Literaturpreis Chemnitz verleiht Stefan-Heym-Preis an Slavenka Drakulić und Richard Swartz

Der Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz geht an das schreibende kroatisch-schwedische Ehepaar Slavenka Drakulić und Richard Swartz. Beide stehen auf ganz unterschiedliche Art in der Tradition des Verfassers von "Ahasver", "Der König David Bericht" und "Schwarzenberg". Ursprünglich sollte der Literaturpreis im April 2020 verliehen werden, dem Geburtsmonat von Stefan Heym. Pandemie-bedingt verschoben findet die feierliche Übergabe nun am 10. Oktober im Opernhaus Chemnitz statt.

Schriftsteller Stefan Heym (1984) 4 min
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Die Schrifstellerin Slavenka Drakulic und der Schriftsteller Richard Swartz erhalten am 10. Oktober den Internationalen Stefan-Heym-Preis der Stadt Chemnitz. Michael Ernst berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.10.2021 06:00Uhr 03:59 min

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"Für Chemnitz ist Heym ein bisschen das, was Brecht für Augsburg ist", sagt Bernadette Malinowski, die unüberhörbar aus Augsburg stammt, inzwischen aber in Chemnitz zu Hause ist und als Professorin für Literaturwissenschaften an der dortigen TU wirkt. Stefan Heym werde gemeinhin und völlig zu Recht als politischer Autor dargestellt, meint Malinowski und fügt hinzu: "Für meine Begriffe ist er ein politischer Autor in einem ganz besonderen Sinne. Ich denke, diese Nähe des Politischen zum Ethischen und damit auch zum Humanen ist wesentlich mehr, was Heyms Werk auszeichnet als die konkrete politische Ausrichtung."

Für Chemnitz ist Heym ein bisschen das, was Brecht für Augsburg ist.

Bernadette Malinowski Literaturwissenschaftlerin

Im Gegensatz zu Bertolt Brecht scheint Stefan Heym in der öffentlichen Wahrnehmung heute weniger präsent zu sein. Der nach ihm benannte Preis könnte da ein wenig gegensteuern. Doch könnten Preise allein das nicht leisten, meint Malinowski. Und dennoch setze die Stadt mit dem Preis ein wichtiges Zeichen: "Insofern müssen wir gucken, dass der Preis vielleicht selbst auch etwas mehr in den Fokus zumindest des literarischen Lebens dieser Republik gerät, vor allem, weil die gekürten Autorinnen und Autoren natürlich auch Multiplikatoren des Werks von Stefan Heym sind", betont die Literaturwissenschaftlerin.

Feine Ironie und schonungslose Ehrlichkeit

Richard Swartz
Richard Swartz, 1945 in Stockholm geboren, lebt abwechselnd in Stockholm, Wien und Sovinja. Bildrechte: Paul Zsolnay Verlag

Umso mehr achtet die Jury auf wichtige Voraussetzungen der zu Ehrenden. Es müsse sich um eine Persönlichkeit handeln, die sowohl schriftstellerisch als auch journalistisch publizistisch tätig ist und sich durch einen kritischen, sich auch in aktuelle Debatten einmischenden Charakter auszeichnet, erklärt Malinowski. In diesem Jahr erhalten die kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulić sowie der schwedische Autor und Journalist Richard Swartz die Ehrung. Ein höchst engagiertes Ehepaar, lobt Malinowski:

"Die Art und Weise, wie beide mit diesen großen Themen umgehen, ist doch sehr verschieden. Richard Swartz zeichnet sich durch eine feine Ironie aus, zum Teil Selbstironie, während Slavenka Drakulić die Dinge so knallhart schonungslos benennt. Dahinter verbergen sich zwei unterschiedliche literarische Stile."

Drakulić über Kriegsverbrechen, Macht und Unterdrückung

Slavenka Drakulić ist insbesondere durch ihre Berichterstattung über die Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien bekannt und erhielt 2005 für ihr Buch "Keiner war dabei – Kriegsverbrechen auf dem Balkan vor Gericht" den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Malinowski erklärt: "Das geht einem unglaublich unter die Haut. Aber auch die großen Frauenbiografien – sie hat ja einen Roman geschrieben zu zwei historischen Persönlichkeiten, eine aus der Kunst und eine aus der Wissenschaft – auch da beschreibt sie im Prinzip Machtverhältnisse, Unterdrückungsszenarien, die sich in solchen Beziehungen jeweils abgespielt haben."

Leben heißt: an etwas glauben.

Stefan Heym, Schriftsteller

Ein Motto, das beide Preisträger verkörpern – davon ist Malinowski überzeugt: "Was beide eint ist, dass sie beide eine literarische Form der Dialektik der Aufklärung betreiben. Sie schauen mit schonungslosem Blick unter die Oberfläche, aber mit ganz unterschiedlichen Verfahrensweisen."

Stefan Heym ist aktueller denn je

Schriftsteller Stefan Heym (1984)
Stefan Heym wurde 1913 in Chemnitz geboren. Bildrechte: imago/Sven Simon

In der Tat stehen sie damit absolut in der Tradition von Stefan Heym, dem Namensgeber dieses Preises, für den Bernadette Malinowski unbedingt eine Lanze brechen will: "Ich meine, dass Stefan Heym aktueller denn je ist. Manchmal frage ich mich, was er zu bestimmten Phänomenen, wie sie in unserer Gesellschaft in Erscheinung treten, sagen würde. Bei welchen Themen ich ihn lauthals lachen höre und ihn sagen höre: 'Leute, habt ihr keine größeren Probleme?' Er eröffnet einen Denkraum und innerhalb dieses Denkraums höre ich ihn sagen: 'Leute, seid mal nicht so faul und bildet euch selbst ein Urteil!'"

Kunst und Kultur aus Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Oktober 2021 | 07:10 Uhr

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