Sachbuch: "Die Unterschätzten" Warum die Ostdeutschen die Bundestagswahl entscheiden werden

In ihrem neuen Buch "Die Unterschätzten" legt die in Freiberg geborene Journalistin Cerstin Gammelin nahe, warum die Ostdeutschen die Bundestagswahl am 26. September 2021 entscheiden könnten. Dabei denkt sie nicht an einen Wahlsieg der AfD, sondern an Menschen im Osten, die mit dem Mauerfall eine "urdemokratische Erfahrung" gemacht haben und heute mit neuem Selbstbewusstsein Forderungen stellen. Mit MDR KULTUR hat sie über ihre Thesen gesprochen.

Buchcover von Cerstin Gammelins Buch "Die Unterschätzten" mit dem Untertitel "Wie der Osten die deutsche Politik bestimmt".
In ihrem Buch "Die Unterschätzten" erklärt Cerstin Gammelin den Einfluss der ostdeutschen Wählerschaft auf die gesamtdeutsche Politik. Bildrechte: Ullstein Verlag

Die Journalistin Cerstin Gammelin ist sich sicher, wer die Bundestagswahl am 26. September 2021 entscheiden wird: In ihrem neuen Sachbuch "Die Unterschätzten" belegt sie den Einfluss der ostdeutschen Wählerinnen und Wähler auf die Bundespolitik. Die Menschen im Osten und ihre Leistungen vor und nach dem Mauerfall würden immer noch unterschätzt, erklärte Gammelin im Gespräch bei MDR KULTUR.

Ostdeutsches Selbstbewusstsein zeigt sich

Für die im sächsischen Freiberg geborene Journalistin zählen zu den "Unterschätzten" alle Bürgerinnen und Bürger aus den neuen Bundesländern, die sich 1989 erfolgreich für den Mauerfall einsetzten und "damit eine urdemokratische Erfahrung gemacht haben". Die damals 15 bis 25-Jährigen würden heute sehr selbstbewusst Forderungen stellen, so Gammelin. Das Selbstbewusstsein dieser Menschen werde derzeit deutlich mehr sicht- und hörbarer, nachdem sie lange Zeit auch medial oft als Wendeverlierer dargestellt worden seien.

Auch ostdeutsche Politikerinnen und Politiker seien, im Vergleich zu ihren westdeutschen Kollegen, deutlich bürgernäher, so die Journalistin, die aktuell stellvertretend das Parlamentsbüro der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin leitet. So setze sich beispielsweise Sachsen-Anhalts Ministepräsident Reiner Haseloff in diversen Debatten nachhaltig und vehement für sein Bundesland ein. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Landeschefin Manuela Schwesig lasse viel Kontakt zu den Menschen in ihrem Land zu. So suche Schwesig beispielsweise bei Demonstrationen in ihrem Bundesland sehr aktiv den Kontakt zur Bevölkerung. Für das Buch hat Gammelin mit fast allen Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten aus dem Osten gesprochen. Ihnen sei zu verdanken, so Gammelin, dass sich Impulse aus dem Osten im wiedervereinigten Deutschland durchgesetzt hätten. Als Beispiele aus den letzten 30 Jahren nennt sie die Berufstätigkeit der Frau, die Kinderkrippen, die Polikliniken und das Recycling.

Der Osten als Labor für moderne Demokratie

Ostdeutschland sei ein Laboratorium für die moderne Demokratie, erklärt Gammelin weiter. Weil im Osten die Parteienbindung viel geringer sei als im Westen, habe man hier neue Formen der Bürgerbeteiligung wie Bürgerräte und runde Tische gesucht. In Sachsen zeige etwa Michael Kretschmer, wie nah und zugewandt die Regierenden den Bürgerinnen und Bürgern sind. "Bei schwindenden Parteienbindungen und knappen Mehrheiten wird eben jede Stimme besonders wichtig", erklärt die Journalistin. Deswegen würde ihrer Auffassung nach – nach 1998 und 2002 – auch dieses Mal die Wahl im Osten entschieden werden.

Angaben zum Buch "Die Unterschätzten. Wie der Osten die deutsche Politik bestimmt"
Von Cerstin Gammelin

Erschienen im Ullstein Verlag
304 Seiten
ISBN: 978-3-430-210-614

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2021 | 08:40 Uhr

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