"Sprachlosigkeit – das laute Verstummen" Kunstsammlungen Dresden zeigen Ausstellung zu Traumata

Krieg, Gewalt, Vertreibung, Vergewaltigung: Erfahrungen wie diese können nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gesellschaften verstummen lassen. Es sind kollektive Traumata, die oft verdrängt werden. Die Ausstellung "Sprachlosigkeit - das laute Verstummen" im Japanischen Palais der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigt, wie Kunst beispielsweise den "Trostfrauen" eine Stimme geben kann.

Sprachlosigkeit, Ausstellung, Dresden, SKD, Japanisches Palais
Eine Schreibmaschine und viele unbeschriebe Blätter – eines der Ausstellungsobjekte Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

In der Ausstellung "Sprachlosigkeit - das laute Verstummen" im Dresdner Japanischen Palais wird ein schwerwiegendes Themenfeld aufgearbeitet: kollektive Traumata. Mit gesellschaftlich verdrängten Themen wie Genozid, Krieg, Gewalt, Vergewaltigung und Vertreibung haben sich Künstlerinnen und Künstler schon immer auseinander gesetzt. Sie gaben dem Unaussprechlichen eine Stimme, wo die Gesellschaft in Schweigen verfiel. Die Ausstellung stellt einige der Werke vor.

Sprachlosigkeit, Ausstellung, Dresden, SKD, Japanisches Palais
Einweihung der Friedensstatue im Japanischen Palais Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

Die Friedensstatue, ein vom koreanischen Künstlerpaar Eun-Sung Kim und Seo-Kyung Kim geschaffene Statue, ist mittlerweile ein weit verbreitetes Denkmal für die sogenannten Trostfrauen, eine aus männlicher Dominanz entstandene euphemistische Bezeichnung für junge Mädchen und Frauen, die hunderttausendfach im Asien-Pazifik-Krieg 1937-1945 vom japanischen Militär zur Zwangsprostitution gezwungen und deren Schicksal jahrzehntelang beschwiegen wurde.

Ich bin der Meinung, dass das Trauma sich nicht mit Worten fassen lässt, und aus diesem Grund arbeiten wir viel mit künstlerischer Arbeit, weil die Kunst diese Räume, die nicht beschreibbar sind, repräsentieren kann.

Nataly Jung-Hwa Han, Vorstandsvorsitzende des Korea-Verbandes e.V. und Leiterin des Museums der Trostfrauen Berlin-Moabit
Sprachlosigkeit, Ausstellung, Dresden, SKD, Japanisches Palais
Yajima Tsukasa, Projekt "face to face", Mun Pilgi, 2003-2006 Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

Der japanische Fotograf Yajima Tsukasa gibt in seiner Porträtserie "Von Angesicht zu Angesicht" Überlebenden des Trostfrauensystems, die im House of Sharing ein zu Hause fanden, wieder würdevolle Individualität zurück.

Tsukasa bemerkt dazu: "Ich bin heute noch auch sehr, sehr traurig, deswegen habe ich mit dieser Arbeit angefangen. Zu dieser Bewegung kam es aber auch am 14. August 1991, als die erste Zeitzeugin das Schweigen gebrochen hat."

Im Fokus der Ausstellung: Der Umgang mit Traumata

Die sogenannten Trostfrauen sind nur ein Beispiel für Gewalt, die Einzelnen und ganzen Gruppen in Kriegs- und Friedenszeiten angetan wurde. Der Holocaust, der Genozid an den Armeniern, die Kriege in Jugoslawien – eine fatale Kontinuität, die schier zum Verzweifeln ist!

Sprachlosigkeit, Ausstellung, Dresden, SKD, Japanisches Palais
Nathalie Anguezomo Mba Bikoro, On The Ruins Of Paradise 2017 Bildrechte: SKD, Foto: David Pinzer

Der Ausstellung geht es nicht um die Darstellung der traumatischen Ereignisse, sondern um den Umgang damit, um Deutung und Heilung und die Rolle, die dabei das Sagen, Sprechen, Schreiben, Sticken, kurz Kunst und Kultur spielen können. Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Ethnografischen Sammlungen Sachsen und eine der Kuratorin der Ausstellung hat dafür Aktivistinnen und Künstler eingeladen und mit ihren Wissenschaftlerinnen aus den Depots ihrer Museen Exponate ausgesucht. Entstanden ist eine hochkomplexe Ausstellung, die sich über zwei Etagen erstreckt.

