Graphic Novel Reise ins Fürchtetal: Dem Thema "Suizid" ein Gesicht geben

Christine und Markus Färber teilen nicht nur, dass sie beide in Leipzig leben, in kreativen Berufen arbeiten – sie als Autorin und Journalistin, er als Comiczeichner und Illustrator – und Geschwister sind, sie eint auch der Verlust des Vaters. In ihrer ersten gemeinsamen Graphic Novel "Fürchtetal" setzen die Geschwister sich mit dessen Tod auseinander. Ein intimes, mystisches und liebevolles Werk, das jetzt im Rotopol Verlag erschienen ist.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um Suizid.

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Es ist ein dunkles Tal, das Fürchtetal, aber auch gespickt mit kleinen Lichtschimmern. Es öffnet den Lesenden Einblick in eine Welt, die durch ein schreckliches Ereignis – den Suizid des Vaters – ins Wanken geraten ist.

Diese Welt lassen die Geschwister Färber in "Fürchtetal" ganz einprägsam entstehen. Als Christine Färber im Jahr nach dem Tod des Vaters mit ihrem Bruder telefoniert, erzählt er ihr, dass er nicht richtig ins Zeichnen komme: "Da hab ich so als Tipp oder als Hilfestellung gesagt: Du passt auf. Ich schreibe einfach jeden Tag einen Satz und dann kannst Du dazu ein Bild zeichnen." Die Idee dahinter: vielleicht bekomme ihr Bruder so wieder Inspiration. Das Ergebnis dieses Vorschlags zeigt jetzt die berührende Graphic Novel.

Christine und Markus Färber
Die Geschwister Christine und Markus Färber schreiben in "Fürchtetal" über ihre Erinnerungen vor und nach dem Tod des Vaters. Bildrechte: privat

Zwischen Fichtenwäldern und Kindheitsfotos

Die Wort-Bild-Kompositionen im Buch schaffen ein Bild der Geschwister, die durch die Wege ihrer Kindheit wandern und verstehen wollen, was passiert ist. Dabei laufen sie auch durch das Tal, in dem sie groß geworden sind – eines mit dunklen Fichtenwäldern, durch deren Mitte eine grüne Schneise verläuft. In der Mitte des Buches ist sogar eine kleine Faltkarte eingebunden, die die heutige Perspektive der Geschwister näherbringt.

Fürchtetal Buch
Mystisch und verwoben ist es, dieses Fürchtetal. Bildrechte: Credits Rotopol Verlag / Christine und Markus Färber

In der Graphic Novel mutet der Ort mystisch an. Dafür sorgen auch die schwarz-weißen Tusche-Zeichnungen, die fragmentarische Erinnerungen der Schwester und des Bruders an den liebevollen Vater entstehen lassen. Etwa Erinnerungen an gemeinsame Wanderungen mit dem großen, stattlichen Mann, der der Vater gewesen sein soll. Einer, den in seiner Gemeinde alle kannten, der sich ehrenamtlich engagierte, aber auch an Depressionen litt.

Zeichnung
Die abstrakte Figur des Vaters in "Fürchtetal". Bildrechte: Rotopol Verlag/Christine und Markus Färber

Die Vater-Figur wird hier teils abstrakt dargestellt, als eine Art Stein in Kopf-Form. Das verleiht den Zeichnungen fast etwas Ironie. Markus Färber habe das Symbol für das Gefühl vom "Gefangensein" gewählt, mit dem er die Depression seines Vaters schon früher assoziiert und gezeichnet habe: "Weil ich gemerkt habe: Da ist jemand gefangen in seinem seinen Kopf. Also da ist nur noch der Kopf da, der kann sich nicht bewegen, der liegt nur noch da und ist gefangen, hat keine Arme und keine Beine mehr, um irgendwie zu fliehen."

"Wir wollen das ja fühlbar machen"

Das Assoziative im Comic ist überhaupt seine große Stärke, weil durch das implizierte Erzählen eine große Nähe zu den Figuren entsteht, auch wenn es keine stringente Handlung gibt. Der Suizid des Vaters ist zwar Anlass, Fragen zu stellen, aufzuarbeiten, aber nie, Erklärungen liefern zu wollen.

