Der Kasper war in der DDR zu anarchisch Buchempfehlung: Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet

Das Puppentheater Magdeburg ist eines der wenigen Stadttheater in Deutschland, das Figurenspiel für Kinder und Erwachsene zeigt. 2018 feierte die Bühne ihr 60-jähriges Bestehen. Jetzt zeichnet eine lesenswerte Publikation die so traditions- wie wechselreiche Geschichte des Hauses von seiner Gründung 1958 bis in die Gegenwart nach. "Ensemble in Bewegung. Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet" erzählt dabei auch von den sich veränderten Wahrnehmungen auf eine außergewöhnliche Kunst.

Corpus Delicti, Puppentheater Magdeburg 2009
Corpus Delicti, Aufführung am Puppentheater Magdeburg 2009 Bildrechte: MDR/Jesko Döring

Zu Beginn eine Anekdote: Eine Lehrerin war sehr aufgebracht. Mit ihrer , mit ihrer Schulklasse ist sie ins Puppentheater Magdeburg gekommen, um dort eine Inszenierung von Goethes "Reineke Fuchs" anzuschauen. Die war nicht ganz das, was sie erwartet hatte. Noch während der Vorstellung traf Nis Søgaard, der Regisseur des Stückes, in den Gängen vorm Zuschauerraum auf die geschockte Pädagogin, die von einer in ihren Augen "unzulässigen Brutalität der Inszenierung" sprach und sich um das Wohlbefinden der ihr anvertrauten Kinder sorgte. "Als ich meinte", erinnert sich Søgaard, "dass sie als Lehrerin gewusst haben müsse, dass Goethes Versdichtung zu Reinekes Intrigenspiel eine brutale und schonungslose Vorlage sei, unterbrach sie mich entrüstet mit den Worten: 'Aber wir sind doch hier im Puppentheater!'"

Inszenierung "Schimmelreiter"
Inszenierung von Theodor Storms Klassiker "Der Schimmelreiter" Bildrechte: Viktoria Kühne

Natürlich muss man an dieser Stelle unbedingt erwähnen, dass die Kinder im Zuschauerraum dem "Reineke Fuchs" dann so gar nicht geschockt, sondern vielmehr mit staunender, aufmerksamer Offenheit folgten. Gilt auch für das theaterpädagogische Publikumsgespräch im Anschluss an die Vorstellung.

Tische und Stühle im Cafe des Theater Magdeburg
Das Foyer des Puppentheaters Bildrechte: Anjelika Conrad

Nicht nur Kinderkram

Wichtiger ist hier aber etwas anderes, wie nämlich diese Anekdote von der mitunter recht resistent verankerten Vorstellung spricht, dass Puppentheater vor allem eins ist oder zu sein hat: eine possierlich-kindliche Harmlosigkeit; ein naives, antiquiertes Kunstgewerbe. Was freilich ein großer Irrtum ist, der, wie im aufgeführten Fall, dann auch mal zur kleinen Puppentheater-Schockerfahrung führen kann.

Spielszene des Theaterstreams am Puppentheater Magdeburg
In der Corona-Pandemie setzte das Puppentheater auch auf Streaming-Angebote Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gut, dass jetzt noch einmal in dem Buch "Ensemble in Bewegung. Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet" darlegt wird, zu welcher inhaltlichen Bandbreite und ästhetischen Vielschichtigkeit die Kunstform des Figuren- und Objekttheaters in der Lage ist. Eine Publikation, die sich, mit zahlreichen Texten und reich bebildert, dem historischen und künstlerischen Werdegang des Puppentheaters Magdeburg widmet. Und das in einer ausgewogenen Balance zwischen kulturpolitischen Reflexionen und künstlerischem Exkurs, zwischen Analysen und persönlichen Erinnerungen, bei der Sachkenntnis mit der spürbaren Liebe zur Sache gut Hand in Hand gehen.

