Buchvorstellung "Moderne ohne Bauhaus" – Jüdische Industriearchitektur in Chemnitz

Das Buch "Moderne ohne Bauhaus" zeigt das architektonische Erbe jüdischer Unternehmer in Chemnitz. Geschrieben hat es der Historiker Jürgen Nitsche gemeinsam mit dem Architekten Thomas Morgenstern. Vorgestellt werden nicht nur die bürgerlichen Villen, sondern auch Industriebauten aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die nicht dem Bauhaus zugerechnet werden, aber dennoch modern waren.

Die Zwickauer Straße in Chemnitz- Kappel, gleich am Straßenbahnmuseum. Um 1900 war der Stadtteil noch eigenständig. Hier hätten sich damals zahlreiche Unternehmen angesiedelt, sagt Jürgen Nitsche. Systematisch erforscht der Historiker und Co-Autor des Buches "Moderne ohne Bauhaus" die jüdische Geschichte von Chemnitz.

Chemnitzer Architektur

Moderne ohne Bauhaus
Buchcover: "Moderne ohne Bauhaus. Wie jüdische Unternehmer und ihre Industriearchitektur das Chemnitzer Stadtbild der Moderne prägten" Bildrechte: Hentrich und Hentrich

Auch jüdische Fabrikanten gehörten zu den Neuansiedlern, erläutert Nitsche, so die Familie Bernstein, ursprünglich aus Mühlhausen, die in den 20er-Jahren eine schöne Fabrikanlage hat bauen lassen. 1924/25 durch die Chemnitzer Architekten Kornfeld & Bernischke erbaut, ist die "Mechanische Wollwarenfabrik" von Bernstein ein herausragendes Beispiel des Nachkriegsexpressionismus. Auffällig sind die Glaserker im Mittelteil des langgestreckten Fünfgeschossers. Sieben Fenstertürme über dem Naturstein verblendeten Parterre. Dreieckige Grundform, elegant kleinteilig, spitze Dachhauben aus Kupferblech.

Bernstein geriet dann mit seiner Firma in Konkurs und hat dann später das Gebäude mit großem Verlust verkauft, erklärt Nitsche. Noch bis 1945 wurden hier Strümpfe produziert, vom arischen Nachfolgeunternehmen "Merkur" des Schocken-Konzerns. Den Bernsteins gelang es, in die USA zu emigrieren.

Backstein-Moderne

Chemnitz in Sachsen, Blick zur Markthalle
Ein Blick über Chemnitz in den 1930er-Jahren zeigt die große Anzahl von Industriebauten und Fabriken Bildrechte: imago/Arkivi

Kurz war auch die Geschichte des Einkaufshauses M.J. Emden Söhne im Stadtteil Sonnenberg, gleich hinter dem Chemnitzer Hauptbahnhof. Das ehemalige Kontor gehört zur sogenannten Backstein-Moderne der Hamburger Schule. "Die Geschichte des Gebäudes ist nicht so sehr bekannt wie z.B. Schocken oder Tietz, oder auch andere jüdische Fabrikgebäude", sagt Nitsche, M.J. Emden Söhne nutzen das Haus nur ein Jahr und haben es dann abgegeben an Karstadt.

Später ging das Gebäude an eine zweite Firma, die Textil-Syndikat GmbH (Tesyra), damals berühmt für Damenstrümpfe. Geschäftsführer war Louis Goldschmidt, der Bruder des Berliner Bankiers Jakob Goldschmidt. Von den Nazis bereits 1933 schwer misshandelt, gelang ihm später die Flucht. Das Unternehmen wurde erst arisiert und nach dem Krieg enteignet.

Wir wollten zeigen, dass die jüdischen Fabrikanten sich auf Dauer verewigt haben, es gibt zum Glück auch einige Gebäude, die auch die Luftangriffe auf die Stadt Chemnitz und auch die DDR-Zeit überstanden haben.