Dabei ist es den Geschwistern auf jeden Fall wichtig, offen und ehrlich über das Thema Suizid zu reden, auch wenn das in der Graphic Novel eben nicht immer explizit ist.

Fürchtetal Buch
"Im Wald ist er so nah. In der Stadt finde ich ihn selten." Bildrechte: Credits Rotopol Verlag / Christine und Markus Färber

Markus Färber wollte mit der Arbeit vor allem die Atmosphäre zeigen, in der man sich befindet, wenn ein nahestehender Mensch sich entschließt, sein Leben zu beenden: "Natürlich könnte jemand fragen: Warum macht ihr dann ein Buch, wo nicht direkt über den Suizid gesprochen wird, sondern wo es eigentlich emotional um dieses Thema geht? Wo die Bilder nicht die Tat zeigen oder nicht irgendwie Wort für Wort das Erzählen? – Wir wollen das ja fühlbar machen."

Bei der Lektüre wird ganz deutlich die Heftigkeit der Entscheidung des Vaters spürbar und das Hier und Jetzt der Geschwister beleuchet, die sich mit der Entscheidung des Vaters konfrontiert sehen. Neben den liebevollen Zeichnungen des Buches vermitteln das auch die klaren Worte von Christine Färber.

Auszug aus "Fürchtetal" Bedrohlich fühle ich es morgens um fünf unter meiner Haut. Aber erst vor dem Spiegel kommt die kurze Gewissheit über die Lippen. Ich habe keinen Vater mehr, sage ich mir entgegen und bin verstört wie am ersten Tag.

Dass aus der anfänglichen Korrespondenz der Geschwister ein Buchprojekt entstehen würde, war den beiden anfangs nicht bewusst, wie Markus Färber erzählt: "Es hat sich natürlich dann rausgestellt, irgendwann, dass das allumfassende Thema der Tod unseres Vaters ist. Es war am Anfang vielleicht noch ein bisschen distanzierter und später es ist auch eine ganz schön krass emotionale Arbeit geworden."

Fürchtetal Buch
In den Wort-Bild-Kompositionen finden Bruder und Schwester zusammen. Bildrechte: Rotopol Verlag / Christine und Markus Färber

Die Trauer schleicht um die Ecke

Diese Emotionen werden besonders dann spürbar, wenn die Trauer auf manchen Seiten durchbricht, die auf die Geschwister im Fürchtetal wartet, sie plötzlich fest im Griff hat oder durch unsichtbare Fäden zum Fallen bringt. Der Trauer im Buch Ausdruck zu verleihen, war Autorin Christine Färber wichtig: "Ich dachte immer, wenn man trauert, dann ist man traurig. Dann liegt man im Bett und will niemanden sehen, so war das gar nicht. Ich glaube, Trauer ist eine unglaublich individuelle Angelegenheit.

Ich trauere und ich ich nehme jetzt hier am Leben teil, aber ich bin auch noch traurig und noch nicht okay. Das war mir auch wichtig und das kommt in dem Buch für mich zumindest auch raus.

Christine Färber, Autorin und Journalistin

Das Buch sei auch deswegen wichtig für sie, weil sie die Möglichkeit, die ihr Vater nicht gesehen habe – nämlich, über seine Angst zu sprechen – anderen zeigen will. Dass es möglich sei, aus der Sprachlosigkeit raus zu kommen. "Es wäre eben schön, wenn Hilflosigkeit in Ordnung wäre und man miteinander dann eben hilflos ist. Aber dass man es eben zusammen aushält."

"Fürchtetal" erzählt nicht nur die Geschichte zweier Geschwister, deren Vater sich umgebracht hat, nein: Es ist auch ein Gesprächsangebot für Menschen, die trauern und Menschen, die Hilfe suchen.

Weitere Informationen Christine und Markus Färber: Fürchtetal
Erschienen im Rotopol Verlag
116 Seiten
ISBN: 396-451-024-6

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. November 2021 | 12:40 Uhr