Eine Sprachspur zieht sich von Gedichten Paul Celans bis zum Diktum von Max Czollek: Es wird nie wieder alles gut! Auch der – nicht erst seit der Diskussion um das Humboldt-Forum und die Beninbronzen – virulenten Frage nach dem Umgang der Museen mit Gewalt in kolonialen Kontexten geht die Ausstellung nicht aus dem Weg. Die Alben von Georg Maercker mit den Fotos, die er im Schlepptau der Kolonisatoren in Deutsch-Südwestafrika schoss, bleiben geschlossen, dem Rückgabewunsch von Vertretern der australischen Kaurna, die im 19. Jahrhundert missioniert wurden, wird nachgekommen.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Léontine Meijer-van Mensch Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Wir werden die Objekte zurückgeben, gerade weil sie so wichtig sind für die Community, für deren eigene Sprachfindung und kulturelle Identität möchten wir gern diesen Objekte zurückgeben. Sie werden noch einmal ausgestellt und dann werden wir sie zurückgeben und damit natürlich auch die Frage: Tragen wir als Museum zu einer Art von Heilung bei?

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Ethnografischen Sammlungen Sachsen

Einladung zum Austausch

Sprachlosigkeit, Ausstellung, Dresden, SKD, Japanisches Palais
Silvina Der-Meguerditchian, Healing coat, 2020 Bildrechte: Silvina Der-Merguerditichian

Die Ausstellung "Sprachlosigkeit - das laute Verstummen" ist nicht nur dialogisch angelegt, sie will auch ausdrücklich zum Austausch einladen – ein schwieriges Unterfangen, jetzt in Corona-Zeiten. Ein großer runder Tisch im Hof des Japanischen Palais, intimere Wohnzimmersettings im Sempersaal sind schon mal vorhanden, dazu ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm. Und Direktorin Léontine Meijer-van Mensch, die mit Lastenrad und Briefkasten unterwegs sein wird, wozu sie anmerkt: "Sie werden mich und meine Kollegen durch die Stadt radeln sehen. Weil, ich finde es ganz wichtig, dass ein Museum, gerade wenn es so Plattform sein möchte, gerade wenn es so dialogisch sein möchte, gerade wenn es gesellschaftspolitische Themen verhandeln möchte, aber auf so eine Art und Weise, dass sich so viel wie möglich Menschen wiederfinden können, das find ich wichtig – was hoffentlich auch zur Relevanz unserer Einrichtung beiträgt."

Raum für Vielstimmigkeit schaffen

Und so kratzt die Ausstellung auch am tradierten Selbstverständnis der Institution Museum als kanonbildender, allwissender Ort, zugunsten einer Offenheit für Diskurse und Vielfalt, wie Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden betont.

Die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann
Marion Ackermann Bildrechte: imago/epd

Und wir sehen es so: Wir sind als eine öffentliche und staatliche Institution aufgefordert, Aktivistinnen und Aktivisten eine Stimme zu geben, um uns damit mit Teilen der Gesellschaft zu verknüpfen, um etwas von unserer institutionellen, kuratorischen Macht abzugeben und dadurch einfach Raum für diese Vielstimmigkeit zu schaffen.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jedenfalls zeigen auch mit dieser Ausstellung, dass sie jederzeit in der Lage sind mit ihren Ideen und ihren Beständen das Japanische Palais – dessen weitere Zukunft einschließlich der Sanierung noch immer nicht geklärt ist –zu einem einladenden und ungemein anregenden Ort zu machen.

Infos zur Ausstellung Sprachlosigkeit – Das laute Verstummen
16. April bis 1. August 2021
Japanisches Palais Dresden
Öffnungszeiten
täglich 10-18 Uhr, Montag geschlossen

Zutritt nur mit Zeitticket und Test

Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. April 2021 | 08:15 Uhr

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