"negativ-dekadent" Wie DDR-Punks mit dem System Pogo tanzten

Punk – das war nicht nur eine Mode, Musik, Haltung und Subkultur: sondern auch ein Politikum, insbesondere in der ehemaligen DDR, in der der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, Ausdruck und Sound der No-Future-Generation als "negativ-dekadent" geißelte. "negativ-dekadent" ist nun auch der Titel eines Buchs, herausgegeben von Anne Hahn und Frank Willmann, das sich mit der Geschichte des DDR-Punk beschäftigt.

 Buchcover des Sammelbands "Punk in der DDR" mit einem schwarz-weiß Foto von Punks.
Der Sammelband "negativ-dekadent" erzählt die Geschichte des Punks in der ehemaligen DDR. Bildrechte: Ventil Verlag

Klar, dass sich die Volkspolizei die Augen rieb. So also sah neuerdings der Staatsfeind aus: zerrissene Jeans, Stachelhaare, Springerstiefel und T-Shirts, auf denen Ansagen wie "Fresst Scheiße!" standen. Jedenfalls wirkten diese Kantonisten nicht gerade wie die idealsozialistische Jugend des Arbeiter- und Bauernstaats. Und Staatssicherheits-Oberstratege Erich Mielke wies seine Stasi-Knechte in bester Heinrich-Himmler-Manier an, "die Samthandschuhe auszuziehen" – die berühmte Eskalationsschraube also.

Verhaftet, verhört, verprügelt

"Politisiert wurde die ganze Geschichte von außen", erzählt Anne Hahn, Co-Herausgeberin des Buchs "negativ-dekadent". "Ich kenne welche in Magdeburg in meinem Umkreis, die wurden mit 15, 16 aus der Schule geschmissen, mit 16, 17 dann aus der Lehre, also waren offiziell arbeitslos. Dann überlegt man natürlich, wo krieg ich mein Geld her, ich werde hier auch ständig angezählt, verhaftet, verhört, verprügelt. Ich werde schlecht behandelt, also mach ich das dann auch andersrum – diese Politisierung ist also als Reaktion eigentlich erst entstanden."

Also: Gegenwehr. Die so aussah, dass ab 1983/84 ein paar Handvoll sogenannte Randexistenzen mit dem Staatsapparat Pogo tanzten: Ostzonen-Punkbands mit eindeutigen Namen wie Wutanfall, Vitamin A, Müllstation oder Namenlos aus Halle, deren Sängerin Jana Schlosser Stasi und Nazitum im "MfS-Lied" auf den aggressiv gedoppelten Punkt brachte: "MM – ff – SS". Wofür sie anderthalb Jahre in den sicher nicht sehr angenehmen DDR-Knast wanderte; ebenso wie Dieter "Otze" Ehrlich, der mit seiner Band Schleim-Keim einen Sound zusammenknüppelte, der so klang, als wolle er das komplette "Schweinesystem" eigenhändig kaputtschlagen.

Schwarz-Weißes Foto eines Punkkonzerts
Konzerte wie dieses prägten die Erfurter Punkszene in den späten 80er-Jahren – auch darüber informiert der Sammelband "negativ-dekadent". Bildrechte: Archiv Musigmann

Revolte gegen DDR-Obrigkeit

In dem von ihnen herausgegebenen Band "negativ-dekadent: Punk in der DDR" lassen Anne Hahn und Frank Willmann ein Lebensgefühl, eine Lebenseinstellung wiederauferstehen, während sich aus den versammelten Texten das Bild einer Revolte zusammensetzt, die im Gegensatz zu ihrer westdeutschen Variante echtes, freiheitsgefährdendes Risiko lief. Kleine Ironie der Geschichte: dass es tatsächlich das System war, auf das der Slogan "No Future" zutraf. Das aber konnte Frank Willmann damals noch nicht wissen, als er, 1984 nach West-Berlin ausgereist, bei seiner ersten Demonstration Steine auf BRD-Polizisten warf.

"Meine ganze Wut", erinnert sich Willmann, "mein ganzer Hass auf diese DDR-Obrigkeit, auf diesen schrecklichen Polizei- und Staatssicherheitsapparat hat da zu seinem finalen Ausklang gefunden. Der hat mir danach auch ein bisschen leidgetan. Es war eigentlich der falsche Polizist, aber er musste in dem Fall dafür herhalten, aber es war für mich dennoch eine große Befreiung."

Endlich aufatmen

Endlich Luft holen zu können: Das ist die Story des Punks in der DDR, einer Urschreitherapie, die von der Geburt der Renitenz aus dem Ungeist von Stasi und FDJ, der Honeckers und Mielkes erzählte. Und genau das ist auch der Unterschied zwischen West- und Ost-Punk: vom einen bleibt die peinlichste Band der Welt, Die Toten Hosen, vom anderen nicht weniger als Geschichte.

Frank Willmann steht mit verschränkten armen neben Anne Hahn
Der Weimarer Frank Willmann und die Magdeburgerin Anne Hahn haben bereits in der Vergangenheit gemeinsame Bücher veröffentlicht. Bildrechte: Anne Hahn

Extrem laut und unglaublich nah

Einer Geschichte, die fast vierzig Jahre später immer noch nachhallt. Anne Hahn, heute 55 Jahre alt, weiß jedenfalls, dass Punk nach wie vor existiert: "Ich glaube, das hat sich zum Teil auch in Gesamtdeutschland ausgebreitet, dieses rotzige, rock’n’rollige Punkgefühl, also, da braucht man nur mal an den Bahnhöfen aller großen Städte in Deutschland schauen, was so auf den Jacken steht, und man sieht also immer wieder – und da freu ich mich ganz besonders drüber – Schleim-Keim-Aufkleber, Buttons und Schriftzüge. Und ja: Der Ostpunk lebt – weil er tot ist."

Angaben zum Buch Anne Hahn/Frank Willmann: "negativ-dekadent"
Erschienen im Ventil Verlag, März 2022
272 Seiten, 20 Euro
ISBN: 9783955751685

 Buchcover des Sammelbands "Punk in der DDR" mit einem schwarz-weiß Foto von Punks.
Der Sammelband "negativ-dekadent" versammelt Geschichten,
Anekdoten, sachliche Analysen und ganz persönliche
Reflektionen.
Bildrechte: Ventil Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2022 | 16:10 Uhr

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