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Über den Alltag als Übersetzerin hat Tino Dallmann mit der Leipzigerin Lisa Kögeböhn gesprochen. Bildrechte: MDR KULTUR/ Tino Dallmann

Von Robbie Williams bis Kevin KwanGespür für Bestseller: Woran diese Leipziger Übersetzerin gute Bücher erkennt

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Stand: 30. September 2022, 04:00 Uhr

Sie hat Biografien von Robbie Williams und Depeche Mode übersetzt, am liebsten überträgt die Leipzigerin Lisa Kögeböhn aber Romane ins Deutsche. Dazu gehören Bestseller von Erfolgsautoren wie Kevin Kwan und Steven Price. Trotzdem beklagt sie wie die meisten Übersetzerinnen die Unsichtbarkeit ihres Berufs – und macht deswegen über Instagram auf ihre Arbeit aufmerksam.

Dass das Leben als Übersetzerin hart sein kann, hat Lisa Kögeböhn schon im Studium erfahren. Immer wieder hörte sie die gleichen Warnungen: Nicht jeder wird im Beruf Fuß fassen können. Und reich wird man als Übersetzerin auch nicht, wahrscheinlich muss man sich sogar einen Nebenjob suchen. Doch Lisa Kögeböhn hat Glück gehabt.

Gleich nach dem Studium schrieb sie an einen Verlag und stellte sich als Übersetzerin vor. Wenig später hatte sie ihren ersten Auftrag in der Tasche: Sie durfte die Biografie von Robbie Williams übersetzen. Heute überträgt Lisa Kögeböhn vor allem Romane aus dem Englischen ins Deutsche. Einen Nebenjob musste sie sich nie suchen.

Literatur übersetzen wird unterschätzt

Inzwischen kann Lisa Kögeböhn sogar zwischen verschiedenen Aufträgen wählen. Damit befindet sie sich in einer komfortablen Situation, die Nachteile ihres Berufs spürt sie trotzdem. Sie ärgert sich vor allem, wenn Übersetzerinnen und Übersetzer nicht genannt werden, wenn ihre Bücher in Zeitungen oder im Radio besprochen werden. "Wir Übersetzerinnen sind unsichtbar", sagt Lisa Kögeböhn und weiß auch, dass das in der Natur ihres Berufes liegt: "Je besser ich übersetze, desto weniger wird bemerkt, dass ich als Übersetzerin da bin."

Wir Übersetzerinnen sind unsichtbar.

Lisa Kögeböhn

Um mit ihrem Beruf sichtbarer zu werden, teilt Lisa Kögeböhn ihren Alltag auf Instagram und berichtet dort von Vertragsverhandlungen mit den Verlagen, Korrekturdurchläufen bis hin zu dem Moment, in dem sie das von ihr übersetzte Buch in den Händen hält.  

Instagram für übersetzte Bücher – und Backtipps

Anfangs wollte Lisa Kögeböhn bei Instagram nur Bilder von ihren übersetzten Büchern posten. Da das bei zwei bis drei Büchern im Jahr nur wenig hergab, fing sie damit an, auch die Arbeitsschritte bis zur fertigen Übersetzung zu teilen. Lisa Kögeböhn war überrascht, wie spannend das viele Follower fanden. Inzwischen kann sie ihre Community um Hilfe bitten, etwa wenn ihr ein besonders kniffliges Wortspiel Kopfzerbrechen bereitet.

Der in den USA gefeierte Roman "Cleopatra und Frankenstein" von Coco Mellors ist das neue Projekt der Leipziger Übersetzerin. Bildrechte: MDR KULTUR/ Tino Dallmann

Auf Instagram teilt sie außerdem Bilder von Kuchenblechen und Torten. Denn das Backen ist für Lisa Kögeböhn ein Ausgleich zur kopflastigen Arbeit als Übersetzerin: Wenn sie im Bett liege, wenn sie Fahrrad fahre, die Übersetzung rattere immer mit, erzählt sie. Beim Backen könne sie das loswerden.

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Leipzigerin übersetzt Bestseller aus den USA

Als Freiberuflerin muss sie ihr Honorar selbst aushandeln. Das betrifft vor allem das Seitenhonorar. Laut einer Umfrage des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen liegt das durchschnittliche Honorar pro übersetzter Normseite bei knapp 19 Euro. Sie bewege sich meist darüber, sagt Lisa Kögeböhn, aber sie kenne auch viele Kolleginnen, die weniger verdienten. In ihre eigene Kalkulation muss sie einbeziehen, dass sie das Buch vom ersten Anlesen bis zum Lesen der Druckfahnen viele Male zur Hand nimmt. "Am Ende komme ich bestimmt auf sechs Durchgänge", erzählt Lisa Kögeböhn.

Ein gutes Buch erkennt die Übersetzerin dann daran, dass sie es auch der sechsten Lektüre noch mag. Bei ihrem aktuellen Projekt sei das der Fall gewesen, sagt sie. Gerade hat sie die Übersetzung von Coco Mellors' Roman "Cleopatra and Frankenstein" abgeschlossen. In England und den USA wurde er begeistert aufgenommen. Eine Kritikerin der "Sunday Times" verglich den Roman gar mit denen der irischen Erfolgsautorin Sally Rooney. In der Übersetzung von Lisa Kögeböhn erscheint "Cleopatra and Frankenstein" im kommenden Jahr auch in Deutschland. 

(Redaktionelle Bearbeitung: Valentina Prljic)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2022 | 16:10 Uhr