlichen Sexabenteuer zu akzeptieren – und dann doch geht, weil sie so gar nicht von ihm wahrgenommen wird. Acht Jahre hat Matthias Lehmann an "Parallel" gearbeitet. Rund 450 Comicseiten feinster Beziehungsbeobachtungen sind so zusammengekommen.

Matthias Lehmann zeichnet so das tragische Porträt eines Mannes, der nicht leben darf, was ihm entspricht. Der gerade deshalb vor allem um sich selbst kreist und für seine Familie keinerlei Gespür entwickelt. Und der sehr einsam ist, obwohl er immer wieder eine Familie gründet, um nicht einsam zu sein.

"Parallel": Comic von Matthias Lehmann
Seine Sexualität mit Männern kann Karl nur heimlich ausleben. Bildrechte: Matthias Lehmann, Reprodukt
Comic-Seiten aus "Parallel – Matthias Lehmann
Bildrechte: Matthias Lehmann

Angaben zum Comic Matthias Lehmann: "Parallel"
464 Seiten, schwarzweiß, 18 x 25 cm, Hardcover
Erschienen im Reprodukt Verlag
29 Euro
ISBN: 978-3-95640-256-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2021 | 18:10 Uhr