Rezension Neues Sachbuch erzählt die Geschichte der Leipziger Verleger-Ikone Kurt Wolff

Der Kurt Wolff Preis wird jährlich auf der Leipziger Buchmesse an unabhängige Verlage vergeben. Mit dem Preis soll an den Namensgeber, die Verleger-Ikone Kurt Wolff, erinnert werden. Dieser gründete 1913 den Kurt Wolff Verlag in Leipzig und entdeckte Schriftsteller wie Franz Kafka. Über sein Leben in den USA, nach der Flucht vor den Nazis, war bisher wenig bekannt. Nun hat sein Enkel Alexander Wolff ein Buch über die bewegende Familiengeschichte verfasst: "Das Land meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff".

Alexander Wolff: Das Land  meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff 7 min
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Alexander Wolff: "Das Land meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff" Neues Sachbuch erzählt die Geschichte der Leipziger Verleger-Ikone Kurt Wolff

Neues Sachbuch erzählt die Geschichte der Leipziger Verleger-Ikone Kurt Wolff

Kurt Wolff gründete seinen berühmten Verlag in Leipzig und entdeckte Franz Kafka. Sein Enkel hat nun ein Buch über die bewegende Familiengeschichte verfasst. Ein Beitrag von Bettina Baltschev.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 06.10.2021 06:00Uhr 06:33 min

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Kurt Wolff war vieles: Intellektueller, Frauenheld, Reisender. Aber vor allem war er Verleger, ein Büchermensch durch und durch. Er wurde 1887 in Bonn geboren und kam Anfang des 20. Jahrhunderts nach Leipzig – zu einer Zeit, als Leipzig die wichtigste Verlagsstadt in Deutschland war. Alles, was Rang und Namen hatte, tummelte sich in dieser Stadt. Hier gründete der 26-jährige Kurt Wolff 1913 seinen eigenen Verlag, den Kurt Wolff Verlag. Möglich war ihm das, weil er eine wohlhabende Frau geheiratet hatte, die zur Familie der Pharmadynastie Merck gehörte.

Der Entdecker von Franz Kafka

Als Verleger hatte Kurt Wolff ein besonderes Gespür für den Zeitgeist. Er gab junge vielversprechende Autoren heraus, expressionistische Dichter wie Georg Trakl oder René Schikele, aber auch ein veritabler Bestseller wie Heinrich Manns "Der Untertan" erschien 1918 im Kurt Wolff Verlag. Dann war da eines Tages auch ein sehr schüchterner Autor, der Kurt Wolff sehr am Herzen lag, obwohl er von ihm nur sehr wenige Bücher verkaufte: Franz Kafka.

Ein nachkoloriertes Portraitfoto von Franz Kafka um etwa 1900.
Verleger Kurt Wolff gilt als der Entdecker von Franz Kafka. Bildrechte: imago/Leemage

In einem Brief an seine Verlobte charakterisiert Kafka seinen Verleger folgendermaßen: "Es ist ein wunderschöner etwa 25-jähriger Mensch, dem Gott eine schöne Frau, einige Millionen Mark, Lust zum Verlagsgeschäft und wenig Verlegersinn gegeben hat." Das Zitat beschreibt den jungen Kurt Wolff, als er das Fundament für seinen späteren Ruhm gelegt hat. Alexander Wolff hat dieses Zitat über seinen Großvater in sein Buch aufgenommen.

Leipzig war bis 1919 Sitz des Verlages

Wie der Untertitel von Alexander Wolffs Sachbuch andeutet, hat sein Großvater eine "deutsch-amerikanische Geschichte". Denn Kurt Wolff hat nicht nur Leipzig, sondern auch das Land und den Kontinent verlassen. 1919 zog er mit dem Verlag nach München, nachdem er Soldat im Ersten Weltkrieg gewesen war. Er bekam zwei Kinder, Maria und Niko. Sein Sohn Niko sollte Jahrzehnte später der Vater von Alexander Wolff werden.

Danach wird es kompliziert, eben weil Kurt Wolff nicht nur Bücher, sondern auch Frauen liebte: Er bekommt ein weiteres uneheliches Kind, seine Ehe wird geschieden, und es tritt eine neue Frau in sein Leben. Das ist allerdings nicht die Mutter des unehelichen Kindes, sondern Helen Wolff, eine junge Lektorin.