Die Geschichte vom kleinen Onkel, Puppentheater Magdeburg 2011
Die Geschichte vom kleinen Onkel, Inszenierung am Puppentheater Magdeburg 2011 Bildrechte: MDR/Jesko Döring

Puppentheater in der DDR

Das Buch beginnt mit einem Rückblick in die Anfangsjahre des Puppentheaters Magdeburg. Wie in einer amüsanten Passage zu erfahren ist, soll die Figur des traditionell recht anarchischen Kaspers als Vorbild für die sozialistische Persönlichkeit eher fragwürdig gewesen sein. Es wurden aber auch – sowjetischen Vorbildern folgend – staatlich subventionierte Ensemble-Puppentheater zum festen Bestandteil der DDR-Kulturpolitik.

Puppenausstellung im Puppentheater Magdeburg
Figuren der Puppenspiel-Geschichte des Magdeburger Hauses Bildrechte: Ulrike Kuhrt

Und sie wurden daraus zu einem "ostdeutschen Kulturphänomen", das sich späterhin im wiedervereinten Deutschland erst einmal gegen Wegsparzwänge behaupten musste.

Neufindung nach dem Mauerfall

Mit "Es wird niemand mehr ihr Haus besuchen!" ist im Buch eine kulturpolitisch doch recht forsche Prophezeiung zitiert, mit der man in den kahlschlagseligen 1990ern auch die Abwicklung des Puppentheaters Magdeburg zu legitimieren suchte.

Wobei zu gestehen ist: Dass die Prophezeiung sich als Irrtum entpuppen würde, war damals mitnichten sicher. Denn selbst wenn man eine gewisse Sentimentalität der Magdeburger für ihr Puppentheater mit in Betracht zieht – die heute gegebene Akzeptanz und Verwurzelung dieser Bühne in der Stadtgesellschaft und darüber hinaus war alles andere als ein Selbstläufer. Waren doch die damaligen Überlebenskämpfe des Puppentheaters nicht nur kulturpolitische, sondern auch solche, die im Namen der künstlerischen Qualität eine selbstkritische Neujustierung, wenn nicht Neuerfindung, dringend erforderten.

Das erste Gebäude des Puppentheaters Magdeburg, 1962
Das erste Gebäude des Puppentheaters Magdeburg, 1962 Bildrechte: Archiv Puppentheater Magdeburg

Keine festen Dauerbesetzungen

Diese Selbstfindung des Puppentheaters Magdeburg aufzuzeigen und als Prozess anschaulich zu machen, gehört zu den spannendsten Aspekten dieses Buches. Denn vor allem mit seiner künstlerischen Suchbewegung ist hier ja ein "Ensemble in Bewegung".

Aufgang zum Puppentheater, 2020
Das Magdeburger Puppentheater heute Bildrechte: Anjelika Conrad
Buch "Ensemble in Bewegung. Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet."
Das Cover des Buches "Ensemble in Bewegung. Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet" Bildrechte: Verlag Theater der Zeit

Und das inzwischen grundlegend programmatisch: Frank Bernhard, künstlerischer Leiter des Theaters, ist überzeugt: "Man kann und darf begabte Leute nicht fest binden." Weshalb man in Konsequenz etwa für Puppenbau und Bühne auch keine feste Dauerbesetzung am Haus mehr engagiert, sondern auf den Kreativ-Input durch wechselnde Gäste vertraut.

Zu Recht! Inszenierungen wie "Wahnsinnsfrau Anne Sexton", "König Richard III" oder "M eine Stadt sucht einen Mörder" beweisen das ebenso, wie der Theaterpreis des Bundes (2019) oder ein kontinuierlicher Publikumszuspruch. Und klar: Kinder kamen und kommen auch immer wieder. Begeistert. Von negativen Folgeschäden (auch nach "Reineke Fuchs") ist nichts bekannt. Im Gegenteil.

Angaben zum Buch "Ensemble in Bewegung. Wie sich das Puppentheater Magdeburg stetig neu erfindet"
Herausgegeben von Silvia Brendenal und Anke Meyer
168 Seiten, 15 Euro
ISBN 978-3-95749-298-2
Verlag Theater der Zeit, 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2021 | 12:40 Uhr

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