Buch-Empfehlung: "In der Brandung des Traums" Steffen Menschings Gedichtband ist politisch, melancholisch, nachdenklich

Zu DDR-Zeiten mischte Steffen Mensching gemeinsam mit seinem Kollegen Hans-Eckhardt Wenzel mit politischen Kabarettprogrammen das Publikum auf. Heute leitet er als Intendant und Geschäftsführer die Bühne im thüringischen Rudolstadt. Neben dem Theater gilt seine große Leidenschaft dem Schreiben. Bereits 1979 debütierte er in der legendären Reihe "Poesiealbum" mit Gedichten. Später folgten Werke wie "Jacobs Leiter" und "Ludwigs Flucht". 2018 präsentierte er den von der Kritik gefeierten Roman "Schermanns Augen". Jetzt überrascht er mit dem Lyrikband "In der Brandung des Traums".

Steffen Mensching
Steffen Mensching im Büro in Rudolstadt Bildrechte: Friederike Lüdde

Dass Steffen Mensching sich als dialektischer Poet begreift, verdeutlicht jede seiner Zeilen. Er denkt gern in Gegensätzen und berührt sich in diesem Punkt mit renommierten Kollegen wie Volker Braun, Peter Gosse und Wilhelm Bartsch. Die philosophische Welterkundung beinhaltet für ihn stets auch das Nachsinnen über die Wurzeln der Zivilisation und die Frage, weshalb sie überhaupt existiert. Dabei stößt er zwingend auf das Problem der Vergänglichkeit:

Aus "In der Brandung des Traums": Landflüchtige Fische sind wir,
Strandgut der Schöpfung,
von einer Wehe aus dem Fruchtwasser der Mütter
ans Ufer gespült,
einmal rund geschliffen,
pflanzen wir uns fort,
treiben hinaus in die Weite
und verschwinden im Nichts mit der Flut.

Buchcover  - Steffen Mensching: "In der Brandung des Traums"
Buchcover Bildrechte: Wallstein Verlag

Ungeachtet solch melancholischer Töne entpuppt Steffen Mensching sich in seinen Versen als Heißsporn. Der Hoffnung auf eine Gesellschaft ohne Armut und Ausgrenzung schwor er nie ab. Er sympathisiert mit sozialistischen Ideen, weiß jedoch um die Gefahren einer linken Diktatur, die er lange genug durchlitt. Ähnlich wie Erich Fried erweist er sich als durch und durch politischer Mensch. Seine Lyrik kreist indessen nicht bloß um Utopien und die Chancen für ihre Realisierung, sondern ebenso um die eigene Labilität, um den drohenden Tod:

Aus "In der Brandung des Turms": Dieses Stechen in der linken Brustseite
auf der A4 zwischen Glauchau und Chemnitz
nimmst du den erstbesten Rastplatz
und liegst schweratmend,
kalten Schweiß auf der Stirn,
hinter dem Steuer.
Das wär's.
Hier zu enden,
irgendwo an einem Ort,
der kein Ort ist,
unterwegs,
quasi auf der Durchreise,
Besdomny.

Selbstanalysen und das Bedürfnis, Gedichte zu erschaffen

Steffen Mensching beschränkt sich bei Selbstanalysen nur am Rande auf seine Gesundheit. Vielmehr versucht er zu ergründen, woraus sein Bedürfnis resultiert, Gedichte zu erschaffen und sich der dafür nötigen Form zu bedienen. Dabei streift er immer wieder das Rätsel der Kreativität, das ungeachtet aller wissenschaftlichen Anstrengungen geheimnisumwoben bleibt. Diesem Mysterium nähert sich der Autor in einem Text mit dem Titel "Nachtschattengewächse":

Aus "In der Brandung des Turms": Deine besten Gedichte erscheinen in der Nacht
zwischen zwei Träumen wie unverhoffter Besuch.
Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig,
erklären sie das Leben, die Liebe, die Lügen,
und reimen sich ohne Gleichklang,
dialektische Blitze,
wie sie Walter Benjamin gefallen hätten,
streng logisch und voll metaphysischer Ticks,
du memorierst Zeile für Zeile,
bist aber zu faul, das Licht anzuschalten,
um sie zu notieren.
beim Erwachen denkst du:
Wirst du dich jeder Silbe erinnern und schläfst wieder ein,
am Morgen bleibt von ihnen
nichts als eine vage Erinnerung
an einen glücklichen Augenblick,
den du bemerktest,
aber nicht festhalten konntest.

In der Tradition von Bertolt Brecht

Zweifelsohne erweist sich Steffen Mensching hier erneut als Virtuose des Ratespiels und der Scharade. Dunkelheit und Helligkeit mischen sich in seinen Strophen zu einer Art Quiz, das den Leser zur Entschlüsselung verleitet. Nebenbei offenbart der Verfasser noch eine ganz andere Seite, nämlich die des Realisten in der Tradition von Bertolt Brecht oder Bernhard Klaus Tragelehn. Etwa dann, wenn er aus der Perspektive des Theaterintendanten auf sein Personal blickt:

Aus "In der Brandung des Turms": Die kleine Frau Müller von der Pforte,
Peter, ihr Nachfolger, den der Schlag traf,
am letzten Tag der Spielzeit,
Ellen, die gute Seele der Dramaturgie,
Conny, die Maskenfrau mit den lila Haaren,
Uschi, unsere unersetzliche Berliner Schnauze,
die freundliche Wirtin Christiane
und Ralf, der Apotheker, der mein erster Vermieter war,
man ist angekommen in einer Stadt,
wenn man dort Tote wohnen hat.

Geschickt pendelt Steffen Mensching in seinen Strophen zwischen einem legeren Ton und einer fast ekstatischen Sprache. Diese Gegensätze wirken faszinierend und entfalten ihre ganze Kraft in Kaskaden von kühnen Metaphern.

Informationen zum Buch Steffen Mensching
"In der Brandung des Traums"
Gedichte
Erschienen im Wallstein Verlag
104 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-8353-3938-5

Mehr über Steffen Mensching und das Theater Rudolstadt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. März 2021 | 17:40 Uhr

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