Kurt Wolff (rechts) mit seinem Enkel Alexander Wolff (links).
Alexander Wolff mit seinem Großvater Kurt Wolff, der 1963 starb. Bildrechte: privat/Alexander Wolff

Sie ist dann auch seine Begleiterin durch die schwierigen 30er- und 40er-Jahre. Denn Kurt Wolff gerät mit seinem progressiven und experimentellen Verlagsprogramm ins Visier der Nazis: viele Bücher seiner Autoren werden bei den Bücherverbrennungen ins Feuer geworfen. Der Verleger ist realistisch und weitsichtig genug, um zu erkennen, dass er nicht in Deutschland bleiben kann. Wolff geht mit seiner Partnerin Helen erst nach Italien und später in die USA, während seine Kinder Niko und Maria in Deutschland bei ihrer Mutter zurückbleiben. Das muss man betonen: Alexander Wolff schreibt nicht nur über seinen Großvater Kurt Wolff, sondern immer auch über seinen Vater Niko.

Was Großvater, Sohn und Enkel verbindet

Niko Wolff, der 1921 geboren und später in die Wehrmacht eingezogen wird, überlebt den Zweiten Weltkrieg glimpflich. Er sieht in Deutschland keine Zukunft für sich. Und weil sein Vater in Amerika lebt und dort mittlerweile auch ein paar Kontakte hat, die er nutzen kann, wandert Niko 1948 aus. Er erfindet sich in den USA noch einmal selbst: Er wird Chemiker, heiratet und gründet eine Familie.

Im Grunde genommen erzählt Alexander Wolff also drei Leben: das seines Großvaters, das seines Vaters und auch sein eigenes. Er zieht Verbindungslinien zwischen ihnen und versucht, ihre Charaktere in ihrer Zeit zu fassen.

Bettina Baltschev über "Das Land meiner Väter"

Kurt Wolff dagegen kehrt in den 50er-Jahren noch einmal nach Europa zurück, lebt in der Schweiz und reist jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse – bis er 1963 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Im Grunde genommen erzählt Alexander Wolff also drei Leben: das seines Großvaters, das seines Vaters und auch sein eigenes. Er zieht Verbindungslinien zwischen ihnen und versucht, ihre Charaktere in ihrer Zeit zu fassen. Das macht er sehr sensibel und persönlich, und das macht das Buch auch sehr zugänglich und gut lesbar.

Porträt von Alexander Wolff, Enkel der Verleger-Ikone Kurt Wolff.
Für seine Recherchen zum Buch ist Alexander Wolff ein Jahr nach Berlin gezogen. Bildrechte: Clara Wolff

Berührende transatlantische Familiengeschichte

Über das Leben von Kurt Wolff in Amerika war bisher in Deutschland weniger bekannt. Alexander Wolff ändert das mit seinem Buch. Kurt Wolff hat in Amerika noch einmal einen Verlag gegründet, aber er hat nie sehr gut Englisch gesprochen, und er hat sich dort nie wirklich heimisch gefühlt. Seinen Vater Niko beschreibt Alexander Wolff dagegen als Muster-Staatsbürger der USA, der so gut wie nie über seine Vergangenheit gesprochen hat und alles hinter sich lassen wollte. Das wiederum war schwierig für den Sohn, der geprägt ist durch Kurt und Niko, aber manche Informationen über seine Familiengeschichte erst in deutschen Archiven heraussuchen muss.

Das erzählt Alexander Wolff alles mit: wie sich sein Blick auf Deutschland im Laufe des Schreibens verändert und auch, wie er sich schließlich auf eine Art mit dem Land seiner Väter versöhnt, von dem er immer nur ein sehr vages Bild hatte. Sein Großvater Kurt Wolff hatte Deutschland verlassen müssen, sein Vater Niko hatte Deutschland verlassen wollen und er, Alexander, schließt mit diesem Buch wieder den Kreis. Das ist sehr berührend und schlägt eine schöne transatlantische Brücke.

Alexander Wolff: Das Land  meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff
Das Cover des Buches "Das Land meiner Väter" Bildrechte: Dumont

Angaben zum Buch Alexander Wolff: "Das Land meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff"
480 Seiten, Dumont Verlag
ISBN: 978-3-8321-7119-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2021 | 07:10 Uhr