Jürgen Nitsche, Historiker und Co-Autor des Buches "Moderne ohne Bauhaus"

Vergessene Welten

Insgesamt sieben Fabrikgebäude und drei Handelskontore bzw. Kaufhäuser aus den 1920er-Jahren haben Historiker Nitsche und Architekt Morgenstern dokumentiert. Einleitend führen sie den Leser durch die entstehende "Stadt der Moderne".

Doch die Welt der jüdischen Unternehmer sei heute fast vergessen, sagt Nitsche. Als Beispiel nennt er in dem Buch auch die Handschuhfabrik Heidenheim, Oppenheim & Co. in Altchemnitz, errichtet bereits 1910. Hier wurden in der DDR noch Lehrlinge ausgebildet, sagt Nitsche, seit 25 Jahren steht es jedoch leer.

Die Fenster des ehemaligen Kaufhauses Schocken in Chemnitz (Sachsen) werden am 12.05.2014 beleuchtet. Das Haus mit seiner wegweisenden Architektur wurde 1927 von Erich Mendelsohn entworfen und 1930 eröffnet. Nach wechselvoller Geschichte wird in dem Gebäude am 16. Mai 2014 das "Staatliche Museum für Archäologie" eröffnet. Über 6000 Exponate beleuchten auf drei Etagen die Menschheitsgeschichte von der Altsteinzeit bis ins frühe Industriezeitalter.
Das ehemalige Kaufhaus Schocken in Chemnitz Bildrechte: dpa

Ebenfalls dem Verfall preisgegeben ist das Verwaltungsgebäude der Gebrüder Sussmann AG an der Altchemnitzer Straße, ein frühes Beispiel der Neuen Sachlichkeit von 1923/24. Es ist ein langgestreckt, heller Baukörper, leicht konvex, mit Flachdach und abgerundeten Ecken. Ein privater Investor wollte nun Wohnungen einbauen – was die Stadt jedoch nicht genehmigte.

Ab und zu feiern hier Jugendliche Partys. Sie demolieren, was noch übrig geblieben ist drinnen, steigen aufs Dach, machen Fensterscheiben kaputt, überall Graffitis – also das Gebäude verfällt zunehmend.

Jürgen Nitsche über das Gebäude der Gebrüder Sussmann AG

Tragische Schicksale

Andere Gebäude, wie die Fabrik der Gebrüder Goeritz, das Geschäftshaus von Moritz Lippmann, der Erweiterungsbau des Warenhauses Tietz, das ehemalige Kaufhaus Schocken oder die Fabrik von Siegfried Peretz werden genutzt. An der rötlichbraunen Klinkerfassade steht sogar noch der Name SiEGFRiD PERETZ AG. Vor dem Eingang des heutigen Staatsarchivs Chemnitz liegen drei Stolpersteine:

Das ist ganz tragisch, als Siegfried Peretz und seine Frau Lina geahnt haben, dass sie bald deportiert werden, haben sie 1943 im Mai gemeinsam Selbstmord begangen. Der Sohn ist schon ein Jahr vorher nach Auschwitz deportiert worden und dort ermordet worden. – drei Opfer der NS-Zeit.

Jürgen Nitsche

Nach 1990 haben die Erben der Familie Peretz die Fabrik zurückbekommen und dann an die Stadt verkauft. Die Enkelin, zu der Nitsche Kontakt hat, unterstützte die Arbeit an dem sehr informativen Buch über die Chemnitzer Moderne ohne Bauhaus. 

Angaben zum Buch Thomas Morgenstern, Jürgen Nitsche:
"Moderne ohne Bauhaus. Wie jüdische Unternehmer und ihre Industriearchitektur das Chemnitzer Stadtbild der Moderne prägten"
gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen
240 Seiten, 161 Abbildungen, 24,90 EUR
ISBN: 978-3-95565-402-3
Verlag Hentrich und Hentrich

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2021 | 08:45 Uhr

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