Neuer Roman des Autors von "89/90" Peter Richters "August" - so geht man einem Guru auf den Leim

Der gebürtige Dresdner Peter Richter arbeitete als Kunstkritiker für die "Frankfurter Allgemeine" und für die "Süddeutsche Zeitung". Nebenher verfasste er Sachbücher über die Befindlichkeiten der Deutschen, moderierte das Magazin "Galerie" beim Deutschlandradio und trat in Harald Schmidts Late-Night-Show als Gast auf. Seit 2009 schreibt er auch erzählende Prosa. Mit dem Roman "89/90", der von den Wendewirren in Dresden erzählt, landete er 2015 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Jetzt liegt sein neuer Roman "August" vor.

Der Autor Peter Richter posiert am 13.03.2015 auf der Buchmesse Leipzig.
Peter Richter auf der Leipziger Buchmesse Bildrechte: dpa

Vier Wochen lang möchten sich zwei Paare samt ihren Kindern in Peter Richters neuem Roman einfach treiben lassen. Stefanie und Richard sowie Vera und Alec wollen sich für einen Monat aus der Großstadthektik ausklinken, um die Sommerwärme zu genießen. Sie machen Urlaub an den Stränden der berühmten Hamptons auf Long Island, wo die Schönen und Superreichen der USA ihre Domizile besitzen, wo man Porsche fährt und sich in Pools der Größe XXL tummelt. Anstatt zu entspannen, verstricken sich die vier jedoch zunehmend in Debatten über Lebenskonzepte, die in ihrer Vergangenheit wurzeln. Peter Richter malt diese Szenen mit einem Höchstmaß an erzählerischen Details aus:

Ausschnitt aus "August" Damit, dass sie nun einmal in New York lebten jetzt, ließ sich vieles, aber nicht alles erklären, denn das war Alec schon aufgefallen, als er einst als Student für ein Semester nach Berlin gegangen und dann einfach für zwei Jahrzehnte nicht mehr heimgeflogen war. Offiziell wegen Hegel, Feuerbach und Marx, aber wesentlich auch deswegen, weil ihm selbst das Nachtleben in den oft illegal improvisierten Clubs und Bars dort als politische Praxis vorgekommen war, als egalitäre Utopie, als ein Garten Eden, in dem alle Kreaturen noch einmal friedlich und ohne irgendeine Frage nach Statusunterschieden nebeneinander grasen durften.

Buchcover - Peter Richter: "August"
Buchcover Bildrechte: Hanser Verlag

Das Themenspektrum der Gespräche, die beide Paare in Peter Richters Buch führen, ist breit gefächert. Die Konversationen, deren Tonfall dem von Ernest Hemingway und Francis Scott Fitzgerald ähnelt, kreisen um Landkommunen, Polyamorie, Jugendstilbauten und Champagnermarken, aber auch um ganz triviale Dinge wie WhatsApp-Gruppen oder U-Bahn-Fahrten. Doch dann taucht ein Guru in der Ferienanlage der Eheleute auf, der geschickt seine Köder auswirft und damit Erfolge erzielt, denn die Familien gehen ihm teilweise auf den Leim:

Ausschnitt aus "August" Der Kaunsler offenbarte, dass die Büsche am Gartenrand in Wahrheit Götter seien, und Alec erging sich in Ausführungen zu Wurzeln und Wucherungen des Pantheismus. Der Kaunsler mahnte Stefanie zu noch mehr radikaleren Fastenkuren als bisher, um, wie er es nannte, die Schlacken aus dem Körper zu jagen, kombiniert mit der reinigenden Einnahme von Eigenurin. Die Kinder kreischten bei der Vorstellung mit wohligem Ekel auf. Vera bemerkte kühl, dass sie das nicht tun würde, weil der Urin selbst bereits die Aufgabe habe, Überflüssiges auszuspülen, und Alec war geradezu hingerissen.

Ein Scharlatan treibt sein Unwesen

Besonders empfänglich für die Aura des Esoterikers zeigt sich Stefanie. Die gebürtige Deutsche wähnt sich auf diesem Planeten nur auf der Durchreise. Deshalb glaubt sie, dass noch eine andere Dimension neben der irdischen existiert. Ohne Bedenken tappt sie in die Falle des Scharlatans, der im Mekka der Wohlhabenden sein Unwesen treibt. Den Prozess der schleichenden Vereinnahmung skizziert Peter Richter mit unterschwelliger Ironie. Hinter seinen Formulierungen verbirgt sich eine behutsame Analyse der grassierenden Sektenkultur:

Ausschnitt aus "August" Ein kleines Zitat aus Blavatskys "Geheimlehre" hier, eins aus Schures "Großen Eingeweihten" da, oder auch aus den antiken Schriften, die unter dem Namen Hermes Trismegistos kursieren. Ihm war es im Prinzip egal, es war ohnehin alles ein Kontinuum arkaner Weisheiten und auch für Stefanie war die Welt eine einzige Wolke miteinander verbundener Offenbarungen. Manchmal zwinkerte sie ihm am Pool auf eine Weise zu, die er nur als verschwörerisch auffassen konnte. Oft zwinkerte er dann genauso verschwörerisch zurück und versicherte sie so der verbindenden Kraft derer, die mehr zu sehen und tiefer zu empfinden vermögen als der in trivialeren Bewusstseinsebenen feststeckende Rest.

Die Akteure in Peter Richters Roman entpuppen sich als äußerst rege, sie weigern sich, Spielbälle des Lebens zu sein, aber tatsächlich weichen sie bloß der Leere ihres Daseins aus. Deshalb verschwimmen für sie die Konturen zwischen Realismus und Spiritualität. Die Art, in der Peter Richter heikle private Konstellationen schildert, erinnert an Thomas Lang und Andreas Maier. Mit solch renommierten Kollegen verbindet den Künstler der konkrete, faktische Stil. Dieser sachliche Duktus lässt immer wieder das Handwerk des Journalisten durchschimmern, das der Autor von der Pike auf lernte und das er perfekt beherrscht.

Informationen zum Buch: Peter Richter: "August"
Erschienen im Hanser Verlag
256 Seiten, 22 Euro
ISBN : 978-3-446-26763-3
Erscheint am: 19.04.2021

Neue Romane von sächsischen Autoren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Vormittag | 21. April 2021 | 11:15 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei