Interview Magdeburger Comic-Zeichner Phil Hubbe: Inklusion mit schwarzem Humor

Phil Hubbe, selbst an Multipler Sklerose erkrankt, thematisiert in seinen humorvollen Comics Behinderungen. Von den Betroffenen selbst erfährt er dafür großen Zuspruch – manch Außenstehende jedoch kritisieren seine Arbeit. Warum lachen ausdrücklich erlaubt ist, so auch in seinem mittlerweile achten Band der "Behinderten Cartoons", erzählt der Magdeburger Zeichner MDR KULTUR im Interview.

Cartoon zeigt Risikogruppe
Phil Hubbes Karrikatur über Inklusion in Zeiten der Pandemie. Bildrechte: Phil Hubbe

MDR KULTUR: Wie entwickelt man beim Karikaturieren eine eigene Handschrift, eine wirkliche Unverwechselbarkeit? Wie viele Zeichnungen muss man gemacht und weggeworfen haben, bis jemand sagt: 'Das kenn ich - das ist ein Hubbe!'

Phil Hubbe: Da sammelt sich schon eine ganze Menge an. Einen eigenen Strich sollte man schon haben. Wenn man zu Anfang, wie ich, viel abgezeichnet hat, muss man aufpassen, dass man diesen Strich nicht zu sehr übernimmt, sondern versucht, sein eigenes Ding daraus zu machen. Wenn man viel zeichnet, dann bildet sich letztendlich ein eigenständiger Strich heraus, der unverkennbar für einen steht.

Wo kommt dieser Strich bei ihnen her? Gibt es direkte Vorbilder, Cartoonisten, die Sie als Kind schon toll fanden?

Cartoon zeigt alte Dame in Rollstuhl
Phil Hubbe hat bereits im Kindesalter Mosaik-Comics abgezeichnet. Gewisse Ähnlichkeiten lassen sich noch immer erkennen. Bildrechte: Phil Hubbe

Man erkennt ein bisschen, dass ich aus der Richtung Mosaik komme. Wenn man meine Knollennasen und die alten Digedags oder Abrafaxe sieht, dann ist eine gewisse Ähnlichkeit zu erkennen. Auch mit Asterix. Cartoons kamen ja eigentlich erst, weil Comiczeichnen nicht gleich funktionierte und ich musste natürlich Geld verdienen und das kann man mit einer Einzelzeichnung besser als mit einer Geschichte. Und so kam es, dass ich mit Karikaturen angefangen habe, obwohl ich vorher eigentlich mehr in die Richtung Comic gehen wollte.

Und dann?

Dann kam meine Krankheit. 1985 hatte ich die ersten Symptome einer Sehnerventzündung. 1988 bekam ich während der Arbeit meine Beine nicht mehr richtig hoch und ließ manche Sachen fallen. Ein richtig starker Schub und dann erhielt ich die Diagnose.

Multiple Sklerose, eine Autoimmunerkrankung, die Sie seit über 30 Jahren in Schach hält und mit deren körperlichen Auswirkungen Sie leben müssen. Und so erwuchs die Idee, die recht bald zu Ihrem Markenzeichen wurde, nämlich: Cartoons zu machen, die sich satirisch mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen. Wann kam der erste, der gesagt hat: 'Das kannst Du nicht machen'?

Der Karikaturist Phil Hubbe
1988 erhält Hubbe die Diagnose Multiple Sklerose. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe erst 1999/2000 damit angefangen, das Thema aufzugreifen. Auslöser war damals der Amerikaner John Callahan, der im New Yorker Witze über Behinderte veröffentlichte und böse Leserbriefe erhalten hatte. Die Leute dachten: Das macht man nicht. Doch wussten sie nicht, dass Callahan selbst im Rollstuhl saß und bloß noch seine Hände bewegen konnte. Und da haben Freunde und Kollegen zu mir gemeint: 'Das kannst Du doch auch machen!' Und tatsächlich bot es sich an, da es ein Thema ist, von dem ich wirklich aus eigener Erfahrung schöpfen kann, mich nicht auf andere verlassen muss, sondern meine eigene Krankheit verarbeiten kann.

Wie spiegeln Ihre Fans und Follower Ihre Arbeit? Auf welche Resonanz stoßen Sie?

Cartoon zeigt in Kondom gehüllten Risikopatienten
In puncto Inklusion gibt es Aufholbedarf – das wird in Zeiten der Pandemie sichtbarer denn je. Bildrechte: Phil Hubbe

Unterschiedlich, je nachdem, ob es Betroffene oder Außenstehende sind. Von Letzteren kommt wirklich oft noch Kritik, zwar nicht so vehement wie beispielsweise bei John Callahan. Im ersten Moment sind meine Zeichnung ja relativ niedlich, comichaft und schön bunt, man kann über sie lachen. Doch guckt man dann genau hin, merkt man erst, dass es doch ein bisschen schwarzer Humor ist. Von den Betroffenen selber erfahre ich eigentlich fast nur Zuspruch. Der schönste Zuspruch ist, wenn Betroffene sich beschweren, dass ich ihre Krankheit noch nicht verarbeitet habe, nach dem Motto 'Wir sind noch nicht dabei!'. Und mit dieser Kritik kann ich leben, was besseres gibt es eigentlich gar nicht.

Ihr aktueller Cartoon-Band trägt den Titel "Zeugen der Inklusion". Darin geht es um die Integration von Menschen mit Behinderungen in das gesellschaftliche Leben, aber auch darum, eine andere Art von Normalität anzuerkennen. Gibt es noch Aufholbedarf in puncto Inklusion?

Da gibt es noch jede Menge zu tun. Ich habe Kontakt zu vielen Betroffenen, die durch ihre Beeinträchtigungen Probleme erfahren. Zu Inklusion gehört noch viel mehr, als behinderte Kinder mit Nichtbehinderten zusammenzubringen. Inklusion ist für viele noch ein schwammiger Begriff. Was ist Behinderung und was ist eine Beeinträchtigung? Eine Brille ist auch eine Einschränkung - was heißt Behinderung und was heißt normal? Man sollte sich darüber bewusst sein, dass jeder irgendeine Einschränkung hat.

Das Interview führte Ilka Hein für MDR KULTUR.

Buch-Cover, Zeugen der Inklusion, Band 8
Der achte Band von Phil Hubbes "Behinderten Cartoons" trägt den Titel "Zeugen der Inklusion" und ist im Februar 2021 im Lappan Verlag erschienen. Bildrechte: Phil Hubbe

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Cartoon zeigt Risikogruppe 4 min
Bildrechte: Phil Hubbe

MDR KULTUR - Das Radio Di 23.03.2021 12:00Uhr 04:26 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2021 | 18:00 Uhr

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