Zaubersprüche, Literaturclubs, Buchläden Das literarische Merseburg: eine 1000-jährige Geschichte

Die Stadt Merseburg ist eine literarische Schatzkammer: Im Domarchiv schlummert das älteste althochdeutsche Textdokument Deutschlands, in einer kleinen Gasse feiert eine kleine Buchhandlung ihr 30-jähriges Bestehen und eine Gruppe von Autoren und Autorinnen gestaltet die Stadt literarisch immer wieder neu. MDR KULTUR hat sich auf eine Reise durch Merseburg begeben und dabei gefragt, was die Merseburger literarisch beschäftigt.

Außenansicht des Merseburger Doms
Blick auf den Merseburger Dom Bildrechte: Vereinigte Domstifter/F. Matte

Wer mit offenen Augen durch Merseburg spaziert, dem begegnet Literatur selbst an den Wänden – etwa im Bahnhof, dem Haus einer kommunalen Wohnungsgenossenschaft oder im Krankenhaus. Meist ist es der Spruch "ben zibena bluot zibluoda" – ein heidnischer althochdeutscher Zauberspruch, der den Fuß eines Pferdes heilen soll. "Vielleicht heilen ja dort solche Gliedmaßen schneller durch diesen Spruch", so Markus Cottin

Die Merseburger Zaubersprüche – ein bedeutendes Textdenkmal der Stadt

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Leiter des Merseburger Domstiftsarchiv, Markus Cottin Bildrechte: MDR/Katja Evers

Markus Cottin ist der Leiter des Merseburger Domstiftsarchiv. Dort finden sich die beiden Merseburger Zaubersprüche, zu denen auch der Pferdefußzauber gehört. Sie sind das älteste althochdeutsche Textdenkmal Deutschlands. Vor etwa 1000 Jahren habe wohl ein Mönch sie niedergeschrieben, erklärt Markus Cottin. Im 19. Jahrhundert habe man diese dann in einer theologischen Sammelhandschrift in Merseburg entdeckt.

Dass der heidnische Zauber in einem christlichen Band vorkomme, verrate viel: "Das zeigt, dass es eben magische Vorstellungen gegeben hat, die im Grunde mit dem Aufkommen des christlichen Glaubens nicht abbrachen, sondern weiterwirkten." Der Mönch habe aber auch eine Fußnote darunter eingefügt, dass nur Gott allein Wunder wirken könne. Sicher aus einer gewissen Scheu heraus, so Cottin. Für ihn als Historiker ist der Text ein faszinierender Einblick in die heidnische Götterwelt und ins wenig bekannte Althochdeutsche. Doch auch außerhalb des Doms sind die Zaubersprüche präsent – in Liedern, Werbesprüchen, Festen, Grafiken und Ausstellungen. "Die Merseburger Zaubersprüche haben eine große Bedeutung für Merseburg und seine Bewohner."

Regionale Alltagsgeschichten kommen an

Ein Mann mit einem Buch in einem Sessel
Hans-Dieter Weber in seiner Leseecke Bildrechte: MDR/Katja Evers

Für Hans-Dieter Weber sind die Zaubersprüche das deutsche Literaturdenkmal schlechthin. In seinem Haus stapeln sich Bücher aus verschiedenen Jahrzehnten, darunter auch seine eigenen. Angefangen habe er mit Kinderbüchern für seine Tochter, die viel mit ihren Erlebnissen zu tun haben. Es geht um unerfüllte Tierliebe, Neid und Missgunst in einer Fußballmannschaft oder junge Liebe.

Mittlerweile schreibt der 70-Jährige auch für Erwachsene, oft an gemeinsamen Projekten der Autorengruppe "Leseturm", zu der er selbst gehört. Zusammen organisieren sie Schreibwerkstätten, veranstalten Lesungen und veröffentlichen Anthologien – in der Regel mit Bezug zu Merseburg. Genau das käme bei den Menschen in der Stadt gut an. Eine Lesung zur Anthologie der Autorengruppe mit persönlichen Geschichten über das Leben in Merseburg zu DDR-Zeiten hätte etwa das Vierfache an Leuten angezogen als normal. "Wenn sich die Zuhörer irgendwo wiederfinden, auch vielleicht mit ihren eigenen Problemen, dann stößt das auf Resonanz", vermutet Weber.

Die Buchhandlung Knittel & J. Gedeon – Gelesen wird nach Lust und Laune

Auf solche Resonanz stößt auch Joachim Gedeon. Seine Buchhandlung im Zentrum misst nur wenige Quadratmeter. Darin stapeln sich Büchertürme in alle Richtungen. Das Sortiment sei so breit wie die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden. "Es gibt keine Trends, wo man sagt, das liest jetzt halb Merseburg oder dergleichen, sondern das ist ganz durchschnittlich", so Gedeon. Seit 30 Jahren besitzt er den Laden, hat bereits in den 60er-Jahren seine Buchhändlerlehre absolviert. In seiner Buchhandlung habe er bereits viel erlebt: Im Kopf geblieben sei Gedeon vor allem ein Brief aus den USA, adressiert an eine Buchhandlung in Merseburg. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter, der in der Gegend in einem Arbeitslager inhaftiert gewesen sei, habe sich gemeldet, um etwas über das heutige Merseburg zu erfahren. "Der ist bei uns angekommen. Wir haben dann geantwortet und ihm Postkarten und Bilder, Texte und Zeitungsausschnitte geschickt."

Volle Regale in einem Buchladen
Blick in die Buchhandlung Knittel & J. Gedeon Bildrechte: MDR/Katja Evers

Heute ist Joachim Gedeon einer von zwei Buchhändlern in der Stadt und bei den Merseburgern geschätzt. Wohl auch, weil der Kunde hier König ist. "Wenn der Kunde sagt, ich möchte gern von einem bestimmten Autor das und das Buch lesen, hole ich ihm das. Das ist kein Problem, da setze ich keinen Maßstab." So ist er für viele ein fester Anlaufpunkt in Bücherfragen und ein Urgestein des literarischen Merseburgs. Dass er sich dabei ganz in der Nähe des Doms und damit des ältesten Literaturdenkmals der Stadt befindet, ist wahrscheinlich Zufall, vielleicht aber auch einfach der literarische Zauber Merseburgs.

Literatur aus Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2021 | 18:05 Uhr

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