"Besichtigung eines Unglücks" Genthin 1939: Neuer Roman untersucht das schwerste Zugunglück in Deutschland

2018 war Gert Loschütz mit seinem Roman "Ein schönes Paar" nominiert für den Deutschen Buchpreis und den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Für seinen neuen Roman "Besichtigung eines Unglücks" hat er sich gleich in doppelter Hinsicht in die eigene Vergangenheit führen lassen: Er basiert auf einem Hörspiel, das der Autor schon 2001 geschrieben hat. Und der Roman nimmt seinen Ausgang in Genthin, im Norden von Sachsen-Anhalt, wo Loschütz geboren ist, und wo das bisher schwerste Eisenbahnunglück auf deutschem Boden stattgefunden hat.

Buchcover - Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks" 5 min
Bildrechte: Verlag Schöffling & Co.

Wo fängt ein Unglück an? Und wie erzählt man davon? Diese Fragen treiben Gert Loschütz in seinem neuen Roman "Besichtigung eines Unglücks" um. Ausgangspunkt ist das Eisenbahnunglück von Genthin: Am 22. Dezember 1939 krachte im Genthiner Bahnhof ein D-Zug mit 100 km/h auf einen anderen D-Zug.

Zitat aus dem Buch, Seite 16 Eisen auf Eisen, das Kreischen der sich ineinander bohrenden Wagen, das Knirschen der sich stauchenden Bleche, das Krachen und Splittern zerberstenden Holzes. Alles in eins. Mit einer solchen Gewalt, dass es im Umkreis von zehn Kilometern zu hören ist, in der Stadt, in den umliegenden Dörfern, Vorwerken, Gehöften. Die Leute schlafen und schrecken aus dem Schlaf hoch. Dann wieder Stille. Noch tiefere Stille.

Alte Fotoaufnahme eines Zugunglücks
Eine alte Fotoaufnahme des Zugunglücks von Genthin von 1939 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Unglück als Ausgangspunkt für viele offene Fragen

Das Unglück ist für Loschütz aber nur der Ausganspunkt für ganz andere Geschichten. Der Schriftsteller Thomas Vandersee beginnt, dazu zu recherchieren und stellt bald fest, dass seine Mutter Lisa, die einst eine Lehre in einem Genthiner Kaufhaus machte, eine Verbindung zu dem Unglück hat und zu einer mysteriösen Frau namens Carla, die in einem der Unglückszüge saß. Deren Verlobter Richard, ein Jude aus Neuss, wartet auf ihre Ankunft in Düsseldorf. Aber warum ist sie dann mit einem Italiener im Zug unterwegs gewesen? Und warum gibt sie nach dem Unglück einen falschen Namen an? Fragen über Fragen, auf die Schriftsteller Thomas in Akten, Briefen und der eigenen Erinnerung Antworten sucht.

Zitat aus dem Buch, Seite 150 Muss sie-
Wahrscheinlich-
Scheint es-
Das sind die Worte, die immer wieder auftauchen. Nichts ist sicher, heißt das. Oder dass man nur vom einen aufs andere schließen kann: Wenn das eine so ist, muss das andere so sein.

Ein Unglück, ein Verrat und eine verpasste Chance

In fünf Kapiteln erzählt Loschütz von der Spurensuche. Das erste rekonstruiert minutiös das Eisenbahnunglück und scheitert am Ende doch an der Frage, wo das Unglück denn nun genau seinen Lauf genommen hat. Wem ist wo wann der folgenschwere Fehler passiert? Eine Antwort findet er nicht. Genausowenig wie im zweiten Teil auf die Frage, wieso Carla den Verrat an ihrem Verlobten begeht, der ihn schließlich ins Konzentrationslager bringt. Die Dritte im Bunde, Lisa, die Mutter des Ich-Erzählers taucht zu Beginn nur als Randfigur auf. Mit ihrer Geschichte erzählt Loschütz von einer ganz anderen Art von Unglück: dem der verpassten Chancen, das sich in aller Stille abspielt.

Zitat aus dem Buch, Seite 276 Der Begabte, dem sie unter anderen Bedingungen überall hin gefolgt wäre, auch nach Cleveland/Ohio, war aus ihrem Leben verschwunden; Bruno, den sie zu keiner Zeit für ein Zusammenleben in Erwägung gezogen hatte, saß hinter der Mauer fest; und der Gedanke an eine Rückkehr in ihr Haus an der Bleiche, mit dem sie eine Weile gespielt hatte, war nach dem Mauerbau obsolet geworden.

Virtuose Erzählung voller Wendungen

Gert Loschütz
Der Autor Gert Loschütz Bildrechte: imago/Gerhard Leber

In den einzelnen Kapiteln erzählt Loschütz virtuos von den Schicksalen seiner Figuren, von den Entscheidungen, die sie treffen und davon, wie die Gründe dafür im Nachhinein manchmal mit keiner Akte und keinem Brief mehr nachvollzogen werden können. Vor allem seine akribische Nacherzählung des Eisenbahnunglücks macht jedem Krimi Konkurrenz, genauso die Geschichte von Carla, die sich immer wieder neu dreht und wendet und dabei Gewissheiten über die Figur kontinuierlich auf den Kopf stellt.

Zitat aus dem Buch, Seite 159 Wenn es so ist, beginnt ihre Geschichte hier, im Putzsalon Spieß, in dem Moment, in dem er die Tür öffnete und sie aus dem Hinterzimmer kommen sah. Oder mit dem Betrachten ihrer Kniekehlen. Das heißt: für ihn. Während sie für Carla und Richard viel früher begonnen hatte. Aber das wusste er nicht, als er in ihre Geschichte eintrat, die Bedrückung hieß, Einschnürung, Ausplünderung, Angst.

Und wenn der Autor dann auf fast der letzten Seite mit einem Handstreich noch einmal alle Gewissheit über diese Carla auf den Kopf stellt, wird auch klar, dass der Roman davon erzählt, wie ein Unglück niemals abgeschlossen ist, sondern ein Leben prägt und weit in die Gegenwart hineinragt, auch wenn das eigentliche Ereignis schon längst vergessen ist. Das Loschütz dabei niemals aufdringlich existenzialistisch oder nihilistisch wird, macht aus "Besichtigung eines Unglücks" einen großartigen Roman.

Buchcover - Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"
Buchcover Bildrechte: Verlag Schöffling & Co.

Informationen zum Buch Gert Loschütz: "Besichtigung eines Unglücks"
Erschienen bei Schöffling & Co.
336 Seiten, Gebunden, mit Lesebändchen
24,00 Euro
ISBN: 978-3-89561-157-5

Ein Denkmal vor dem Bahnhof in Genthin (Sachsen-Anhalt) erinnert an die dortige Bahnkatastrophe 1939
Ein Denkmal vor dem Bahnhof in Genthin erinnert an die dortige Bahnkatastrophe 1939 Bildrechte: dpa

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. August 2021 | 08:10 Uhr

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