Abschied als Generaldirektor der Sächsischen Landesbibliothek SLUB-Chef Bonte: "Wir werden immer dümmer"

Als "Ort der Ideen in Deutschland" wurde die Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden, kurz SLUB, vom Bund ausgezeichnet, etwa weil sie sich beispielhaft um die Digitalisierung historischer Medien bemüht und so das kulturelle Erbe leichter zugänglich macht. Daran hat der scheidene Generaldirektor Achim Bonte großen Anteil. Sein Haus hat er nicht nur als Wissensspeicher entwickelt, sondern als wichtigen Ort der Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern und Ort der politischen Debatte. Nach 15 Jahren im Amt geht er nun an die Staatsbibliothek Berlin. Im Interview zieht er ein Resümee und erklärt, wie sich Bibliotheken öffnen und verändern müssen.

Der Generaldirektor der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Achim Bonte 8 min
Bildrechte: SLUB Dresden/Ramona Ahlers-Bergner


MDR KULTUR: Was werden Sie vermissen, wenn Sie nun nach Berlin gehen an die Staatsbibliothek, was ist der besondere Dresden-Faktor?

Achim Bonte: Der Dresden-Faktor – wir sind ja in einer Fußball-verrückten Stadt – ist, dass die SLUB inzwischen unter den Top Five in der Bibliotheks-Bundesliga angelangt ist. Früher haben wir anderswo angerufen und um Hilfe gebeten, heute rufen andere Bibliotheken bei uns an. Auf Dresden schauen, heißt, neue Entwicklungen im Bibliotheks-Bereich kennenlernen, um sie in die Zukunft zu führen. Eine Zukunft, die da heißt: digitale Gesellschaft.

Haben Sie sich eigentlich schnell an das Kürzel SLUB für Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden gewöhnt?

Es klingt ein bisschen sehr lässig. Aber unsere Studierenden haben mich bekehrt. Hinter dem langen Namen steht ein langer Weg der Fusion von zwei Großbibliotheken. Wir wollten damit auch zeigen, was wir für einen breit gefächerten Auftrag haben: Landesbibliothek mit Pflichtexemplaren, Bibliothek der Technischen Universität Dresden, Koordinierungszentrum für das gesamte sächsische Bibliothekswesen.

Gab es für Sie in den vergangenen 15 Jahren einen zentralen Moment für die Entwicklung der Bibliothek, auf den Sie immer wieder zurückkommen?

Restauration an der Sächsischen Landesbibliothek _ Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)
Die SLUB als Ort der Bewahrung: Arbeit in der Pergament-Restaurierungskammer Bildrechte: dpa

Nicht nur einen. Es gab in dieser Zeit eine Reihe von sehr bedeutenden Erwerbungen. Wir haben den Kontakt nach Mittel- und Osteuropa verstärkt, nach Moskau, nach Brünn zur Mährischen Landesbibliothek. Ich erinnere mich an wunderschöne Feste mit unseren Nutzerinnen und Nutzern, auch mit Geflüchteten 2015, als es hier ja hoch her ging.

Mit diesen Beispielen zu europäischen Kooperationen oder dem Fest für die Geflüchteten betonen Sie da auch eine starke politisch-gesellschaftliche Mission oder einen Auftrag, den eine Bibliothek zu erfüllen hat?

Unbedingt. Das sehen sie schon an den Fahnen vor unserem Haus, mit denen wir für Offenheit, Vielfalt und eine pluralistische Gesellschaft werben. Eine Bibilothek hat für Bildungsgerechtigkeit, Bildungschancen in einer Gesellschaft zu arbeiten und möglichst viele Menschen in dieses Gebäude hineinzuführen, damit sie schlauer wieder herausgehen. Das trägt zur Entwicklung unserer Gesellschaft bei und hat auch eine politische Komponente, die auf die Frage hinausläuft: Wie schützen wir unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, wie bewahren wir das, worum uns die halbe Welt beneidet?

Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek
Blick in dem Lesesaal der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Bildrechte: SLUB Dresden/Henrik Ahlers

Da gibt es durchaus auch Konflikte. Etwa vor Wahlen, wenn wir Hearings machen mit Podien, die nicht ganz paritätisch besetzt sind oder wenn wir sehr dezidiert dafür werben, dass sich diese Gesellschaft öffnet und das, was kommen kann, eher als Bereicherung, denn als Bedrohung zu verstehen. Da gibt es immer mal wieder Stimmen, die sagen, das ist nicht eures Amtes. Ihr sollt Bücher ausleihen, um den Rest braucht ihr euch nicht zu kümmern.

Eine Bibliothek ist heute viel mehr als eine Verteilstelle für analoge und digitale Medien.

Achim Bonte Scheidender Generaldirektor der SLUB in Dresden

Wie geht es weiter mit den Bibliotheken im digitalen Zeitalter, welche Rolle können sie aus Ihrer Sicht spielen, gerade auch die nicht-wissenschaftlichen. Da ist ja die Rede von dritten Orten im Sinne von sozialen Treffpunkten. Könnte das die SLUB in Teilen auch sein?

Ja und ein wichtiges Merkmal wird allgemein sein, dass wir nicht nur senden, sondern auch empfangen.

Denn der Ausschnitt dessen, den der einzelne Mensch überblickt, was er wissen kann, der wird täglich kleiner.

Wir werden täglich dümmer, weil das Weltwissen täglich schneller wächst als das Vermögen eines Einzelnen; eines Betriebes, einer Nation, das alles aufzunehmen. Das heißt, die alte Annahme: Ich gehe in die Bibliothek, wie in einen Gral, der weiß und hat alles, die müssen wir erweitern.

Achim Bonte Scheidender Generaldirektor der SLUB in Dresden

Wir sind als Bibliothek ein Informationsbroker, sage ich mal, der einen großen Schatz hat, auch wegen der kenntnisreichen Menschen, die dort arbeiten. Aber wir brauchen stärker eine Zwei-Wege-Kommunikation, die dafür sorgt, dass wir nicht nur senden, sondern Informationen von außen empfangen, aus der Zivilgesellschaft, von anderen Einrichtungen, über das, was wir noch nicht wissen. Es geht also um neue, partizipative Informations- und Wissenskreisläufe. Alle sind eingeladen, daran teilzunehmen.

Sächsische Landesbibliothek
"Wir brauchen stärker eine Zwei-Wege-Kommunikation", sagt der scheidende SLUB-Chef Achim Bonte über die Aufgaben der Bibliotheken heute. Bildrechte: imago/momentphoto/Killig

Das Gespräch führte Moderator Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Stichwort: SLUB

Die SLUB ist am 14. Januar 2003 als Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) neu eröffnet worden. Sie ist mit mehr als sechs Millionen Medien die viertgrößte deutsche Bibliothek.

Seit 450 Jahren beherbergt sie Handschriften, Bücher und andere Dokumente aus den vergangenen 4.000 Jahren. Im neuen Gebäude stehen etwa 1.000 Lese- und Computerplätze zur Verfügung. 2015 wurde sie vom Bund als "Ort der Ideen in Deutschland" ausgezeichnet, weil sie sich beispielhaft um die Digitalisierung historischer Medien bemühe und so das kulturelle Erbe leichter zugänglich mache. Zum Bestand gehören auch Landkarten, historische Bücher, Filme und Fotografien. Beauftragt ist sie auch damit, die Informationen in Text oder Bild die Europeana zu überführen. Dabei handelt es sich um ein neues europäisches Portal für Museen, Archive und Bibliotheken.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2021 | 07:10 Uhr

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