Klassiker wird 50 "Krabat": Wie eine Sage aus der Oberlausitz Otfried Preußler inspirierte

Vor 50 Jahren veröffentlichte Otfried Preußler seinen weltberühmten Roman "Krabat". Der Autor hatte sich zuvor ein Jahrzehnt mit der sorbischen Krabat-Legende beschäftigt, die ihm aus den Erzählungen seiner Großmutter über die Legenden und Sagen der Lausitz vertraut war. Neben Preußlers Kinderbüchern wie "Der Räuber Hotzenplotz" oder "Die kleine Hexe" wurde auch "Krabat" zu einem Klassiker der deutschen Jugendliteratur, der seinen Zauber bis heute nicht verloren hat.

Portrait von Otfried Preußler.
Otfried Preußler (1923-2013) hat über 35 Bücher geschrieben, die in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurden. Bildrechte: Francis Koenig

Ein Dach über dem Kopf, eine warme Stube und eine Lehrstelle: der Betteljunge Krabat, 14 Jahre alt, scheint das große Los gezogen zu haben. Doch er hat sich längst im Netz jenes Mannes verstrickt, den er nur als den Müllermeister kennt. Denn in der abgelegenen Mühle im oberlausitzischen Koselbruch wird die zwölf Müllerburschen nicht nur das Mahlen von Getreide gelehrt, sondern die schwarze Magie. Sprich: die Kunst der Macht, die man über andere ausüben kann. Der böse Witz, der keiner ist: Wer die Macht ausüben will, muss sich ihr erst einmal bedingungslos unterwerfen.

Preußler für Kinderbücher wie "Die kleine Hexe" bekannt

Die wahrhaft dunklen Meister der Macht hatte Krabats Autor Otfried Preußler ein Vierteljahrhundert zuvor kennengelernt. Erst als Wehrmachtsleutnant an der Ostfront, dann in russischer Kriegsgefangenschaft, über die er sagte: "Das erste Praktikum als Erzähler habe ich in den Lagern des großen Stalin absolviert. Dort habe ich in den Nächten der Hungerwinter gegen das Heimweh anerzählt, gegen Verzweiflung und Tod." Genau damit fährt Preußler nach dem Krieg fort: etwa mit dem Kinderbuch-Bestseller "Die kleine Hexe", in dem selbige ihren bösen Kolleginnen ein für allemal das Hexen aushext.

Bald darauf wird sich der Autor ein Jahrzehnt lang mit der sorbischen Krabat-Legende beschäftigen, um aus dieser sein "Lebensbuch" zu destillieren: den Zauberlehrlingsroman "Krabat". Dieser handelt davon, was es bedeutet, der Macht zu erliegen und wieder zur Besinnung zu kommen, von Höllenzwang, Freiheitsdrang – und von einem Mädchen, in dessen Stimme eine ganz andere Magie widerklingt. Krabat bittet sie mit der Kraft seiner Gedanken um ein Treffen.

Zitat aus "Krabat"

Buchcover der Jubiläumsausgabe von Otfried Preußlers "Krabat".
Buchcover der Jubiläumsausgabe. Bildrechte: Thienemann-Esslinger Verlag

Gegen Morgen sprach Krabat die neue Formel. Er richtete alle Kraft, die in seinem Herzen war, auf die Kantorka: bis er zu spüren glaubte, nun habe er sie erreicht – und da sprach er zu ihr.
"Es bittet dich jemand, Kantorka, dass du ihn anhörst", sprach er. "Du kennst ihn nicht, er aber kennt dich seit Langem. Wenn du an diesem Morgen das Osterwasser geschöpft hast, dann richte es auf dem Heimweg ein, dass du hinter den anderen Mädchen zurückbleibst. Allein musst du gehen mit deinem Wasserkrug, weil der Jemand dich treffen will – und er mag nicht, dass es vor aller Augen geschieht, weil es nur dich etwas angeht und ihn und sonst niemanden auf der Welt."

Krabat-Legende aus der Lausitz wurde weltberühmt

Eigentlich hatte Preußler nur eine Legende aus der so pittoresken, so verwunschenen Lausitz neu erzählen wollen. Doch bei einer Lesung in der Schweiz sagte ihm ein Zuhörer auf den Kopf zu, was er sich selbst nie bewusst gemacht hatte: "Sagen Sie, Herr Preußler, der Meister, das ist doch wohl der Hitler, oder?" Und tatsächlich war "Krabat" eine Parabel – der Roman seiner eigenen Jugend, mehr noch der verlorenen Jugend einer ganzen Generation, am vielleicht eindrücklichsten visualisiert in der Passage, in der sich der Müllergeselle Tonda sein eigenes Grab schaufeln muss.

"Krabat" war ein Welterfolg, übersetzt in 31 Sprachen und millionenfach verkauft. Beim Wiederlesen kann man sich einmal mehr vor Augen führen, dass böse Menschen keine Lieder haben – und dass die einzig wahre Magie in den Geschichten steckt, in ihrer Poesie, all den unendlichen Möglichkeiten. Und sei es die, einfach nur aus der schwarzen Mühle hinaus ins Freie zu treten, so wie in der Schlussszene von "Krabat". Eins jedenfalls hatte Otfried Preußler, Überlebender, Kriegsheimkehrer und unverbesserlicher Optimist stets instinktiv verstanden: dass alles andere nur fauler Zauber ist.

Die Lehre als Müllerbursche in der Schwarzen Mühle wird Krabats (David Kross) Leben für immer verändern.
2008 wurde "Krabat" nach dem gleichnamigem Buch von Otfried Preußler verfilmt. Bildrechte: MDR/20th Century Fox/Claussen+Wöbke+Putz Filmproduktion

Informationen zur Jubiläumsausgabe Krabat: Roman
von Otfried Preußler
Ab 12 Jahren

Jubiläumsausgabe
Thienemann-Esslinger Verlag
272 Seiten
16 Euro
ISBN: 978-3-522-20281-7

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2021 | 12:40 Uhr

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