"Der Boden unter unseren Füßen" Packend wie ein Thriller: Neuer Roman über die Wohnungsnot junger Familien

Die Wohnungssuche treibt eine junge Familie fast an den Rand der Verzweiflung. Dann endlich ist es soweit, das Glück scheint perfekt. Doch die junge Familie sieht sich durch eine psychisch kranke Nachbarin bedroht. In ihrem Debütroman "Der Boden unter unseren Füßen" erzählt Autorin Ursula Kirchenmayer von der Wohnungsnot und fragt auch, wem Wohnraum überhaupt zusteht. Kirchenmayer hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) studiert und zahlreiche Preise gewonnen. Ihr ist ein packender und psychologisch raffinierter Roman gelungen, findet unser Kritiker.

Das Cover eines Buches, das ein Zimmer mit einer Grünpflanze zeigt. Darauf der Buchtitel "Der Boden unter unseren Füßen".
Ursula Kirchenmayer legt mit "Der Boden unter unseren Füßen" ihren Debütroman vor, der im dtv-Verlag erschienen ist. Bildrechte: dtv

92 Quadratmeter in einem Berliner Hinterhaus, gelegen in einer ruhigen Seitenstraße: Für Laura und Nils sind das die Maße des Glücks. Kurz vor der Geburt ihres Sohnes müssen sie eine lange und an vielen Stellen entwürdigende Suche nach einer neuen Wohnung auf sich nehmen. Schließlich kommen sie über einen Wohnungstausch zu einer neuen Bleibe.

Wohnungssuche geglückt, wäre da nicht die Nachbarin

Doch noch bevor die Kisten ausgepackt und Möbel aufgebaut sind, dringt eine Stimme zu ihnen in die Wohnung. Sie stammt von der Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Die Frau ist, wie sich bald herausstellt, psychisch krank und auf die Wohnung über ihr fixiert. Sie versucht sogar, sich Zutritt zu verschaffen und beschädigt dabei die Tür. Ihre neue Wohnung aufzugeben, kommt für Laura und Nils nicht in Frage. Stattdessen wollen sie, dass die Nachbarin auszieht.

Not auf dem Wohnungsmarkt: ein hochaktuelles Thema

Dass die eigen vier Wände ein Raum sein können, in dem drängende Fragen diskutiert werden, haben schon Autorinnen wie Anke Stelling oder Kristine Bilkau unter Beweis gestellt. Wie sie erzählt Ursula Kirchenmayer in ihrem Debütroman, wie sich der Wunsch nach Stabilität und Sicherheit für immer weniger Menschen zu erfüllen scheint. Vor allem Nils, der eigentlich ein unverzagter und anpackender Mensch ist, wird immer verzweifelter. Er wendet sich an die Wohnungsverwaltung, den sozialpsychiatrischen Dienst und den Betreuer der Nachbarin, doch eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht. Zusehends überkommt Nils eine lähmende Haltlosigkeit.

Eine junge Frau mit langem dunklem Haar blickt in die Kamera.
Schriftstellerin Ursula Kirchenmayer hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) studiert und behandelt in ihrem Debütroman die Not auf dem deutschen Wohnungsmarkt. Bildrechte: dtv

Ursula Kirchenmayer porträtiert die Generation der Millennials

"Der Boden unter unseren Füßen" ist auch ein fein gezeichnetes Generationenporträt. Denn Nils und Laura sind typische Millennials: Beide haben einen Hochschulabschluss und arbeiten in kreativen Berufen. Laura ist Künstlerin und Nils ist Texter. Während den Eltern der soziale Aufstieg gelungen ist, schleicht sich in ihr Leben aber die Angst ein, zu scheitern und den eigenen Lebensstandard nicht mehr halten zu können. In dieser Hinsicht erinnert der Roman an "Die Glücklichen" von Kristine Bilkau. Auch bei Ursula Kirchenmayer gerät ein Leben aus den Fugen: Gerade in dem Moment, als Laura und Nils eine Familie gründen, wird ihr Heim zur Falle.  

Beklemmend, packend und raffiniert erzählt

"Der Boden unter unseren Füßen" gleicht einem beklemmenden Kammerspiel, das zugleich die Frage verhandelt, wem welcher Wohnraum zusteht. Ursula Kirchenmayer vertraut dabei ganz auf ihre Figuren und lässt sie immer tiefer in eine Spirale aus Ängsten und Sorgen hineingeraten. Ihr Roman erzählt auf packende und psychologisch raffinierte Weise davon, wie sich gewohnte Sicherheiten auflösen.

Infos zum Buch Ursula Kirchenmayer: "Der Boden unter unseren Füßen"
Erschienen bei dtv
400 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-423-28313-7

Redaktionelle Bearbeitung: Juliane Streich

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Januar 2023 | 17:40 Uhr

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