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Matthias Senkel wurde 1977 in Greiz geboren und lebt in Leipzig. Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Neuer Erzählband

Leipziger Autor Matthias Senkel im Grenzbereich der Science-Fiction

von Kais Harrabi, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stand: 14. September 2021, 12:08 Uhr

Der Schriftsteller Matthias Senkel lässt sich gerne von den seltsameren Ecken der Welt faszinieren. Sein letzter Roman "Dunkle Zahlen" handelte unter anderem von einem Supercomputer und einem Programmierer-Wettbewerb im Moskau der 80er-Jahre. Nun legt der in Greiz geborene und in Leipzig lebende Schriftsteller einen Band mit Erzählungen vor mit dem Titel "Die Winkel der Welt". Darin entführt er uns einmal mehr in seltsame Ecken.

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Buch-TippMatthias Senkel: "Die Winkel der Welt"

Zu den bekanntesten Zitaten des Philosophen Ludwig Wittgenstein gehört der Satz: "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Es fällt selbstverständlich schwer, sich Dinge vorzustellen, bei denen die Sprache versagt. Literaten haben sich diesen Umstand immer wieder zunutze gemacht, etwa der legendäre Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft. Aber auch der Leipziger Autor Matthias Senkel erkundet in seinem neuen Erzählband "Die Winkel der Welt" lustvoll die Grenzgebiete der Sprache – und der bekannten Welt.

Senkel führt uns auf abgelegene Inseln, lässt uns mit Expeditionen zu seltsamen Völkern reisen. Immer wieder werden wir mit dem Unverständlichen und Rätselhaften konfrontiert. Wie etwa die Wissenschaftlerin Agnieszka, die auf einer abgelegenen Insel die Gebärdensprache der Bewohner erforschen möchte.

Auszug aus "Die Winkel der Welt"Die Gebärde, mit der Noe das Gespräch ganz abbrach, hatte ein weites, noch recht opakes Bedeutungsspektrum. Sie war bereits in verschiedenen Kontexten aufgetaucht. Die Übersetzungsvorschläge der Arbeitsgruppe reichten von etwas Unwichtiges oder längst Vergessenes über zerrissene Lederstreifen bis zu Gespenster – wobei noch nicht abschließend geklärt war, ob dabei wirklich alle Parameter deckungsgleich waren.

Leipziger Autor über unbekannte Regionen

Überhaupt ist diese Sammlung von Erzählungen voller Forschenden und Expeditionen. Senkel treibt ein gekonntes Spiel mit der Faszination für unbekannte Regionen, für ihre Entdeckerinnen und Entdecker – sowohl im sprachlichen als auch im geografischen Sinne. Immer wieder lässt er Menschen auf Inseln stranden und merkwürdige Entdeckungen machen, deren Bedeutung aber nie ganz klar wird. Den Sprachwissenschaftler Koschjelkin lässt er zum Beispiel in einem schwarzhumorigen Schicksalsakt auf seiner einsamen Insel versauern.

immer wieder stranden die Figuren auf verlassenen Inseln. Bildrechte: imago images/OceanPhoto

Auszug aus "Die Winkel der Welt"Der sowjetische Frachter Mikoyan, der ihn hatte an Bord nehmen sollen, war zu diesem Zeitpunkt bereits von einem japanischen U‐Boot versenkt worden. Während Koschjelkin weiter geduldig wartete, wurden alle Unterlagen zur Forschungsreise des jungen Sprachwissenschaftlers durch Artilleriebeschuss auf das Verwaltungsgebäude seiner Alma Mater (ЛГУ) vernichtet. Nachdem seine Eltern, sein Doktorvater sowie die meisten seiner Kommilitonen im belagerten Leningrad verhungert oder erfroren waren, fragte niemand mehr nach Aleksej Timofejewitsch Koschjelkin. Er war, wie die Waka‐Jawaka, »ein Stück weit aus der Geschichte gefallen«.

Unwägbarkeiten der Kommunikation

Vieles verbindet die Autoren Clemens J. Setz und Mattias Senkel. Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Koschjelkin nutzt die Zeit, um eine eigene Plansprache (ähnlich wie Esperantor zu entwickeln. Jahrzehnte später wird diese Sprache von einem anderen Forscher entdeckt und mit ihr das Gerücht, dass sie bewusstseinsverändernde Wirkungen habe. Wer bei "Esperanto" gedanklich schon beim diesjährigen Büchnerpreisträger Clemens J. Setz ist, liegt gar nicht so daneben.

2020 las der Leipziger Autor bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur. Bildrechte: ORF

Ähnlich wie Setz ist auch Senkel von den Unwägbarkeiten der Kommunikation und den unheimlichen Tälern fasziniert, die sich da auftun. Auch im Schreibstil sind sich die beiden nicht unähnlich. Matthias Senkels Texte spielen allerdings oft in den Grenzbereichen der Science-Fiction. Das hat nicht nur mit seiner Vorliebe für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen als Protagonisten zu tun. Einige der 15 Erzählungen in diesem Band sind auch ganz subtil in anderen Zeiten oder vielleicht sogar auf anderen Planeten verortet. Das trifft zum Beispiel den Text "Warenz" zu, den Senkel beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2020 las.

Auszug aus "Die Winkel der Welt"Herber Duft von ausgedörrtem Tang und Kien lag in der Luft. Auf den vier Findlingen sonnten sich Dutzende Feurige Perlmuttfalter. Die automatische Messstation am Kap Stribog registrierte am Neujahrstag eine Mittagstemperatur von 21° Celsius. Doch weder meteorologische noch seismologische Sensoren erfassten, dass die Tagfalter aufstoben, als sich auf den Basaltbrocken tiefe Haarrisse ausbreiteten.

Abenteuer, Science-Fiction und Zauberberg

Dass hier von einer Zukunft erzählt wird, wird mit einer subtilen Andeutung gezeigt, die man wegen der Risse in den Basaltbrocken fast überliest. Es gibt viele solcher Stellen, an denen Senkel diejenigen belohnt, die genau hinschauen und genau lesen. In "Die Winkel der Welt" zeigt er sich besonders experimentierfreudig.

15 Erzählungen umfasst der Band von Matthias Senkel. Bildrechte: Matthes & Seitz Berlin

Abenteuergeschichten und Räuberpistolen, klassische Science-Fiction oder ein Setting, das an Thomas Manns "Zauberberg" erinnert, werden bei ihm immer wieder mit einer Lust am Unheimlichen und an den seltsamen Wegen erzählt, die das Schicksal manchmal eben so nimmt. "Die Winkel der Welt" ist also definitiv was für Leser mit Entdeckergeist, denn einfach macht es Senkel einem nicht. Wer aber ein Auge für Details hat und Lust an spielerisch-verqueren Abenteuern, für den ist dieser Band genau das Richtige.

Mehr zum BuchMatthias Senkel: "Die Winkel der Welt"
Matthes & Seitz
224 Seiten
ISBN: 978-3-75180-038-9

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2021 | 11:15 Uhr