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Selbstbildnis von Oskar Zwintscher (1904) Bildrechte: Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Forschungsprojekt

"Sächsischer Klimt": Kunstsammlungen Dresden entdecken Maler Oskar Zwintscher neu

von Birgit Fritz, MDR KULTUR

Stand: 01. April 2021, 22:19 Uhr

Der Maler Oskar Zwintscher gilt als der "sächsische Gustav Klimt". Ende des 19. Jahrhunderts waren seine Werke sehr beliebt, doch dann geriet der in Leipzig geborene Künstler in Vergessenheit. Das Buch "Oskar Zwintscher im Albertinum" der Kunstsammlungen Dresden zeigt den Künstler in neuem Licht und vermittelt Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes.

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Forschungsprojekt"Sächsischer Klimt": Kunstsammlungen Dresden entdecken den Maler Oskar Zwintscher neu

Das Cover des neuerschienen Kunstbuches "Oskar Zwintscher im Albertinum" zeigt Zwintschers "Bildnis der Gattin des Künstlers" (1902) Bildrechte: Sandstein Verlag

Ein Maler inszeniert seine Ehefrau als eine repräsentative hochgewachsene Schönheit der bürgerlichen Gesellschaft. "Die schlanke Gestalt in einem dunklen Kleid ist mit einer ungeheuren Eleganz dargestellt. Die Linien sehr präzise gezogen. Das schwarze Kleid setzt sich vor einer weißen Tür ab", beschreibt Birgit Dalbajewa, Oberkonservatorin im Dresdner Albertinum, das 1902 gemalte große hochformatige Bild. Der in Leipzig geborene Oskar Zwintscher hatte seine Adele 1898 geheiratet. Sie war ihm zeitlebens Muse und Modell. Die gemalte Dame scheint zu zögern, ob sie den Raum verlassen soll oder nicht.

Diese Mischung aus Eleganz, aus Salon und aus sehr persönlichem Charaktervollem macht dieses Bild aus.

Birgit Dalbajewa, Oberkonservatorin im Albertinum über das Gemälde "Bildnis der Gattin des Künstlers" (1902)

Oskar Zwintscher: "Bildnis einer Dame mit Zigarette" (1904) Bildrechte: Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Ähnlich suggestiv wirkt ein anderes Bild von 1904: Die gezeigte Frau ist wieder jung und ebenfalls schwarz, aber schlichter gekleidete, mit offenem Haar und Zigarette – ein gelassener und moderner Habitus. Das Bildnis der "Dame mit Zigarette" gebe immer noch Rätsel auf. Denn die Identität der dargestellten Person sei bis heute noch nicht gelüftet, verrät der Dresdner Kunstwissenschaftler Andreas Dehmer. Seiner Meinung nach sei das aber nicht schlimm, denn immerhin ergebe sich so für den oder die Betrachtende eine gewisse Freiheit, den Gefühlszustand zu interpretieren, der aus dem Bild spreche. Die große Kunst des Symbolismus, so Dehmer, sei es, verschiedene Deutungen zulassen zu können.

Die Kunst gerät in Vergessenheit

Neben eindringlichen Bildnissen malte der in Leipzig und Dresden ausgebildete Zwintscher sächsische Landschaften in klaren, reinen Farben und symbolistisch aufgeladene Ideenbilder zu Ewigkeitsthemen wie Liebe oder Tod. Seine Werke fanden schnell den Weg ins Museum und in die Salons kunstsinniger Unternehmer. Auch auf Kunstausstellungen war er gut vertreten: Auf der Biennale 1910 in Venedig bekam er einen eigenen Raum – in Nachbarschaft zu Gustav Klimt.

Oskar Zwintscher: "Bildnis der Gattin des Künstlers am Meer" (1912) (unvollendet) Bildrechte: Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Während der Weimarer Republik jedoch verschwand das Interesse an Zwintschers Kunst allmählich. "Da war die Malerei des Jugendstils und der Zeit um 1900 nicht mehr interessant. Sie war ganz schnell von gestern. Das war der erste Schritt, dass Zwintschers Werk in Vergessenheit geriet. Dann blieb sein Werk in Dresden, fand durchaus Interesse in den Jahren der DDR, aber nicht international und nicht deutschlandweit." Auch sein früher Tod mit 46 Jahren trug sicher zum Vergessen bei, vermutet Birgit Dalbajewa. "Ein weiteres Konvolut von Bildern ist 1952 inventarisiert worden. Diese Bilder stammen aus Sammlungen sächsischer Unternehmer, die sich für Zwintscher interessierten und sind zum Teil erst in unserer Zeit legitim in die Sammlung gekommen, sind restituiert und zurückgekauft worden. Das zeigt den Stellenwert der Bilder, aber auch, wie wichtig die Provenienzforschung ist, dass man die Herkunft im Nachhinein klärt – in allen Details."

Forschungsprojekt enthüllt bisher Geheimes

Anlässlich des 150. Geburtstages des Künstlers starteten die Staatlichen Kunstsammlungen in Kooperation mit der Dresdner Hochschule für Bildende Künste und mit Unterstützung der Friede Springer Stiftung ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zu Leben und Werk Zwintschers, das trotz der Wertschätzung und Präsenz in Dresden noch nicht als hinreichend erforscht gilt. Im Rahmen des Projektes konnten bei bisher 17 Gemälden mithilfe von Infrarot- und Röntgenstrahlung neue Informationen aufgedeckt werden.

Dabei gab es zum Teil wirklich spektakuläre Ergebnisse, die noch nicht ganz fertig ausgewertet sind, die einfach den Maler in einem neuen Licht erscheinen lassen. Man hat wirklich gesehen, dass Zwintscher ein leidenschaftlicher Maler ist.

Andreas Dehmer, Kunstwissenschaftler und Leiter des Forschungsprojekts

So enthält die neue Publikation neben der Beschreibung der Gemälde und Angaben zur Biografie kurze Erläuterungen zum Bildträger, zur Malweise und zu den Rahmen. "Man hat wirklich gesehen, dass Zwintscher ein leidenschaftlicher Maler ist und ein Maler, der das Ganze verdammt ernstnimmt! Und sich auch nicht zu schade war, ein Bild, wenn es fast schon fertig gewesen ist, komplett zu übermalen, wenn er anderer Meinung gewesen ist.", so Dehmer. Bei einigen Bildern habe man komplett andere Bilder unter der Malschicht finden können.

Mittels Infrarot- und Röntgenstrahlung konnten übermalte Motive entdeckt werden. Im Buch "Oskar Zwintscher im Albertinum" wird beispielsweise gezeigt, was ursprünglich auf diesem Gemälde ("Die Melodie", 1902) zu finden war. Bildrechte: Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Im kommenden Jahr werden die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dem Maler, der zwischen Jugendstil und Symbolismus steht, eine Ausstellung widmen, die ihn in die europäische Entwicklung einordnet und sein Werk einer Revision und Neunbewertung unterzieht.

Mehr Informationen"Oskar Zwintscher im Albertinum"
Herausgeber: Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Andreas Dehmer; Birgit Dalbajewa
120 Seiten, 84 meist farbige Abb. 21 x 17 cm, Klappenbroschur
Sandstein Verlag
ISBN: 978-3-95498-597-5
Preis: 12 Euro

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 02. April 2021 | 11:10 Uhr