Roman Warum Christoph Heins neuer Roman "Guldenberg" nicht überzeugt

Als Theaterguru leistete Christoph Hein während der 1980er-Jahre Katalysatorarbeit. Wie Heiner Müller und Volker Braun übernahm er unter der SED-Diktatur unbewusst die Rolle des Aufklärers, die in einer Demokratie gewöhnlich den Medien zukommt. Zeitgleich machte er sich mit Büchern wie "Der fremde Freund", "Horns Ende" und "Der Tangospieler" mehr und mehr einen Namen als Erzähler. Dieser Tradition blieb er nach dem Mauerfall mit Werken wie "Landnahme", "Weisskerns Nachlass" und "Verwirrnis" treu. Nun ist sein neuer Roman "Guldenberg" erschienen. Unser Kritiker zeigt sich jedoch nicht überzeugt.

Christoph Hein, Schriftsteller
Der Schriftsteller Christoph Hein Bildrechte: IMAGO / epd

Bad Düben diente in der Vergangenheit oft als Schauplatz für Werke Christoph Heins. Sein jüngster Roman spielt wieder in der Kleinstadt im nördlichen Sachsen, in der er seine Jugend verbrachte. Der Autor benennt sie zwar in "Guldenberg" um, aber Indizien erlauben es dem Leser, hinter dem Fantasienamen die traditionsreiche Gemeinde zu erkennen. Der Kurort verändert sich über Nacht, nachdem dort syrische Flüchtlinge gestrandet sind.

Zitat aus "Guldenberg": "Guldenberg war diese Erregung nicht gewohnt, man lebte hier anders als anderswo in der Welt. Man hatte davon gehört, dass in den großen Städten wie Berlin oder Paris gelegentlich Scheiben eingeschlagen wurden. Von sexuellen Übergriffen und gar Vergewaltigungen hatte man schaudernd in der Zeitung gelesen, aber das waren Vorfälle aus einer anderen Welt, derlei gab es in Guldenberg nicht."

Die Guldenberger tun sich in Christoph Heins Opus schwer mit den plötzlich auftauchenden Fremden, denn sie erinnern sich noch an die vielen Sinti und Roma, die nach der Maueröffnung von 1989 in Wohnwagenkolonien am Stadtrand siedelten und – so heißt es im Text wörtlich – "keinerlei Scham kannten".

Zitat aus "Guldenberg": "Und nun sollten Jahrzehnte später wieder Fremde nach Guldenberg kommen. Das verursachte Unbehagen unter den Bewohnern. Es würde wieder ungehörige und verachtenswerte Auftritte in der Stadt geben, die den Werten und dem Lebensstil ihrer Bürger unangemessen waren und Unfrieden stiften würden. Wieder sollten sich Leute von irgendwoher, die keiner eingeladen hatte, dort einnisten."

Konstruierte Geschichte wirkt wie aus der Retorte

Buchcover - Christoph Hein: "Guldenberg"
Buchcover zu "Guldenberg" Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Es ist ehrenwert, dass Christoph Hein sich dem hochaktuellen Thema Migration widmet, aber er vermag es nur eingeschränkt zu bewältigen. Der Künstler galt noch nie als Virtuose in Sachen stilistischer Raffinesse, seine eigentlichen Qualitäten entfaltete er beim Austüfteln faszinierender Storys. Doch dieses Mal mutet seine Geschichte streckenweise so konstruiert an, als sei sie der Retorte entsprungen. Mitunter rückt Hein trotzdem hautnah an die Wirklichkeit heran, etwa dann, wenn er die Verängstigung schildert, wegen der sich die arabischen Einwanderer in ihrem Notquartier in einem Seglerheim an der Mulde verschanzen.

Zitat aus "Guldenberg": "Einer, der über ein Buch gebeugt gewesen war, sah auf und meinte: 'Du kannst in die Stadt gehen und dich von den Deutschen dumm anreden lassen. Wenn du Pech hast, hauen sie dir eine rein. Schau dich immer gut um, wenn du aus dem Haus gehst. Und nie allein gehen, niemals. Was hier los ist, erlebst du abends, wenn es dunkel ist, wenn sie kommen. Sie ziehen am Haus vorbei und schreien.'"

Alle "Guldenberger" als Ausländerhasser pauschalisiert

Nicht alle Szenen in Christoph Heins Roman entpuppen sich als dermaßen realistisch. In erster Linie irritiert es, dass der Verfasser die Guldenberger im Verlauf der Handlung mehr oder minder pauschal als Dumpfköpfe, Ausländerhasser und pure Opportunisten charakterisiert. Positiv schneiden bei ihm lediglich ein paar Frauen ab, die im Flüchtlingsheim ehrenamtlich als Betreuerinnen arbeiten. Regionalpolitiker, die über das Schicksal der Asylbewerber entscheiden müssen, debattieren bei ihm hingegen in hölzernen Dialogen am Stammtisch.

Zitat aus "Guldenberg": "'Diese Migranten müssen raus aus der Stadt. Dieses Pack. Heute noch. Marschieren wir doch alle zu dem Heim und sorgen dafür, dass sie sofort verschwinden.' – 'Das sind Kinder, Helmut, Minderjährige.' – 'Minderjährig, ha! Das sind keine Kinder, sondern geile Böcke, die scharf auf unsere Frauen sind!' – 'Nu mach mal halblang.' – 'Wenn ihr wie ich eine fünfzehnjährige Tochter hättet, würdet ihr anders reden.'"

Christoph Hein gehört zweifellos zu den besten und kreativsten Erzählern der Gegenwart. Mit seinem neuen Buch wird er seinem Ruf als Meister des ungeschminkten und emotionslosen Fabulierens allerdings leider nicht gerecht.

Informationen zum Buch: Christoph Hein: "Guldenberg"
Erschienen im Suhrkamp Verlag
284 Seiten,
23 Euro
ISBN: 978-3-518-42985-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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