Antiquaria-Preis 2021 Wie der Buchkünstler Olaf Wegewitz dem Ursprung der Dinge nachspürt

Olaf Wegewitz schafft Bücher, die Kunstwerke sind. Im kleinen Örtchen Huy-Neinstedt im nördlichen Harzvorland setzt er sich intensiv mit seinen Objekten auseinander, hinterfragt permanent sein Tun und versucht beständig, neue Perspektiven zu finden. Für sein buchkünstlerisches Werk wurde mit dem renommierten Antiquaria-Preis 2021 ausgezeichnet.

Zwei Arbeiten des Künstlers Olaf Wegewitz überraschen auf den ersten Blick allein schon durch ihre Dimension: Es sind seine beiden Bücher, die bei seiner Wanderungen durch Deutschland entstanden sind.

Zu Fuß nach Görlitz

ein Bergsteiger auf einem Gipfel.
Olaf Wegewitz auf der Zugspitze während seiner Wanderung auf dem 11. Längengrad , von Fehmarn zur Zugspitze Bildrechte: Lienhard Wegewitz

Das eine heißt "geradewegs: quer", ist im zugeschlagenen Zustand 2x2 Meter groß und vermittelt die Essenz einer Fußreise, die Wegewitz zusammen mit seinem Sohn Lienhard auf dem 51. Breitengrad, zwischen Geilenkirchen und Görlitz, unternommen hat.

Das andere trägt den Titel "geradewegs. zu fuß auf dem 11. Längengrad durch deutschland" und rekapituliert auf einer 100 Meter langen Bildrolle die 1.100 Kilometern, die Wegewitz zwischen Fehmarn und der Zugspitze zurückgelegt hat. Dieses Buch-Objekt gehört mittlerweile zum Bestand des Kunstmuseum Kloster unser lieben Frauen Magdeburg.

Ich kenne kein Buch von Olaf Wegewitz, das einen nicht dazu bringt, beim Umblättern der Seiten achtsam und behutsam zu werden. Wer eines seiner Bücher ergründet, wird an sich selbst – ohne dass es einem sofort bewusst würde – Bewegungen wahrnehmen, die etwas von der Klarheit liturgischer Gesten haben.

Aus der Laudatio von Ingo Schulze für den Antiquaria-Preis 2021 an Olaf Wegewitz

Dem Ursprung der Dinge nachspüren

Die Arbeiten von Wegewitz entstehen oft im Dialog mit der Natur: Es sind Malereien, Zeichnungen, Objekte – vor allem aber Künstlerbücher, die, jedes für sich, in höchst individueller Weise einem mitunter längst von den Zeitläufen überformten Wissen nachspüren. Zum Beispiel dem über Pflanzen, Landschaften und Kulturen.

Blick in ein altes Buch
Schablonenbuch "Fauna der Antarktis" von Olaf Wegewitz Bildrechte: Olaf Wegewitz

Immer wieder befragt Wegewitz den Ursprung der Dinge und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. So erkundet er zum Beispiel, was Papier ist: Woraus es besteht, was es ausmacht und wie man es selbst herstellen kann. "Der Punkt war, als ich dazu übergegangen bin, die Ausdrucksweise zu begreifen über das Material. […] Und das war eigentlich der Moment, in dem ich gesagt habe: Jetzt hast du einen Ausgangspunkt gefunden, du drückst dich im Material aus. Und du hast alle Freiheiten, alles zu verwenden, was dort vorhanden ist, was da ist. Und was überhaupt schon je da war", fasst Wegewitz zusammen.

Ständiges Hinterfragen

"Back to the Roots" könnte man diese Herangehensweise nennen. Aber natürlich ist es ein Verfahren, das vor allem die Gegenwart nach anderen, neuen, ja auch visionären Gangarten abtastet. Wie funktioniert etwas? Muss es immer so sein, wie es uns gewohnte, eingeschliffene Denkmuster vorgeben? Oder könnte man auch anders umgehen mit dem, was wir vorfinden, was uns umgibt?

Blick in ein Buch
Olaf Wegewitz, "noch fühl ich's" Bildrechte: Olaf Wegewitz

Das Werk von Wegewitz entsteht in und um Huy-Neinstedt, einem kleinen Örtchen im nördlichen Harzvorland. Hierher hat sich Wegewitz, einer der sechs Teilnehmer des "1. Leipziger Herbstsalons 1984", zurückgezogen. Auch, um in einer neuen Existenzform, im Einklang mit der Natur, heimisch zu werden.

Olaf Wegewitz
Olaf Wegewitz mit "noch fühl ich's", seinem Buch zum Huysburg-Herbar Bildrechte: Olaf Wegewitz

Ich habe damals für mich eine Methode entwickelt, draußen zu arbeiten. Ich bin mit dem Rad rumgefahren und habe zum Beispiel gesehen, dass man ganz viel Kirschbäume gefällt hatte und habe dann angefangen, diesen Bäumen ein Denkmal zu setzen, indem ich die Stämme, die abgeschnittenen Stämme, die noch übrig waren, frottiert habe – und habe dann Zeichnungen aus den Strukturen gemacht. Dadurch bin ich natürlich immer näher herangekommen an diese Belebtheit der Umgebung. Und habe gemerkt, wer da eben alles noch mitlebt. So hat sich das von selbst ergeben, dass ich immer wieder neu versucht habe, das zu ergründen.

Olaf Wegewitz, (Buch-)Künstler
Künstler Olaf Wegewitz vor seiner Installation zum Thema Wald. 9 min
Bildrechte: Ulrich Wittstock

Olaf Wegewitz wird für seine Buchkunst mit dem renommierten Antiquaria-Preis 2021 ausgezeichnet, der Schriftsteller Ingo Schulze hält dabei die Laudatio. Annett Mautner führte ein Gespräch mit Ingo Schulze.

MDR KULTUR - Das Radio Di 19.01.2021 12:00Uhr 08:32 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Künstler Olaf Wegewitz vor seiner Installation zum Thema Wald. 9 min
Bildrechte: Ulrich Wittstock

Olaf Wegewitz wird für seine Buchkunst mit dem renommierten Antiquaria-Preis 2021 ausgezeichnet, der Schriftsteller Ingo Schulze hält dabei die Laudatio. Annett Mautner führte ein Gespräch mit Ingo Schulze.

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Olaf Wegewitz – die Kunst des Buches

Blick in ein Buch
Olaf Wegewitz, "noch fühl ich's" Bildrechte: Olaf Wegewitz

Wegewitz ist Jahrgang 1949 und aufgewachsen in Burgstädt bei Chemnitz. Seine künstlerische Arbeit begann er zunächst als Autodidakt. Im Leipzig der 70er-Jahre trifft er auf Künstler wie Gil Schlesinger und Günter Huniat, die ihn auf seinem eigenen, hoch individuellen Weg begleiten, unterstützen und bestärken. Zusammen mit Frieder Heinze entwickelt Wegewitz ein aufsehenerregendes und bis heute singulär gebliebenes Buchobjekt, das 1986 im Leipziger Reclam Verlag erscheint: "Unaulutu. Steinchen im Sand". Es gehört zu einem inzwischen auf etwa 180 Buchobjekte angewachsenes buchkünstlerisches Werk, für das Wegewitz mit dem renommierten Antiquaria-Preis 2021 geehrt wird.

Seine Betrachtung wirkt überraschend wie eine allererste Begegnung mit einer sagenhaften Kostbarkeit: dem Buch.

Aus der Jury-Begründung für den Antiquaria-Preis 2021

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2021 | 22:00 Uhr

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Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei