Marlen Schachinger im Porträt Trotz Quarantäne: Wie Magdeburgs neue Stadtschreiberin ihr Amt angeht

Die Landeshauptstadt vergibt seit 2013 ein Stipendium an deutschsprachige Autorinnen und Autoren. Von März bis September ist die Österreicherin Marlen Schachinger in den Diensten Magdeburgs. Wegen der Pandemie-Regeln musste sie für einige Tage in Quarantäne, doch sie nutzte die Zeit. Ein Porträt der engagierten Schriftstellerin und promovierten Literaturwissenschaftlerin, die auch Trägerin des Seume-Literaturpreises ist und sich gegen 32 Mitbewerberinnen und Mitbewerber durchgesetzt hatte.

Magdeburgs neue Stadtschreiberin Marlen Schachinger
Über den Dächern Magdeburgs und mit Blick auf den Dom: Marlen Schachinger auf dem Balkon der Stadtschreiber-Wohnung Bildrechte: MDR / Sandra Meyer

Die neue Stadtschreiberin hat ihr Amt in Quarantäne begonnen: Schon vor neun Tagen bezog die Österreicherin Marlen Schachinger ihre Gästewohnung über den Dächern von Magdeburg: 35 Quadratmeter, ein riesiges Bett, ein winziger Tisch. Und Gott sei Dank ein umlaufender Balkon mit fulminantem Blick auf die Stadt.

Ein Ausblick, aber noch kein Einblick seufzt die Autorin: "Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt schon angekommen bin. Es ist was ganz anderes, wenn man im Kopf die Arbeit zu strukturieren versucht, die auf einen zukommt, weil man eben Stadtschreiberin ist, aber noch nicht hinaus darf."

Hasselbachplatz in Magdeburg 2008 am Abend
Blick auf den Magdeburger Hasselbachplatz Bildrechte: dpa

Im Lesen über Magdeburg gewann ich den Eindruck einer Stadt, die sich Herausforderungen stellt. Einer Stadt, die sich selbst nach Verlusten wieder und wieder neu erfindet.

Marlen Schachinger

Stadtschreiberin in Magdeburg

* Marlen Schachinger ist die nunmehr neunte Stadtschreiberin Magdeburgs seit 2013.
* Die Österreicherin folgt damit Jörg Menke-Peitzmeyer und wird das Stipendium, das mit 1.200 Euro monatlich dotiert ist, bis 30. September innehaben.
* Sie setzte sich gegen 32 weitere Mitbewerberinnen und Mitbewerber durch.
* Eine mietkostenfreie Wohnung stellt die Stadtverwaltung zur Verfügung.
* Eigentlich begann ihr Stipendium bereits am 1. März, erstmal musste sie ein paar Tage in Quarantäne.
* Geboren wurde sie 1970 in Braunau am Inn. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaften, Germanistik und Romanistik in Wien, wo sie auch promovierte.
* Seit 1999 arbeitet Schachinger als freiberufliche Autorin und Übersetzerin.
* Sie ist Leiterin des 2012 gegründeten Instituts für narrative Kunst.
* Für ihre schriftstellerischen Werke erhielt sie unter anderem den Lise-Meitner-Literaturpreis, den Seume-Literaturpreis, das Stipendium des Bundesministeriums für Frauen, das Wirtschafts- und Forschungsstipendium der Stadt Wien sowie das Wiener Autorenstipendium.

Virtueller Austausch mit Kindern und Jugendlichen

Wobei die promovierte Literaturwissenschaftlerin schon im Vorfeld Kontakte zu verschiedenen Schulen geknüpft hatte. So konnte sie zumindest online bereits mit etlichen Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen: "Ich habe es sehr genossen, mich auszutauschen, sie zu befragen oder mich befragen zu lassen, ihnen auch kleinere Schreibaufgaben zu geben", erzählt Marlen Schachinger über ihre ersten virtuellen Begegnungen. "Das war ein bisschen so, wie die Stadt reinholen über ihre jüngsten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner." So habe sie Gelegenheit gehabt zu fragen, "was die Kinder und Jugendlichen bewegt, wie sie dieses Homeschooling empfinden, welche Sorgen bei ihnen auftauchen".

Schülerinnen und Schüler warten am Eingangsportal ihrer Schule mit Abstand in einer Reihe.
Das Magdeburger Domgymnasium nach dem Lockdown Bildrechte: MDR/Hagen Tober

Die Eindrücke seien Teil ihrer Kolumne über die ersten Tage in der Stadt geworden, erzählt Schachinger weiter. Der Text werde bald auf der Homepage veröffentlicht. Auf ihrer eigenen und auf der Stadtschreiber-Seite. Ein Vehikel, um die Gedanken mit den Magdeburgerinnen und Magdeburgern zu teilen, wie die Kulturbeigeordnete Regina Stieler-Hinz erklärt. Auch diese Freude am Austausch habe die Jury übrigens bewogen, Schachinger unter 32 Mitbewerberinnen und Mitbewerbern auszusuchen:

Sie hat nicht nur einen sehr schönen, erfrischenden Schreibstil, sondern eine große Neugierde auf die Menschen, auf die Gesellschaft. Das zeigen nicht nur ihre Werke, sondern ihre ganze Art und Weise, wie sie das Thema Literatur auch in der Gesellschaft verankern möchte, um mit den Mitteln von Kunst und Kultur tatsächlich neue Blickwinkel auf das Heute und auch auf das Morgen zu lenken.

Regina Stieler-Hinz Kulturbeigeordnete in Magdeburg

Neuer Blick auf Magdeburg

Ein wahrlich unvoreingenommener Blick auf die Stadt Magdeburg. Denn für Schachinger ist die Landeshauptstadt bisher absolutes Neuland, wie sie offen zugibt. Der sympathische Auftritt der Stadt motivierte sie, sich zu bewerben. Aber es gab auch einen anderen Beweggrund, gesteht sie mit Blick auf das Stadtschreiber-Stipendium und das Leben unter den Bedingungen der Pandemie: "Also für sieben Monate alle Zelte abzubrechen, das ist eine Entscheidung, die hätte ich wahrscheinlich vor zwei, drei Jahren mit viel mehr Nachdenken erst gefällt. Dieses Mal war ich sehr spontan. Einfach aufgrund der Tatsache, dass mit Covid-19 und den Folgen die eigene Existenz auf dem Spiel steht."

Engagierte Autorin: "Arbeit statt Almosen"

Die finanzielle Not der Kulturschaffenden ist das Thema, das sie gerade besonders bewegt. Auf die Absage der Leipziger Buchmesse vor einem Jahr hat sie mit einem Buch und Dokumentarfilm-Projekt reagiert: "Arbeit statt Almosen", eine Art Crowdfunding als Existenzsicherung von 20 Autorinnen und Autoren.

"Erst wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt, dann am nächsten Tag Lesung für Lesung das ganze Programm. Also ich habe da innerhalb von 24 Stunden Lesungen und Auftritte für das ganze erste Halbjahr im Wert von 9.000 Euro verloren. Und nahm rundum wahr, wie viele Kolleginnen und Kollegen einfach nur geschockt dasaßen. Ich dachte mir, das geht doch gar nicht: 'Wovon soll ich mein Essen bezahlen, wenn innerhalb von Stunden einfach alles weg ist. Ja, wir müssen was tun."

Mit Worten gestalten

Schachinger will mit Worten gestalten und nennt sich selbst Sprachkünstlerin. Von der Lyrik kommend fühlt sie sich in allen Gattungen zuhause, sofern sie denn den jeweiligen Themen entsprechen. Die findet sie quasi überall – gerne an anderen Orten. Sie selbst beschreibt sich als umtriebig, obsessiv und neugierig:

Die Themen, die mich umtreiben, könnte man subsumieren unter philosophische Fragestellungen: Was ist Wahrheit? Wie gehen wir miteinander um? Wie gehen wir mit der Welt um? Was lässt uns jeden Tag aufstehen? Warum bleiben wir nicht einfach liegen und sagen: 'Es reicht jetzt, es ist genug?' Ja, also was bringt uns dann noch immer dazu, weiterzumachen?

Marlen Schachinger Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin, Stadtschreiberin
Blick über die Elbe auf den Dom von Magdeburg.
Blick über die Elbe auf den Dom von Magdeburg. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Auch zu diesen Themen will sie sich in Magdeburg inspirieren lassen, wie ein Seismograf die Gesellschaft erspüren und gerne zu Diskussionen zusammenfinden. Eine erste Lesung ist schon geplant und auch eine Schreibwerkstatt. Die Inzidenzzahlen erlauben hoffentlich bald Live-Auftritte.

Kultur in Magdeburg

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2021 | 12:10 Uhr

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