"Ein Jahr Lockdown – ein Blick zurück nach vorn" Autor Marcel Beyer: Herrengebrüll auf der Straße und Impfmord-Phantasien

Der Dresdner Schriftsteller Marcel Beyer hört "Herrengebrüll auf der Straße" und konstatiert nach einem Jahr Corona, wie selbst brave Familienväter nun manchmal den Verstand verlieren zu scheinen und aufeinander losgehen. Nicht nur die. Der Büchner-Preisträger ist bekannt dafür, Sprach- und Denkschablonen zu zerlegen. In seiner MDR KULTUR- Kolumne skizziert er, wie die Pandemie von den einen gefürchtet und von anderen geleugnet wird, vor allem überdenkt er, was der Antrieb dahinter sein könnte.

Marcel Beyer 4 min
Bildrechte: dpa

Herrengebrüll auf der Straße. Vor dem Supermarkt unten streiten zwei Männer mittleren Alters: "Komm doch her, na, komm doch her!" Und der andere: "Du hast ja vollkommen den Verstand verloren!" Aus der Gruppe von Zuschauern löst sich eine Frau und sagt: "Meine Fresse!"

"Meine Fresse!"

Als im März vorigen Jahres Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie getroffen wurden, war ich überzeugt: In zwei, höchstens vier Wochen haben wir die Sache überstanden. So wie nach einem langen Winter mit dem Frühling die Grippewelle abflaut.

Im Laufe der folgenden Monate ist man hellhöriger geworden. Man hat sich an die Stille gewöhnt: weniger Menschen auf der Straße, kaum mehr Autos, keine Flugzeuge in der Luft. Das Gehör ist geschärft. Und nun gehen die Leute aufeinander los. Wenn jetzt noch der Notarzt gerufen werden müsste, weil brave Familienväter sich mit ihren Edelfahrrädern gegenseitig den Schädel einschlagen – "meine Fresse!" Die Frau spricht vor sich hin, spricht durch ihren Mundschutz, und dennoch höre ich sie deutlich bis herauf in den zweiten Stock.

Nahe Menschen unerreichbar fern

Vieles ist in unerreichbare Ferne gerückt. Vergangene Woche wurde meine Schwiegermutter gegen das Coronavirus geimpft – doch an einen Besuch bei ihr in der Schweiz ist so wenig zu denken wie an den von Monat zu Monat verschobenen Besuch bei einer Freundin in Wien, die im Dezember 96 Jahre alt geworden ist. Zur räumlichen Distanz kommt die Zeit, die sich dehnt und immer weiter dehnt. Nein, sie schnürt einem den Hals zu.

Wer ist denn nun der Zombie?

Menschen leben in Todesangst. Menschen sterben. Andere fühlen sich von einem Mund-Nasen-Schutz ihrer persönlichen Freiheit beraubt. Das Virus sei nicht gefährlich. Das Virus sei inexistent. Das Virus sei nichts weiter als ein Werkzeug geheimer Mächte. Dass ihre Wahnsätze vorne und hinten nicht zusammenpassen, ist ihnen gleichgültig. Und was genau ein weltweit grassierendes, zugleich aber nicht existierendes Virus mit der Deutschlanddeutschlandeutschlandfahne zu tun haben soll, hat mir auch noch keiner erklären können.

Sie leugnen den Tod. Und zugleich scheint es, als seien sie von einer perversen Todeslust beseelt. Gesichtsmasken töten Kinder, behaupten sie. Dann: Impfstoffe töten Erwachsene. Dann: Der eine Impfstoff hat eine tödlichere Wirkung als der andere. Wir sollen alle getötet werden. – Impfmord-Phantasien seltsamerweise, die schon in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Sowjetunion verbreitet waren.

Marcel Beyer

Der feindselige Blick, wenn ich den Griff des Einkaufswagens desinfiziere. Aber wer von uns beiden ist denn nun der Zombie?

Diese Menschen sind mir zutiefst unheimlich. Haben wir, wie sich erst jetzt unter Pandemie-Bedingungen zeigt, bislang mit völlig verschiedenen Vorstellungen vom Tod, mit einer grundlegend anderen Haltung zum Sterben nebeneinander her gelebt?

Was bleibt, wenn die Gefahr gebannt ist

Irgendwann, in hoffentlich naher Zukunft, wird die Gefahr des Covid-19-Virus samt seiner Mutanten gebannt sein. Man wird wieder reisen können. Menschen begegnen. Die Coronaleugner werden sich neue Themenfelder suchen. Doch mir wird, zurück in der Normalität, unheimlich bleiben, weil ich nicht einschätzen kann, ob mein Gegenüber den Tod für eine Medienmasche hält oder sich während der Pandemie einfach darüber gefreut hat, dass die Nachbarwohnung frei geworden ist.

Literatur in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2021 | 10:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei